Als im Frühjahr 1966 in Biberach eine Vortragsreihe mit dem Titel „Wege und Gestalten“ geplant wird, ergeht auch eine Einladung an Helmuth Plessner. Man weiß nicht mehr, was den Gastgeber, ein lokales Unternehmen, seinerzeit bewog, den emeritierten Hochschullehrer aus Göttingen in den Südwesten zu locken – aber die Wahl leuchtet, auch heute noch, ein. Plessner war nicht nur ein weithin geachteter Gelehrter, der sich im Grenzbereich zwischen Philosophie und Soziologie bewegte; er gilt auch als einer der Mitbegründer der Philosophischen Anthropologie. Er, der 1933 wegen der jüdischen Abstammung seines Vaters Deutschland verlassen musste und erst siebzehn Jahre später zurückkehrte, zählt zu jenen, welche die Frage nach dem, was den Menschen zum Menschen macht, auf ein neues Niveau hoben.
Ein Vortrag über „Menschenverachtung“
Die Ergebnisse seiner Studien bedeuteten indes eine schmerzhafte Zäsur, markierten einen Neuanfang in der Rede vom Menschen. Deutlich wurde der besondere Ton, für den Plessner stand, bereits in einer Rede, die er Jahre zuvor an der Universität Göttingen gehalten hatte. Das Thema hätte mit dem akademischen Festakt kaum stärker kontrastieren können: Plessner sprach „Über Menschenverachtung“.
Sein Vortrag im Schwäbischen mit dem Titel „Das Problem der Unmenschlichkeit“ hat nichts von seiner Brisanz eingebüßt. Er hat sogar mit Blick auf den Krieg in Nahost noch an Aktualität gewonnen. Und er ist geeignet, sich von einem unaufgeklärten Humanismus zu lösen. Plessner lädt uns dazu ein, in den Spiegel zu blicken – und angesichts der Gräueltaten im Nahen Osten die Frage aufzuwerfen, wozu wir Menschen fähig sind, wenn es zum Äußersten kommt.
Plessner stellt fest: der Mensch ist immer zur Gewalt fähig
Mit den ersten Sätzen setzt Plessner bereits den Ton: „Mit den Worten Unmensch und unmenschlich sollte man sparsam sein.“ Wer historisch bewandert ist oder kulturell interessiert, sieht sich schnell mit einer Vielzahl von Gewaltakten konfrontiert – das reicht von Kannibalismus und Blutrache bis hin zu den Verbrechen der Nationalsozialisten. Das, was uns zutiefst erschüttert und bisweilen am Menschen zweifeln lässt, liegt im Bereich seiner Möglichkeiten. Gewalttaten sollten daher nicht länger als das „ganz Andere“ des Menschen betrachtet werden, sondern als ein Charakteristikum, das wir in unserer Selbstbeschreibung meist vernachlässigen. Nur – wie lässt sich das erklären? Wie lautet der präzise Befund? Und: Wie sähe ein Menschenbild aus, das diese Dimension angemessen berücksichtigt?
Die Antwort liegt möglicherweise in einem Terminus, der etwas technisch klingt, sich aber gut übersetzen lässt. Typisch für den Menschen ist nach Plessner seine „exzentrische Positionalität“. Das bedeutet: Als Menschen können wir auf Distanz zu uns selbst gehen; wir sind gespalten. Im Unterschied zu Tieren und Pflanzen sind wir nicht auf ein bestimmtes Milieu verwiesen. Viele Tierarten besitzen zwar ein ungleich besser Seh-, Hör- und Riechvermögen, aber der Mensch vermag seine mangelhafte Ausstattung auf verblüffende Weise zu kompensieren. Dazu sind wir in der Lage, weil wir nicht mit uns identisch sind; Menschen verfügen über kein Zentrum. Wir sind – so könnte man sagen – notorische Exzentriker. Wir führen unser Leben ohne den Schutz tierischer Instinkte. Exzentrisch positioniert zu sein bedeutet, über große Freiheiten zu verfügen und ohne Absicherungen auskommen zu müssen. Es gleicht einem Drahtseilakt.
Was abstrakt klingt, lässt sich bei einem Gang ins Kino überprüfen. Beobachten wir Schauspielerinnen, werfen wir laut Plessner, einen Blick auf den Grund unserer Existenz. Denn nur weil wir Menschen exzentrisch positioniert sind, können wir in die Haut einer Figur schlüpfen. Wir sind also nicht zur „Authentizität“ verdammt, sondern können andere Lebensentwürfe spielerisch darstellen. Und selbst wenn sich eine Schauspielerin in einer Rolle zu verlieren scheint, unterstellen wir doch, dass sie nach den Dreharbeiten in den Alltag zurückfindet. Plessner: Der Schauspieler „ist sein eigenes Mittel, er spaltet sich in sich selbst, bleibt aber, um im Bilde zu bleiben, diesseits des Spalts, hinter der Figur, die er verkörpert, stehen. Er darf der Aufspaltung nicht verfallen, wie etwa der Hysteriker oder der Schizophrene, sondern er muss mit der Kontrolle über die bildhafte Verkörperung den Abstand zu ihr wahren. Nur in solchem Abstand spielt er.“
Dieses Vermögen – auf Distanz zu sich selbst gehen zu können – ist Segen und Fluch zugleich. Die innere Spaltung befähigt uns dazu, von eigenen Interessen zu abstrahieren. Wir können diese einklammern und zurückstellen und uns anderen zuwenden. Wir können uns für das Leid und Elend anderer empfänglich zeigen. Können deren Nöte höher gewichten als eigene Befindlichkeiten und am Schicksal anderer Anteil nehmen. Kurz: Wir können uns empathisch zeigen und Solidarität üben. Nur – wir müssen dies nicht tun. Wir können es. Es ist weder Gesetzmäßigkeit noch ein Automatismus. Allzu häufig schotten wir uns ab und ignorieren die Bedürfnisse anderer; gehen über sie hinweg oder manipulieren sie. Denn wer eine Rolle zu spielen vermag, kann dieses Vermögen auch strategisch einsetzen. Er kann sein Gegenüber täuschen und betrügen. Wer sich verstellen kann, so Plessner, dem werden „Lüge und Heimtücke zu Instrumenten“.
Die ganze Abgründigkeit der „exzentrischen Positionalität“ zeigt sich in Ideologien der Ungleichheit. Anders als Feuersalamander und Knollenblätterpilze ist der Mensch nicht davor gefeit, sich in phantasmatische Vorstellungen hineinzusteigern, die auf der Unterscheidung in wertvolles und wertloses Leben beruhen. „Nur der Mensch kennt kein Maß“, so Plessner, „nur er wird das Opfer seiner Träume und seiner Konsequenzen. Maßlosigkeit ist das Stigma des Menschen, weil ihm die schützende Führung der Instinkte fehlt.“
Plessner: „Unmenschlichkeit ist an keine Epoche gebunden“
Ebendies lehren uns die Bilder vom 7. Oktober. Religiöser und politischer Fanatismus sind keine krankhaften Verirrungen; sie gehören nicht in die Zuständigkeit von Psychiatern. Sie schlummern im Menschen; sie verweisen auf die Möglichkeit, das eigene Leben einer todbringenden Ideologie zu überantworten und jegliche Form der Anteilnahme zu verweigern. Was in den Medien gerne als „Barbarei“ beschrieben wird, als Rückfall in archaische Verhaltensmuster, ist jedoch keine Besonderheit der Vormoderne. „Unmenschlichkeit“, so ist bei Plessner zu lesen, „ist an keine Epoche gebunden und an keine geschichtliche Größe, sondern eine mit dem Menschen gegebene Möglichkeit, sich und seinesgleichen zu negieren.“
Nicht minder verstörend ist schließlich die Beobachtung, dass es häufig gar nicht „niedere Beweggründe“ sind, die Menschen zur Begehung von Grausamkeiten motivieren; am Ursprung brutaler Gewalthandlungen steht meist, so Plessner, ein „erhabenes Motiv“, steht die Überantwortung an eine Heilslehre, die Glanz und Vollendung verspricht – und doch nur Leid und Elend über die Menschen bringt.
Nimmt man diese Überlegungen ernst, verändert sich nicht nur der Blick auf das Massaker der Hamas und die massiven Gegenschläge des israelischen Militärs. Wir blicken hier in einen Abgrund, werden auf schmerzhafte Weise mit dem konfrontiert, wozu wir Menschen fähig sind.
Plessners Beobachtungen sind aber auch geeignet, die (ausbleibenden) Reaktionen der Zivilgesellschaft, des künstlerisch-kulturellen Feldes wie auch der Wissenschaft in ein neues Licht zu tauchen. Denn für viele Betroffene war das verweigerte Mitgefühl, die mangelnde Anteilnahme kaum weniger schockierend. Was Hannah Arendt bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten bereits formuliert hatte – die größten Verletzungen seien ihr nicht vom politischen Gegner, sondern von (vermeintlichen) Freunden und Weggefährten zugefügt worden, die sich von ihr lösten, als es auf Beistand ankam –, kehrt nun wieder. Jüdische Intellektuelle – wie etwa die Soziologin Eva Illouz und die Journalistin Nele Pollatschek – haben zuletzt ihre Verbitterung über ein Milieu artikuliert, das sich als „links“ beschreibt, dabei freilich einer plumpen Logik der Parteinahme folgt und kaum Bereitschaft erkennen lässt, zwischen den palästinensischen Bewohnern aus Gaza und dem Terrorkommando der Hamas zu unterscheiden. Sie sehen sich mit einem wieder aufflammenden Antisemitismus konfrontiert, der nicht allein auf den Straßen von Neukölln offen gezeigt wird und Jüdinnen und Juden in Deutschland, fast achtzig Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs, in Angst und Schrecken versetzt. Aber auch Muslime sowie in Deutschland lebende Palästinenser vermissen Empathie und Mitgefühl. Sie sehen sich antimuslimischen Ressentiments ausgesetzt und beklagen, für die Gräueltaten der Hamas in Sippenhaft genommen zu werden. Nicht unbeteiligt daran ist, so der Journalist Yassin Musharbash, der Bundespräsident: Dieser hat Muslime unlängst unter den Generalverdacht gestellt, potenzielle Sympathisanten der islamistischen Terrorgruppe zu sein.
Verbittert über den linken Antisemitismus
Empathie im Angesicht des Monströsen
Will man angesichts des tausendfachen Leids in Nahost, der weiteren Eskalation und der neuen Wellen antisemitischer und antimuslimischer Ressentiments nicht kapitulieren, sondern nach Auswegen suchen, ist es hilfreich, die Überlegungen Plessners weiterzuführen – und den Blick auf jene Kräfte zu lenken, die uns veranlassen, von unserer Empfindungsfähigkeit nur eingeschränkten Gebrauch zu machen. Wir sollten jene Bilder, Diskurse und Narrative kritisch beleuchten, welche Ideologien der Ungleichheit transportieren und suggerieren, dass nicht alle Opfer gleichermaßen betrauernswürdig sind. Und wir sollten Schriftsteller wie Ron Leshem unterstützen, der es jüngst als die schwierigste Prüfung bezeichnet hat, „angesichts des Monströsen“ so viel „Empathie wie möglich“ zu bewahren und Geschichten in Umlauf zu bringen, welche Mitgefühl und intellektuelle Beweglichkeit immer wieder aufs Neue stimulieren.
Die Fähigkeit der Anteilnahme, die Bereitschaft zum Perspektivenwechsel – sie können verkümmern, wie ein Muskel, der nicht regelmäßig trainiert wird. Vielleicht ist es das, was wir am meisten fürchten müssen.
Markus Rieger-Ladich lehrt Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Tübingen. Zuletzt erschien von ihm: ‚„Das Privileg. Kampfvokabel und Erkenntnisinstrument (Reclam).