Tausende Porsche und Mercedes fielen in Los Angeles dem Rost anheim. Der Fotograf Dieter Rebmann, links im Bild, gehört zu den Wenigen, die freien Zugang zu der Stätte das Prachtverfalls bekamen. Foto: Dieter Rebmann
Das mit Porsche und Mercedes gespickte Rostlaubenimperium eines deutschen Auswanderers war in der Oldtimer-Szene eine Legende. Der Neuhausener Dieter Rebmann hat die verfallende Pracht verewigt.
Es ist 23 Jahre her, aber die zwei Tage auf dem Schrottplatz der Träume bei Hollywood lassen Dieter Rebmann bis heute nicht los. „Da stand ich mit meinen Kameras auf diesem riesigen Gelände – und war völlig überfordert. So viele Motive, so viele Details, man weiß gar nicht, wo anfangen“, erinnert sich der Fotograf aus Neuhausen auf den Fildern.
Zwei Tage lang zieht Rebmann damals mit dem Stativ zwischen den Tausenden von Porsche, Mercedes, Bentley, Maserati und Rolls Royce umher. Er fotografiert die rostigen Preziosen, bei denen Gras durch den Boden wächst, den Taubenschiss auf dem teuren Leder. Im Handschuhfach eines Unfallautos findet er einen wohl nie erledigten Einkaufszettel. Er will alles festhalten, aber ihm fehlt die Zeit. „Es verfolgt mich bis heute, dass ich keine Gelegenheit hatte wiederzukommen“, sagt Rebmann.
Es darf nicht jeder auf den Schrottplatz, vor allem nicht Fotografen
Dabei hatte er den König des Rostlauben-Imperiums schon auf seiner Seite: Rudi Klein, eine Legende in der Oldtimer-Szene. Gebürtiger Rüsselsheimer, gelernter Metzger und berüchtigter Misanthrop. Er vertraut dem schwäbischen Fotografen. Der will nur Bilder machen, kein Schnäppchen oder cleveren Deal.
Klein lässt nicht jeden auf den Platz, Fotografen schon gar nicht, und von Leuten, die ihm nicht behagen, verlangt er Mondpreise. Aber Rebmann dürfe wiederkommen, sagt er. Dann aber kommt der 11. September 2001 mit den Terroranschlägen in New York, und wenig später stirbt Rudi Klein mit 65 Jahren an einem Herzinfarkt.
Auswanderer Rudi Klein hat den Schrottplatz in den USA aufgebaut. Foto: Dieter Rebmann
Dieter Rebmann hat den Schrottplatz in Florence, South Central Los Angeles, seither nie wieder besucht. Kleins Söhne haben den Betrieb verkleinert und wickeln das meiste übers Internet ab. Rebmanns Wunsch blieb unerfüllt, noch einmal in Ruhe mit der Kamera all den Geschichten nachzuspüren, die an dieser Stätte des Prachtverfalls versammelt waren.
Der billig eingekaufte Schrott wird zur Goldmine
Hier der Mercedes 500 K Special Coupé des berühmten Rennfahrers Rudolf Caracciola, da der 600er von Playboy-Chef Hugh Hefner, dort der Horch 780, der später ins Audi-Museum kam. Daneben, darunter und darüber gestapelt rund 2000 Porsche. Allein fast unvorstellbare 200 verbeulte Stück vom Urtyp 356 waren da, nicht wenige von Schauspielern zu Schrott gefahren und dann von Klein für wenig Geld von Versicherungen und auf Auktionen eingesammelt. „Der Rudi ist auch nachts um drei losgefahren, um einen verunglückten Ferrari abzuholen“, erinnert sich Rebmann. Der Schrott, den er Anfang der 1970er-Jahre billig kaufte, wurde mit dem Oldtimerboom der folgenden Jahrzehnte zur Goldmine.
Ein Porsche Typ 356 – von diesen Autos sind auf dem Schrottplatz einige Stück zu finden. Foto: imago/Dreamstime Massimocampanari
Wenn Klein danach war, hat er die Wracks und Ersatzteile verkauft – an Restaurateure, die sie mit großem Aufwand instand setzten und mit ordentlichem Aufschlag weiter verkauften, oder an Filmproduzenten, die sie für spektakuläre Crash-Szenen aufmöbelten. Irgendwann fing er an, vor allem deutsche Fabrikate systematisch zu kaufen, auch bei Auktionen stieg er ein. Manche Schmuckstücke ließ er in der kalifornischen Sonne liegen, ohne je Hand daran zu legen. „Im Original sind sie mir lieber“, sagte er.
„Porche“ steht an der Eingangstür – absichtlich mit fehlendem s
Als Klein genug Geld gemacht hatte, folgte er nur noch der eigenen Nase. Viele Interessenten ließ er einfach abblitzen. So jedenfalls erklärt Dieter Rebmann, warum der Schrottplatzchef in der Szene als eigensinniger Sturschädel bekannt war – und selbst mancher Museumsdirektor der großen Hersteller irgendwann den Kontakt mit ihm mied. „Für mich war er auf seine Art absolut geradlinig“, sagt Rebmann.
„Porche Foreign Auto Car Dismantling“ hieß die Autoverwertung des Deutschen. Das fehlende s sollte wohl Markenschutz-Streitereien mit dem Sportwagenhersteller aus Zuffenhausen vermeiden. Es ist Dieter Rebmann und dem Journalisten Roland Löwisch zu verdanken, dass man sich heute noch ein Bild von diesem Platz machen kann, wo Rost und vergangener Glamour zu einem einmaligen Gebilde aufgetürmt waren.
Dutzende von Fotos sind in dem Buch „Junk Yard“ versammelt, das Rebmann und Löwisch 2017 im Heel-Verlag, Königswinter, veröffentlicht haben. Es sind die Früchte der rastlosen zwei Tage des Sommers 2001. So viele Geschichten, man weiß nicht, wo anfangen. Beim 280er-Mercedes von Burt Lancaster, beim Ferrari von Sonny und Cher? Bei einem der höchst seltenen Mercedes 300 SL-Flügeltürer mit Karosserie aus Alu?
Er musste erst lernen, „das Licht zu sehen“, sagt Rebmann
Die Tage in Florence sind im langen Berufsleben von Dieter Rebmann etwas Außergewöhnliches. Selbst für ihn, dessen täglich Brot es ist, schicke Autos an pittoresken Schauplätzen abzulichten. Rebmann begleitet seit vielen Jahren den Oldtimer-Schönheitswettbewerb „Concours d’Elegance“ im kalifornischen Pebble Beach, er fotografiert die Pressevorstellungen neuer Mercedes-Modelle. Auch für seine Kalender hat er motorisierte Fahrzeuge vor der Linse.
Kurioserweise sagt Rebmann: „Ein Autonarr bin ich nie gewesen.“ Dass er sich beruflich seit mehr als 30 Jahren auf Autos konzentriert, ist wohl ebenso eine Fügung des Zufalls wie es bei Rudi Klein der Einstieg in den Schrotthandel war. Zur nötigen Begabung und zum Blick für das Besondere kam die Nachfrage. Rebmann ist heute 68, aber der Gedanke an den Ruhestand ist ihm fremd. „Ich hör doch nicht auf mit Fotografieren“, sagt er. Gerade erst hat er die Reihe „Freiheit ist ein starker Motor“ für Mercedes aufgenommen: Lauter Mitarbeiter, die stolz ihre privaten Autos präsentieren.
Fotografieren ist ein Handwerk, sagt er. Nur wer das beherrscht, kann eine Kunst daraus machen. Der gebürtige Sindelfinger, der heute in Neuhausen auf den Fildern lebt, ist beim bekannten Fotografen Paul Swiridoff in die Lehre gegangen. „Du musst erst einmal lernen, das Licht zu sehen“, sagte ihm der Mann, der einst auch dem Künzelsauer Unternehmer Reinhold Würth das Tor in die Welt der Kunst geöffnet hat.
Eine Zeit lang hat Rebmann im renommierten Studio von René Staud in Stuttgart gearbeitet. Staud kam als erster auf die Idee, Autos unter eine neun Meter lange Lichtwanne zu stellen, um jede Kontur perfekt auszuleuchten. Noch lieber ist es Rebmann aber, wenn mehr Leben drin ist, sich das Objekt in freier Wildbahn bewegt – oder auch reglos in südkalifornischer Hitze dem Verfall entgegen wittert.
„Wie der Zahn der Zeit an den Dingen nagt, das hat mich fasziniert“, sagt Rebmann. Er hätte ihn gern noch einmal gesehen, den ganzen schönen Schrott.