Die Führungskämpfe beim „Spiegel“ und „Stern“ zeigen, wie hart auch die Hamburger Wochenmagazine um die Zukunft ringen. Nur die Wochenzeitung „Zeit“ scheint schon weiter zu sein und verbucht neue Erfolge.
Stuttgart - Hamburg, die deutsche Medienmetropole: drei große Titel begründen mit ihrer Tradition und ihrer Qualität diesen Ruf – „Zeit“, „Stern“ und „Spiegel“. Seit Gründung der Bundesrepublik haben sie deren Geschicke begleitet, haben Themen gesetzt und Skandale enthüllt, haben den Anführern aus Politik, Wirtschaft und Kultur auf die Finger geschaut, ihnen ins Gewissen geredet und eine bessere Zukunft angemahnt. Doch wenn es um die eigene Zukunft geht, wirkt derzeit nur die „Zeit“ auf sicherem Kurs, während „Stern“ und „Spiegel“ aktuell in tiefen und kräftezehrenden Führungskrisen stecken.
Dominik Wichmann verlor vor einer Woche nach nur einem Amtsjahr seinen Chefredakteursposten beim „Stern“ (zuvor war er Co-Chef und davor Stellvertreter gewesen). Das gleiche Schicksal könnte dem „Spiegel“-Chef Wolfgang Büchner drohen, der sich mit Teilen seiner Redaktion zerstritten und den Machtkampf mit opponierenden Ressortleitern ausgerufen hat.
Der Streit um Personen ist ein Streit um das Profil
Wer in diesen Tagen mit Mitarbeitern der beiden Redaktionen spricht, bekommt höchst widersprüchliche Einschätzungen über die Hintergründe vermittelt. Dieselben Personen gelten mal zu selbstbezogen und dann wieder zu „unkreativ“, mal zu entscheidungsschwach oder zu „unkommunikativ“. Und je mehr man so spricht, desto stärker wird der Eindruck, dass der Streit um Personen doch eigentlich ein Streit um das künftige Profil der beiden Titel ist. Wie kann der Auflagenrückgang der Print-Titel gestoppt werden? Wie können jüngere Leser ganz neu für journalistische Inhalte interessiert werden? In welchem Verhältnis stehen Print und Online zueinander? Vor diesen Zukunftsfragen stehen bekanntlich gerade alle Verlage der Welt.
Der große „Stern“-Relaunch, mit dem Dominik Wichmann vor einem Jahr seinen neuen Führungsanspruch markierte, schien darauf auch optisch eine Antwort geben zu wollen: Wichmann verpasste der Illustrierten ein breites, dunkles Retro-Design, mit dem sich langjährige Freunde des Magazins in die siebziger Jahre zurückversetzt fühlten, also in eine Zeit, da der „Stern“ noch Themen für die politische Debatte in Deutschland zu setzen vermochte. Verstärkt wurde dies durch die Entscheidung, für den ersten Magazinteil die Überschrift „Diese Woche“ zu reaktivieren, jenen Titel, mit dem der „Stern“-Gründer Henri Nannen einst versucht hatte, Rudolf Augstein den Rang des führenden Nachrichtenmagazins streitig zu machen.
Die Reform der Reform
Relevanz, Debattenwert, Gesprächsstoff – sollte dies die Botschaft des neuen „Stern“ gewesen sein, hat Wichmann sie in den folgenden Monaten aber nicht einlösen können. Die Themen, die der „Stern“ bot, waren vielfach nicht schlecht, im Gesamteindruck dennoch irgendwie beliebig – ein „nice to have“, also „nett“, aber eben nicht „zwingend“; ein Spiel, für das man Zeit haben muss, sich aber nicht nehmen braucht. Ironie der Geschichte: just mit dem Heft, das zeitgleich mit seinem Rauswurf erschien, verkündete Wichmann den Lesern prompt die Reform der Reform, nämlich die Abkehr vom Retrodesign; künftig werde das Erscheinungsbild „frischer und zeitgemäßer“. Die „Stern“-Auflage war in der Zwischenzeit weiter gesunken.
Wolfgang Büchners Hauptaufgabe beim „Spiegel“ lautet zweifellos, die Print- und die Online-Redaktion miteinander zu verzahnen. Diesem Zweck dient auch seine Entscheidung, alle Ressortleiterposten neu auszuschreiben und dabei die Print- und Onlineressorts künftig zu vereinen – abgesehen vom Nebeneffekt der Disziplinierungsmöglichkeit allzu kritischer Gegenspieler. Für das zukünftige „Spiegel“-Profil aber noch wichtiger scheint Büchners Plan, das Print-Magazin vom kommenden Jahr an für alle samstags erscheinen zu lassen. Die Botschaft, die dahinter steckt, reicht weit: Künftig geht es den Hamburgern weniger darum, am Montag die Debattenagenda der Führungsklasse für die neue Woche zu bestimmen, sondern ihre Leser zum Wochenende mit großen Analysen und Debattenbeiträgen zu versorgen.
Keine Sorgem bei der „Zeit“
Und just hier steckt ja das Erfolgsrezept der „Zeit“. Sie verheißt ihren Lesern die kompetente Erklärung und Einordnung des Weltgeschehens der vergangenen Tage – und hat zugleich den Mut, mit vorrangig „weichen“ Schwerpunktthemen über Trends in der Gesellschaft selbstbewusst auch noch eigene Akzente zu setzen – ohne, dass jemand auf die Idee käme, ihr deswegen „Entpolitisierung“ vorzuwerfen. Ein Rezept, mit dem die „Zeit“ als Wochentitel einen vorerst sicheren Platz gefunden hat. Führungsfragen scheinen sich da nicht zu stellen. Giovanni di Lorenzo leitet die Redaktion seit nun zehn Jahren.