Woche für das Leben in Stuttgart Kirchen arbeiten gegen die Angst vor Behinderung

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Die Untersuchungen am ungeborenen Kind bringen für werdende Eltern oft eine Scheinsicherheit. Die evangelisch und katholische Kirche mahnen, dass neues Leben bedingungslos angenommen werden soll.

Bischof Gerhard Fürst hilft beim Kochen in der inklusiven Torwiesenschule Foto: Lg/Piechowski
Bischof Gerhard Fürst hilft beim Kochen in der inklusiven Torwiesenschule Foto: Lg/Piechowski

Stuttgart - Der Bluttest zur Früherkennung des Downsyndroms in der neunten Schwangerschaftswoche könnte bald von den Krankenkassen finanziert werden. Daher haben die evangelische und die katholische Kirche die „Woche für das Leben“ vom 14. bis 21. April unter dem Motto „Kinderwunsch. Wunschkind. Unser Kind!“ der Diskussion über die Pränataldiagnostik (PND) gewidmet.

Die Kirchen befürchten, dass sich werdende Eltern bei einem auffälligen Befund vermehrt gegen das Baby entscheiden könnten. Die Angst vor einem behinderten Kind sei gesellschaftlich so akzeptiert, dass ein Schwangerschaftsabbruch als naheliegende Konsequenz erscheine.

Bischöfe bei der Küchenarbeit

Der evangelische Landesbischof Frank Otfried July und der katholische Bischof Gerhard Fürst waren zur Erklärung der kirchlichen Position in die Torwiesenschule, einer inklusiven Grund-und Realschule der Diakonie Stetten, gekommen. Dort banden sie sich zunächst in der Küche die Schürzen um und halfen bei der Zubereitung des Schulmittagessens. Fürst schnippelte Paprika für den Pizzabelag, July ging der schwerst mehrfach behinderten Vera zur Hand. Er hielt den Pürierstab in den Fruchtjoghurt für den Nachtisch und das Mädchen gab über einen Knopf den Strom-Impuls für das Küchengerät.

Inklusion beginnt vor der Geburt

Inklusion beginnt schon vor der Geburt, betonte Fürst. Er und July fordern eine gesellschaftliche Debatte über die ethische Brisanz pränataldiagnostischer Tests. „Wir müssen darüber reden, wie sich diese gezielte Suche nach Behinderungen beim ungeborenen Kind zu unseren Vorstellungen von Menschenwürde für alle Menschen verhält, unabhängig von ihrer gesundheitlichen Ausstattung“, sagte Fürst. Mit Sorge beobachte er, dass sich die vorgeburtlichen Untersuchungen als Normalität etablierten, betonte July. Diese brächten die werdenden Eltern in unerträgliche Entscheidungskonflikte. „Begründungspflichtig ist inzwischen eher ein Nein zur PND“, kritisierte er. „Wir befürchten, dass sich der Bluttest in absehbarer Zeit zu einem Screening auf Trisomie 21 ausweiten wird. Auch wenn er zunächst nur für so genannte Risikoschwangere zugelassen werden wird.“

Bluttest als Kassenleistung

Alle empirischen Forschungen zeigten, dass der Bluttest als reines Selektionsinstrument wirke, schrieb Fürst an den gemeinsamen Bundesausschuss. Dieser ist das Beschlussgremium der Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und Krankenkassen, das an einem Methodenbewertungsverfahren arbeitet, nach dem der Test in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen werden könnte. Die ethischen Aspekte werden ausdrücklich ausgeklammert. Die Blutabnahme könnte die risikoreiche und erst sehr viel später mögliche Fruchtwasseruntersuchung ersetzen.

Werdende Eltern unter Druck

Die Bischöfe schließen sich dem Inklusionsbeirat der Behindertenbeauftragten der Bundesregierung an. Dieser betrachtet die pränatalen Untersuchungen als „schädliche Praktiken“, weil sie Menschen mit Behinderung diskriminierten. Der Inklusionsbeirat fordert, die Tests auf solche Befunde zu beschränken, die während der Schwangerschaft oder direkt nach der Geburt behandelt werden können. Er verlangt auch, die öffentliche Forschungsförderung für vorgeburtliche Untersuchungsmethoden einzustellen, sofern diese nicht der Gesundheit des Ungeborenen oder der schwangeren Frau dienen.

Claudia Heinkel von der Fachstelle der Diakonie für die Information über PND macht die Erfahrung, dass sich Paare unter gesellschaftlichem Druck zunehmend verantwortlich dafür fühlen, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen. Sie weist auch darauf hin, dass Tests eine Scheinsicherheit vermitteln. Viele Behinderungen würden erst nach der Geburt diagnostiziert.

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