Wölfe in Sachsen Unter Beschuss

Von Andres Eberhard 

Seit der Rückkehr der Wölfe vor 15 Jahren sind in Sachsen fünf Tiere getötet worden. wurde ein Wolf mit 31 Schrotkugeln im Bauch gefunden. Hauptverdächtige sind die Jäger.

Die Feindschaft zwischen Jägern und Wölfen greift tief. In Deutschland leben die Tiere mitunter gefährlich – elf Wölfe sind seit 2000 getötet worden. Foto: dpa
Die Feindschaft zwischen Jägern und Wölfen greift tief. In Deutschland leben die Tiere mitunter gefährlich – elf Wölfe sind seit 2000 getötet worden. Foto: dpa

Hermsdorf - Sie haben den Wolf mit 31 Schrotkugeln im Bauch gefunden. Friedrich Noltenius und Lothar Jentschel stehen an der Stelle, wo das Tier im Gras lag. Auf einem rund hundert Meter breiten Wiesenstreifen in Hermsdorf, Gemeinde Lohsa, Sachsen. Es ist nicht weit bis zum Wald und nicht weit zu einem Schotterweg, der ins Dorf führt. Noltenius und Jentschel sind Jäger, beide ganz in Grün, mit Fleecejacke und Brille. Jentschel hat ein Foto in der Hand von dem toten Tier. Am Bauch haben sich bereits die Vögel zu schaffen gemacht. Weiße Fellbüschel sind übers Gras verstreut. „Wir verurteilen das“, sagt Jentschel, „aber erst wenn Blei in der Luft ist, halten sich Wölfe vom Menschen fern.“

Fünf Wölfe wurden in den vergangenen Jahren in Sachsen illegal getötet. Der letzte Fall ereignete sich vorletzte Woche in einem Wald bei Weißkessel im Landkreis Görlitz, wo ein männlicher Wolf mit einem Bauchschuss aufgefunden wurde. Die Dunkelziffer ist vermutlich höher. „Schießen, schaufeln, schweigen“, so heißt es in dieser Gegend.

Die Feindschaft zwischen Jägern und Wölfen greift tief. Es ist der archaische Kampf zwischen Mensch und Wolf mit dem Jäger als Urvertreter des Menschen und dem Wolf als Urvertreter des Bösen. 1904 hat der Mensch den Kampf in Deutschland gewonnen. Damals wurde der letzte Wolf in Hoyerswerda, 20 Kilometer nördlich von Hermsdorf, geschossen. Dann gab der Mensch dem Wolf eine zweite Chance: Vor 20 Jahren ließ man ihn aus Polen einwandern. Nun streift er wieder durch die Wälder, wegen seines europaweiten Schutzes ist er auf legalem Weg nicht zu stoppen.

Sehr zum Ärger einiger Jäger. Der Kampf um die Beute ist das eine. 65 Rehe, neun Stück Rotwild und 16 Sauen frisst ein Wolf im Schnitt im Jahr. Ein Jäger erlegt in etwa gleich viele Rehe und die zehnfache Menge Rotwild, die Jagd ist für ihn durch die Konkurrenz aber anspruchsvoller geworden. Das andere, das ist die Frage, wer im Wald den besseren Naturschutz betreibt, für das bessere Gleichgewicht sorgt. Der Wolf mit seinem Instinkt oder der Jäger mit seinem Verstand.

Das Wildschaf Mufflon ist in der Gegend praktisch ausgestorben

Noltenius sagt: „Der Wolf ist ein Opportunist, er holt sich die Arten, die er leicht kriegen kann.“ Warum, fragt er sich, schützen wir den Wolf und andere Tiere nicht? Mit geschätzten 25 000 Tieren gilt der Wolf in Nordosteuropa seit 2004 nicht mehr als gefährdet. Das Wildschaf Mufflon hingegen, eine seiner beliebtesten Mahlzeiten, ist in der Gegend praktisch ausgestorben. „Für uns Jäger sind alle Arten gleich“, sagt er, „gegenüber Tieren bin ich kommunistisch.“ Wir haben also die Wahl: Wollen wir in unserem Wald die Gesetze Darwins oder die des Sozialismus?

Der Wolf ist in Deutschland ein Repräsentant der wilden Natur, wie sie sich viele Menschen zurückwünschen. Wolfsbefürworter erachten die geglückte Wiederansiedlung als Erfolg des Umweltschutzes. Anders denken die Menschen vor Ort. „Die Lausitz, das ist keine Wildnis“, sagt Noltenius, „wir Menschen haben sie verändert, teilweise zerstört. Wir können jetzt nicht so tun, als wäre das nicht passiert.“ In anderen Worten: der Mensch ist Teil der Natur, also trägt er auch Verantwortung an der natürlichen Ordnung.

Noltenius und ein Dutzend anderer Jäger aus der Region Bautzen haben eine Aktionsgruppe Wolf gegründet und eine Webseite namens Wolfszone eingerichtet, sie verspricht, „Wolf und Naturschutz aus anderer Sicht“ zu betrachten. Ende Januar übergab die Gruppe dem sächsischen Landtag eine Petition mit insgesamt 10 000 Unterschriften mit der provokanten Überschrift: „Die heimische Tierwelt bittet um ihre Hilfe.“

Noltenius wirkt nicht wie ein martialischer Wolfsmörder

„Wir werden den Wolf jagen müssen“, sagt Noltenius mit großer Bestimmtheit. Er wirkt nicht wie ein martialischer Wolfsmörder oder Tierquäler. Er spricht mit ruhiger Stimme, analysiert, relativiert. Er ist ein Pragmatiker, der es in Ordnung findet, Tiere zu töten. Kollege Jentschel rutscht eher mal ein pfeffriger Spruch über die Lippen. Er gibt auch zu, dass er den Wolf gerne jagen würde, sobald es legal ist. „Denn wir jagen für die Beute.“ Muss man sie deswegen Mörder nennen, sie anfeinden, ihnen die Hochsitze im Wald umsägen?

Jentschel tippt mit dem Finger auf die Statistik zu den Wölfen in der Lausitz. 2000: 1 Rudel. 2007: 3 Rudel. 2010: 6 Rudel. 2014: 15 Rudel. Wissenschaftler haben bundesweit Raum für rund 400 Wolfsfamilien errechnet. Zurzeit sind es mindestens 21 Familien und vier Paare. Es hat also noch Platz. Nur: Was passiert dann? Die meisten Wolfspaare bekommen jährlich Nachwuchs, pro Wurf gibt es im Schnitt vier bis fünf Welpen. Die Jäger rechnen damit, dass pro Jahr 1000 Wölfe „entnommen“ werden müssten, wenn das Maximum erreicht ist.