Diesmal werden die Nürtinger ein gewichtiges Wort mitreden. Bei der Gestaltung des Wörth-Areals, einem der letzten Filetstücke am Nürtinger Neckarufer, sollen die Bürgerinnen und Bürger einbezogen werden. Wie wichtig Bürgerbeteiligung ist, zeigt ein Blick zurück. Am Widerstand der Bürgerschaft ist schon manches Projekt am Nürtinger Neckar gescheitert.
Bereits 2010 war die ursprünglich geplante zweireihige Bebauung am östlichen Neckarufer von Teilen der Bürgerschaft als zu dicht gegeißelt und nach einer Unterschriftensammlung nicht realisiert worden. Schließlich hob der Gemeinderat den Bebauungsplan „Wörth östlich“ sogar auf.
Das Gelände liegt seit mehr als 20 Jahren brach
Seither liegt das Gelände zwischen Steinach, Stadtmuseum und Neckar brach – und das seit mehr als 20 Jahren. Menschen mit grünem Daumen und Interesse an gemeinschaftlichem Tun haben dort zwischenzeitlich das Urban Gardening Projekt „Bunte Beete“ angesiedelt, es gibt einen Bike-Park, und die geschotterten Flächen im Wörth werden von den städtischen Mitarbeitenden als Parkplatz genutzt.
Dabei ist das Wörth-Areal aus stadtplanerischer Sicht eine wichtige Fläche für die Schaffung von Wohnraum in innerstädtischer Lage und bedeutsam für die Innen- und Außenentwicklung Nürtingens, wie die Leiterin des Stadtplanungsamtes, Susanne Mehlis, im vergangenen Herbst konstatierte, als Studierende der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen Geislingen ihre Visionen und Ideen zur Belebung des Quartiers im Stadtmuseum präsentierten.
Weil sich die verdichtete Planung für das Wörth in der Vergangenheit gemäß dem Leitanspruch „Innenentwicklung statt Außenentwicklung“ als heißes Eisen erwiesen hat, will die Kommune diesmal bei der Bürgerbeteiligung alles richtig machen.
Der Gemeinderat soll erneut abstimmen
Dazu hat der Gemeinderat einen neuen Planungs- und Beteiligungsprozess gestartet. Vor Ostern wurde „der Punkt ‚Bürgerbeteiligung für die Entwicklung des Wörth-Areals’ aber wieder von der Tagesordnung des Gemeinderats genommen, nachdem sich in der Vorberatung eine klare Mehrheit für wenige, ganz grobe Rahmenbedingungen im Sinne des Beteiligungskompasses ausgesprochen hatte“, berichtet der Oberbürgermeister Johannes Fridrich. Dieses Stimmungsbild werde in eine neue Sitzungsvorlage gegossen, über die im Bauausschuss und Gemeinderat abgestimmt werden soll.
Neben dem richtigen Umgang mit der Bürgerschaft muss die Kommune auch den gesetzlich geforderten Hochwasserschutz im Blick behalten. Denn wo der Neckar nur einen Steinwurf entfernt an der Altstadt vorbeifließt, stoßen naturgemäß die Interessenslagen Hochwasserschutz, Ökologie und zentrumsnahes Wohnen aufeinander. Nicht zuletzt das 2013 entwickelte Integrierte Stadtentwicklungskonzept ISEK hatte ergeben, dass den Bürgerinnen und Bürgern der erlebbare Neckar unter dem Stichwort „Grüne Stadt am Fluss“ besonders wichtig ist.
Auch Fridrich hatte bald nach seiner Wahl auch mit Blick auf die damalige Landesgartenschauplanung eine ein- statt einer zweireihigen Bebauung im Wörth favorisiert. Er strebt eine Planung im Konsens mit der Bürgerschaft an, denn alle sollen dabei gewinnen, wenn die Aufenthaltsqualität und die Zugänglichkeit zum Neckar verbessert wird. Immerhin habe Nürtingen nur ein Neckarufer und „entsprechend sensibel muss man beim Thema ‚Bebauung am Neckar’ damit umgehen“, sagt der Verwaltungschef. Ein klimagerechtes Quartier mit qualitativ hochwertigen Freiräumen soll entstehen, dessen „Wohnbebauung so gestaltet ist, dass sie auch in ökologischer Hinsicht einen Mehrwert für die Stadtgesellschaft leistet“.
Der Nürtinger Widerstand hat schon Geschichte
Dabei hat Fridrich sicher die Historie des Nürtinger Widerstands im Hinterkopf, denn an Bauplänen am Neckar hat sich immer wieder Kritik entzündet. Wie 2016, als der Investor BPD das alte Krankenhaus- und Psychiatriegelände vom Kreis kaufte, um dort zehn Gebäude mit 155 Eigentums- und Mietwohnungen zu bauen. Kritiker bemängelten die massive Bebauung und die Baumfällungen und verlangten, die Kommune solle das Areal für sozialen Wohnungsbau kaufen. Dazu kam es nicht. Der Investor verkaufte an die Kreissparkasse, statt zehn werden nun vier Punkthäuser realisiert.
Die ersten Pläne zum Hotel am Fluss wurden eingestampft
Ebenfalls zur Amtszeit von Ex-Oberbürgermeister Otmar Heirich formierte sich Widerstand gegen ein Hotel flussaufwärts, das ein Reutlinger Investor bauen wollte. Nachdem die ursprünglichen Pläne des Städtebaulichen Wettbewerbs Westlicher Neckar“ beiseite gefegt wurden und der Gemeinderat die Forderung nach Beteiligung der Bürgerschaft abwies, wetterte die Bürgerinitiative Nürtingen am Neckar gegen gesichtslose, überdimensionierte Pläne. Als die Initiative genügend Stimmen für ein Bürgerbegehren zusammenbekam, stimmte der Gemeinderat 2018 für die Aufhebung des Verkaufsbeschlusses. Nun will ein Nürtinger Gastronom dort ein Naturhotel erstellen.
Ein weiter Weg bis zur Bürgerbeteiligung
Bürgerschaft
2010 hatten sich Bürger zum Forum Wörth zusammengeschlossen und über 3000 Unterschriften gegen die geplante zweireihige und dichte Bebauung gesammelt. Bei Runden Tischen wurde ein Kompromiss erarbeitet, der vom damaligen Gemeinderat aber nicht vollständig akzeptiert wurde. Das Forum Wörth steht nach eigenen Angaben einer Neugestaltung des Areals nicht im Weg, verlangt aber, dass die Bürgerschaft im Vorfeld zu Rate gezogen wird.
Richtschnur
Auf der Basis des Beteiligungs-Kompass soll Bürgerbeteiligung fürs Wörth-Areal auf der Stufe „Miteinander Gestalten“ unter aktiver Einbeziehung der Bürger organisiert werden. Beteiligt sind auch Stadtverwaltung, Gemeinderat und Experten. Neben Rahmenbedingungen und definierten Bereichen, die mitgestaltet werden können, soll es auch Entscheidungsspielräume geben. Begrenzende Faktoren sind Gesetze, Zeit und Geld.