WMF in Geislingen Politik-Influencer sieht das Aus von WMF
Der Politik-Influencer Dominik Kettner malt auf YouTube das Ende der WMF in Geislingen an die Wand. Der Betriebsratsvorsitzende und die IG Metall widersprechen vehement.
Der Politik-Influencer Dominik Kettner malt auf YouTube das Ende der WMF in Geislingen an die Wand. Der Betriebsratsvorsitzende und die IG Metall widersprechen vehement.
Deutschlands Zerfall, Alarmstufe Rot, Wir stehen kurz vor dem Ende“: Mit solchen und ähnlichen Schlagzeilen erreicht der Politik-Influencer Dominik Kettner auf seinem Youtube-Kanal „Kettner-Edelmetalle“ 472 000 Abonnenten. Weil die deutsche Wirtschaft abstürze, seien seine Edelmetalle der einzig sichere Hafen. Der Tagesspiegel und das Handelsblatt blicken kritisch auf Kettner. Sie werfen dem Goldhändler Panikmache und unseriöse Praktiken vor und kritisieren seine Nähe zu AfD-Politikern. Kettners Ziel sei, mit Angst Geld zu verdienen.
Dass die deutsche Wirtschaft im Untergang begriffen sei, will Kettner nun auch am Beispiel WMF festmachen. „WMF vor dem Aus“, lautet denn auch seine Schlagzeile. Das Unternehmen stehe mit dem Rücken zur Wand. Die Geschäftsführung sehe sich gezwungen, die Tarifbindung zu kündigen. „Hunderte Arbeitsplätze könnten schon bald der Vergangenheit angehören.“ Und weiter: „Das Filstal blutet aus. Die Region um Geislingen erlebt eine wirtschaftliche Katastrophe historischen Ausmaßes.“
Kettner kritisiert in seinem Beitrag zur WMF unterschiedliche Akteure: zum Beispiel den Betriebsratsvorsitzenden Metin Dogan, der sich überrascht zeige, von den Entwicklungen und der laut Kettner als Betriebsrat jederzeit Einblick in die Geschäftsbücher hätte nehmen können. „Stattdessen scheint man sich lieber mit ideologischen Grabenkämpfen beschäftigt zu haben, während das Unternehmen vor die Wand fuhr.“
Auch die IG Metall, vertreten durch die baden-württembergische Bezirksleiterin Barbara Resch, wird heftig angegangen: „Ihre öffentlichen Äußerungen, wonach diejenigen, die am tiefsten in der Materie stecken, angeblich nicht wüssten, wie Industrie funktioniere, sind an Arroganz kaum zu überbieten. Mit solchen ,Partnern‘ am Verhandlungstisch bleibt Unternehmen wie WMF keine andere Wahl, als die Reißleine zu ziehen“, schreibt Kettner weiter.
Metin Dogan und Michael Kocken, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Göppingen-Geislingen, wurden auf den Beitrag des Influencers angesprochen. Beiden war dieser zuvor nicht bekannt, sie erfuhren erst durch die Anfrage davon. Er habe daraufhin recherchiert und sich näher mit der Person Dominik Kettner beschäftigt, sagt Dogan. Seine Erkenntnis: „Er macht alles schlecht, verdreht Tatsachen, greift Personen an – aber die AfD greift er nie an.“ Wenn seriöse Medien mit ihm das Gespräch zur WMF suchen, „bin ich der Letzte, der Nein sagt“, betont Dogan. „Wir brauchen eine Presse, aber eine ehrliche. Mit Personen wie Dominik Kettner würde ich niemals ein Interview führen.“ Er habe nie mit Kettner gesprochen, betont Dogan. Deshalb sei es für ihn verwunderlich, wie der Influencer auf seine angeblich getätigten Äußerungen komme. Grundsätzlich sei die aktuelle wirtschaftliche Lage kein spezielles Problem des Filstals, sondern die Auswirkungen seien derzeit überall zu spüren. Daran seien nicht die Betriebsräte oder Gewerkschaften schuld.
„Kettner bezieht sich höchstwahrscheinlich auf die Kundgebung am 22. November 2025 in Geislingen, bei der Frau Resch gesprochen hat“, sagt Kocken. Der Beitrag des Influencers strotze vor Fehlern, ergänzt er. „Dass die WMF aus dem Tarifvertrag raus ist, stimmt nicht.“ Denn die Tarifmitgliedschaft des PCM-Bereichs (professionelle Kaffeemaschinen) sei unbestritten. „Die Kaffeemaschinenfertigung ist in der Tarifbindung“, bestätigt Dogan. Es gebe auch keine Anzeichen dafür, dass sich das ändern solle. Die Geschäftsführung habe dies auf einer Betriebsversammlung bekräftigt, die am 11. Dezember in der Jahnhalle stattgefunden hat. Es sei dabei auch klar geworden, dass die Arbeitsplätze nicht in Gefahr sind: „Es sollen keine Arbeitsplätze abgebaut werden.“
Kettner entlarve in seinem Beitrag „ein völliges Nichtwissen“, beschreibt Kocken. Es handle sich nur um Meinungsmache. Es sei oft zu beobachten, dass bei Beiträgen aus der rechten Szene „einfach draufgehauen wird“. Bei Kettner sieht Kocken eine Nähe zur AfD – auch, weil Peter Böhringer (AfD-Bundestagsabgeordneter) als Experte in Webinaren genannt werde und weil sich rechte Verschwörungstheorien in dem Youtube-Kanal fänden. Dass der Betriebsratsvorsitzende Einblicke in die Geschäftsbücher habe, sei in diesem Fall ebenfalls so nicht richtig: Dogan sei „primus inter pares“, also „Gleicher unter Gleichen“. Soll heißen: „Der Wirtschaftsausschuss hat die Aufgabe, alles anzuschauen und den Betriebsrat zu informieren.“ Der Betriebsrat habe zwar Rechte, „aber zu sagen, er hätte alles wissen können, ist falsch“.
Dogan ist sich sicher: Wenn man den Influencer auf die Fehler ansprechen würde, die er in seiner WMF-Veröffentlichung mache, „würde dabei wieder der gleiche Blödsinn rauskommen“. Auch Michael Kocken betont, dass es sich um eine Strategie der Rechten handle: Kettner gehe es nicht um die Wahrheit, sondern darum, schlechte Stimmung zu verbreiten.