Die Geburtsstätte der bundesrepublikanischen Demokratie ist ausgerechnet nach einem Koenig benannt: Alexander Koenig, einem Zoologen, der 1912 in Bonn ein Naturkundemuseum errichten ließ. Der neoklassische Bau blieb im Zweiten Weltkrieg von Bomben verschont. Da in der Stadt am Rhein sonst kein repräsentatives Gebäude verfügbar war, traf sich im Lichthof des Museums am 1. September vor 70 Jahren der Parlamentarische Rat. 66 Männer und vier Frauen hatten den Auftrag, sich eine Verfassung für das neue Deutschland auszudenken, das es jedoch zu jenem Zeitpunkt noch gar nicht gab. Es war in vier Besatzungszonen aufgeteilt.
Zwischen Bären und Gorillas an Grundrechten gefeilt
Die Feier zum Auftakt der Arbeit an dem Regelwerk, das später Grundgesetz heißen sollte, hatte schon die Teilnehmer wegen der kuriosen Kulisse leicht befremdet. Davon erzählt Carlo Schmid, einer von ihnen, seinerzeit Justizminister von Württemberg-Hohenzollern, in seinen Memoiren: „Wohl kaum hat je ein Staatsakt in so skurriler Umgebung stattgefunden“, schreibt der Sozialdemokrat. „Unter den Bären, Schimpansen, Gorillas und anderen Exemplaren der exotischen Tierwelt kamen wir uns ein wenig verloren vor.“ Wegen der „bizarren Umgebung“ sei „keine rechte Feierlichkeit“ aufgekommen.
Zum Feiern ist dem damals 51 Jahre alten Genossen Schmid, im früheren Leben Richter in Tübingen und Dozent für Völkerrecht, ohnehin nicht zumute. Er hegt große Vorbehalte gegen eine neue Verfassung. Zudem hätte er den Parlamentarischen Rat lieber in eine „Barackenstadt an der Demarkationslinie“ einberufen, um den „provisorischen Charakter der Bundesrepublik“ zu unterstreichen. Mit dieser Ansicht ist er in Ruinendeutschland 1948 jedoch allein. „Ich wurde ausgelacht“, notiert er. Schmid verdankt seinen Sitz im Parlamentarischen Rat nur der Gnade der politischen Konkurrenz. Wegen ihrer großen Mehrheit im Landtag von Württemberg-Hohenzollern hätte die CDU beide Vertreter dieses Landes nach Bonn entsenden dürfen. Der christdemokratische Regierungschef Gebhard Müller will den Sozialdemokraten Schmid jedoch dabei haben, weil er damit die gemäßigten Kräfte im roten Lager zu stärken hofft. Dem CDU-Patriarchen Konrad Adenauer ist dieses schwäbisch-liberale Entgegenkommen ein Dorn im Auge.
„Kein endgültiges ,Deutsches Haus’, nur ein Notdach“
Ähnlich unbequem empfindet Schmid den Arbeitsauftrag der alliierten Militärverwaltung. Er sträubt sich partout dagegen, den Deutschen eine neue Verfassung zu schreiben, solange das besiegte Reich geteilt und „die Ausübung der deutschen Volkssouveränität blockiert“ sei. Gegenüber den Siegermächten wird er ziemlich barsch. „Wo ein Volk sich unter Fremdherrschaft zu organisieren hat“, doziert Schmid, „konstituiert es sich nicht, sondern organisiert sich lediglich.“ Er reist jedenfalls zunächst nach Herrenchiemsee, wo ein Entwurf für das spätere Grundgesetz erarbeitet wird, und daraufhin nach Bonn in der Absicht „kein endgültiges ,Deutsches Haus‘ zu bauen, sondern nur ein Notdach, das uns für die Zeit des Übergangs Schutz gewährt“.
Ein Notdach finden die Architekten des Grundgesetzes in der ehemaligen Pädagogischen Akademie am Rheinufer, einem Domizil im Stile des Bauhauses, wo von 1949 bis zum Umzug nach Berlin im Jahr 2000 auch der Bundesrat unterkommt. Die Parlamentarischen Räte haben es damals noch nicht so kommod wie ihre Nachfolger heute: „Büros für die einzelnen Abgeordneten gab es nicht“, berichtet Carlo Schmid, „ebenso wenig einen wissenschaftlichen Apparat oder wissenschaftlich ausgebildete Assistenten“. Von den kargen Arbeitsverhältnissen kann man sich im Bonner Haus der Geschichte einen Eindruck verschaffen. Dort ist ein schlichter Holztisch ausgestellt, den sich zwei Deputierte teilen mussten. In den schmalen Schubladen haben nicht viele Akten Platz. Die Stühle sind nicht bandscheibengerecht geformt und dreh- oder rollfähig. Nur die Sitzflächen sind gepolstert.
Adenauer hielt stets „einige Flaschen Weines“ parat, um andere zu überzeugen
Das prunkvollste Arbeitsgerät, das den Vätern und Müttern des Grundgesetzes vergönnt ist, ähnelt einem Altaraufsatz. Es handelt sich um ein vergoldetes Tintenfass, das Konrad Adenauer, Präsident des Parlamentarischen Rates und danach erster Bundeskanzler, aus dem Kölner Rathaus mitbringt, wo er von 1917 bis 1933 und 1945 für einige Monate Oberbürgermeister war. Aus dem Kristallgefäß, von zwei güldenen Engeln gehalten, können Schmid & Co ihre Füller nachladen, als sie das Grundgesetz am 23. Mai 1949 unterzeichnen. Tinte ist nicht das einzige Mittel, mit den Adenauer die Verhandlungen in Gang hält. Als langjähriger Kommunalpolitiker hat er „ausgiebige Erfahrungen gesammelt über die beste Art, mit Menschen umzugehen, die anders wollten, als er meinte, dass sie wollen sollten“, schreibt Schmid. Er habe selten versäumt, „einige Flaschen Weines parat zu stellen, um ein stockendes Gespräch wieder in Gang zu bringen“.
Der SPD-Mann hatte von dem CDU-Patron dennoch nicht das beste Bild. „Man hat mich vor Ihnen gewarnt“, sagt er ihm beim ersten Treffen. „Sie kennen Ihren Ruf; vielleicht denken Sie, dass ich Ihnen diesem Ruf entsprechend begegnen werde. Sie irren sich; ich werde Ihnen jedes Wort glauben. Sie werden sich von mir gefallen lassen müssen, dass ich Sie immer wieder bei Ihrem Wort nehmen werde.“ Adenauer soll ihm entgegnet haben: „Was uns unterscheidet, ist nicht nur das Alter, es ist noch etwas anderes: Sie glauben an den Menschen, ich glaube nicht an den Menschen und habe nie an den Menschen geglaubt.“
Ärger wegen „ein paar dummen Knilchen und heillosen Biedermeiern“
Die beiden unterscheidet aber auch, dass Carlo Schmid etwas von Gesetzen versteht, Konrad Adenauer sich aber wenig um die Details schert. „Außer Schmid hatte niemand ein fertiges Konzept in der Tasche“, erklärt dessen Biografin Petra Weber. Adenauer wiederum habe „kein Komma“ zum Grundgesetz beigetragen, ist in den Tagebüchern von Theodor Heuss nachzulesen, dem ersten Staatsoberhaupt der neuen Republik. Bis Heuss Bundespräsident werden kann und die Grundrechte auf dem Papier stehen, ist eine Menge Arbeit zu leisten. Dafür ist Schmid als Vorsitzender des Hauptausschusses zuständig. Dieser absolviert eine Sechstagewoche und braucht 59 Sitzungen für die 146 Artikel der provisorischen Verfassung. Der SPD-Mann beklagt sich: „Ich komme beinahe um vor Arbeit und weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht.“ Zudem gehen ihm „ein paar dumme Knilche und heillose Biedermeier“ auf die Nerven. Als abgestimmt wird, steht aber ein Ja mit Ausrufezeichen hinter seinem Namen im Protokoll – auch das ist im Haus der Geschichte zu besichtigen. Dabei stimmt Schmid dem Verfassungsprovisorium „nur schweren Herzens“ zu.
Ungeachtet aller Bedenken und Mühen bleibt ihm noch Zeit, während der Arbeit am Grundgesetz seine Mitstreiter zu karikieren. Den politischen Spott verpackt er formvollendet in Hexameter. So heißt es in dieser „Parlamentarischen Elegie“ über Adenauer, den er „Held Konrad“ nennt: Er sei „dem sinnenden Gotte vergleichbar, und wie es Fürsten geziemt, mischt er sich selten dem Volk“. Auch Theodor Heuss schildert die Arbeit am Grundgesetz auf lyrische Weise. Bei ihm wird das „ABC des Parlamentarischen Rates“ zum Anagramm. In der Strophe, die Schmid gewidmet ist, muss wegen dessen Vornamens alles mit C beginnen: „Der Carlo celebriert wie ein Gedicht, die hohen Worte seines Staatsfragments, auf jedem Comma wuchtet sein Gewicht – jetzt die Cäsur, dann fühlsam die Cadenz.“