WM und Handel mit Katar Große Klappe, nichts dahinter

Robert Habeck als Bittsteller zu Besuch bei Saad Scharida al-Kaabi (rechts), Energieminister von Katar. Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Lieber frieren oder Moralweltmeister sein? Die Deutschen haben sich mit dem Gaskauf als Maulhelden entpuppt, findet unser Redakteur Frank Rothfuß.

Das Entscheidende wissen wir noch nicht von dem jetzt bekanntgewordenen Handel mit Katar. Hat Wirtschaftsminister Robert Habeck vor dem Unterschreiben des Vertrags gefragt, wie viele Gastarbeiter beim Fördern und Verarbeiten des Gases, beim Bau der Infrastruktur gestorben sind; ob sie ordentlich bezahlt werden? Wohl nicht. Denn da geht es um Wohlstand, nicht um Spiele. Da will man sich Moral nicht mehr leisten. Man muss nur die Latte hoch genug legen, dann kann man aufrecht darunter hindurchgehen.

 

Am Rande der Heuchelei

Der Gasdeal ist Vernunft pur. Und mag klug sein, um Abhängigkeiten zu mindern, sich Zeit zu verschaffen, bis die Energiewende greift. Nun ist es nicht neu, dass Anspruch und Haltung auseinanderklaffen. Es spricht für die Verantwortlichen, dass sie trotz aller Moralapostelei wissen, dass Symbole keine Politik ersetzen. Die Kritik an Katar, weil dort Menschen ausgebeutet, weil dort die Menschenrechte missachtet werden, dass dort deshalb keine Fußball-WM stattfinden dürfe, war ohnehin am Rand der Heuchelei. Weil man schon lange gute Geschäfte mit Katar macht. Aber dass Regierungspolitiker die deutschen Fußballer für mangelnde Courage kritisieren, und sich wie Wirtschaftsminister Robert Habeck hinstellen und sagen, aber ich würde die vom internationalen Fußballverband Fifa verbotene One-Love-Binde tragen, wohl wissend, dass man bald aus Katar Gas bezieht, ist die hohe Kunst der Persönlichkeitsspaltung.

Der Verbraucher soll es richten

Wundert sich da jemand über den Vorwurf der Doppelmoral? Das Schlimme daran ist, dass damit jede noch so berechtigte Kritik an der Fifa und Katar wohlfeil wirkt und leicht zu parieren ist. Die Deutschen haben sich als Maulhelden entpuppt. Lass sie reden, sie kennen schon ihren Brecht: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Wer sich nicht schuldig fühle, hebe den Finger. Fleisch, Gemüse, Energie, Handys, Klamotten wie all das geerntet, zerlegt, zusammengeschraubt, gefördert, gewebt wird, interessiert uns nur am Rande, so lange es bezahlbar ist. Letztlich hat das Methode. Die Politik hält Sonntagsreden, liefert dann aber nicht, wohl wissend, dass die Verflechtungen und Arbeitsprozesse komplex sind, aber auch weil man ungern den Steuerzahlern und Arbeitgebern im eigenen Wahlkreis auf die Füße tritt.

So lagert man das aus an den Bürger. Der soll sich bitte informieren, wie die Tiere aufgezogen, wo die seltenen Erden für sein Handy ausgebuddelt, wie der Kakao für die Schokolade und die Baumwolle für die Jeans geerntet wurden. Perfektioniert hat das die Ölfirma BP. Die haben den Ökologischen Fußabdruck mit aller Penetranz beworben, nicht aus Sorge ums Klima, sondern um die Verantwortung dem Einzelnen zuzuschieben. Und Wirtschaft und Politik aus dem Fokus zu nehmen. Die WM zeigt das beispielhaft. Der Bürger fühlt sich moralisch verpflichtet und verantwortlich, boykottiert die Spiele, derweil tütet die Politik den Gashandel ein.

Werbung für die Emirates? Kein Problem

So sieht sie aus, die Arbeitsteilung der Deutschland AG. Die Politiker machen Geschäfte mit wem auch immer, weil sie Angst davor haben, der Bürger würde ungemütlich, wenn er friert und Wohlstand verliert. Der Bürger fordert von der Politik, dass er Energie kauft, wo auch immer, gerne billig. Alle fordern von den Fußballern, sie müssten den Mund aufmachen. Weil es da nicht weh tut und nichts kostet. Durchaus typisch ist, dass sich ARD und ZDF für ihre Dokus über die Lage in Katar und ihren kritischen Journalismus selbst loben, aber gleichzeitig rund um die WM Werbespots der Emirates zeigen. Das ist die Fluglinie der Vereinigten Arabischen Emirate. Dort droht Schwulen und Lesben die Todesstrafe, die Gastarbeiter werden auch dort ausgebeutet. Geld stinkt halt doch nicht. Zumindest nicht nach Gas und Öl.

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