Wohndebatte unter der Paulinenbrücke Rockenbauch ruft Revolution aus

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Sechs Experten aus Politik, Stadtplanung und Wissenschaft haben am Österreichischen Platz über die Wohnungsnot diskutiert. Die Stadtlücken hatten dazu im Rahmen ihrer Aktionswoche „Wohnen unter der Brücke“ eingeladen.

Die Architektin Christina Simon-Philipp (mit Mikrofon)  fordert eine konsequnete Nachverdichtung.  Die Debatte haben rund 250 vorwiegend junge  Menschen verfolgt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Die Architektin Christina Simon-Philipp (mit Mikrofon) fordert eine konsequnete Nachverdichtung. Die Debatte haben rund 250 vorwiegend junge Menschen verfolgt. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Eine Debatte über die aktuelle Wohnungsnot. Der Ort der Veranstaltung: unter einer Brücke. Das klingt fast ein bisschen nach arg bösem Zynismus. Oder nach einer ganz, ganz düsteren Zukunftsprognose. Ganz so hatten es die Architekten und Stadtplaner des Vereins Stadtlücken wohl nicht im Sinn als sie zu ihrer Wohndebatte sechs Vertreter aus Politik, Stadtplanund und Wissenschaft unter die Paulinenbrücke eingeladen haben. Vielmehr wollen die Stadtlücken aus dem bisher unansehnlichen Österreichischen Platz bis Ende 2019 einen hübscheren Ort machen für die Bürger dieser Stadt. In der vergangenen Woche luden sie zu einer Aktionswoche rund um das Thema Wohnen mit dem schönen Titel „Wohnen unter der Brücke“ ein – weil sie eben unter der Brücke sind.

Die Studentengruppe Adapter hat dafür unter der Brücke ein blaugraues Quadrat eingezeichnet und dieses hübsch eingerichtet: Sofas, Betten, Bücherregale, eine Küchenzeile mit Kühlschrank und sogar eine Badewanne. Alles auf 39 Quadratmeter. Soviel braucht der Durchschnittsbürger an Wohnfläche etwa für sich.

Wie wollen wir wohnen? Wie wollen wir leben?

Doch kann überhaupt jeder so viel Platz beanspruchen? Auch darum ging es in der Debatte, die von Sven Hahn, Redakteur bei den Stuttgarter Nachrichten, moderiert wurde. Vor allem aber um die zentralen Frage, die inzwischen so viele Menschen beschäftigt: Wie kann man die Wohnungsnot in den Großstädten lösen? Und wie kann man dafür sorgen, dass die Preise auf dem Immobilienmarkt nicht weiter ins Unermessliche steigen? Rund 250 Besucher, vor allem sehr viele junge Menschen, drängten sich unter der Brücke. „Bemerkenswert, dass sich so viele für dieses Thema interessieren“, sagte Moderator Sven Hahn zu Beginn. Dabei ist es vermutlich wohl die Brisanz des Themas, die die Besucher anlockte. „Wir haben einen Angebotsmarkt, der den Reichen hilft“, sagte der Intendant der Internationalen Ausstellung 2027 (IBA), Andreas Hofer. „Inzwischen wird schon die Mittelschicht aus den Städten heraus gedrängt.“ Deshalb sei das Thema jetzt überall präsent. „Wohnen ist ein begrenztes Gut. Das kann die Marktwirtschaft nicht alleine lösen“, ergänzte der Schweizer und erntete dafür viel Beifall aus dem Publikum.

Doch wie kann die Politik das lösen? Kann sie das überhaupt alleine? Darüber gingen die Meinungen auseinander. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Martin Körner setzt auf den klassischen Weg: bauen, bauen und bauen. Das muss aus seiner Sicht sowohl in der Innenstadt, als auch am „Siedlungsrand“ geschehen, also zumindest „da, wo es vertretbar ist.“ Gabriele Munk von den Grünen wiederum glaubt an Modelle des Teilens und Tauschens und auf die Funktionsfähigkeit des Stuttgarter Innenentwicklungsmodells (SIM), das unter anderem für mehr Sozialwohnungen sorgen soll. Ein zentrales Thema sei für sie auch eine rigidere Bodenpolitik: Es könne nicht sein, dass „Investoren definieren, was richtiges Wohnen ist. Die Stadtgesellschaft muss das tun.“

Rockenbauch erhält viel Beifall für provokante Thesen

Die Architektin und Professorin an der Hochschule für Technik Stuttgart (HfT), Christina Simon-Philipp, gab eher Körner recht und plädierte für eine konsequente Nachverdichtung: „Vor allem ist es ein Thema, das die ganze Region angeht. Das kann Stuttgart nicht alleine lösen.“ Entlang vieler S-Bahn-Stationen in der Region, so habe eine Analyse ergeben, gebe es durchaus noch Kapazitäten. „Dazu müssen wir Bauen und Mobilität in einem engen Kontext denken.“

Doch dafür müssten aber die Verantwortlichen in den Umlandkreisen wie Böblingen, Esslingen, Ludwigsburg oder Waiblingen mit Stuttgart an einem Strang ziehen. Dort dachte sich aber so mancher Rathauschef in der Vergangenheit: „Warum soll ich denn für Stuttgart bauen?“

Und während Martina Baum, Professorin für Städtebau an der Uni Stuttgart, und Andreas Hofer für ganz neue Ideen in der Stadtplanung warben – weg von der klassischen, eintönigen Architektur, die in engen Grenzen denkt, nur an Wohnen an sich und nicht an Leben in den Städten – plant Hannes Rockenbauch den ganz großen Wurf: „Wir brauchen eine Revolution!“ Überhaupt ist der Stadtrat der Fraktionsgemeinschaft SÖS-Linke-Plus gegen allzu viel bauen, erst Recht nicht auf der grünen Wiese. Er stellt stattdessen das Eigentumsrecht in Frage: „Wem gehört denn die Stadt?“ Für ihn gehört sie ganz klar den Bürgern und nicht irgendwelchen Spekulanten. Auch fordert er, dass die Stadt viel selbstbewusster mit Gesetzen und Instrumenten umgehen muss, um Investoren massiv einzuschränken. „Man muss da deutlicher klarstellen: Wenn du nicht spurst, dann gibt es eine städtebauliche Entwicklungsmaßnahme.“ Auf die Frage von Sven Hahn, wie man mit Unternehmen wie Vonovia umgehen sollte, war für Rockenbauch klar: „Enteignen muss man die!“ Für seine provokanten Ansätze zur Lösung der Wohnungsnot erhielt der Politiker aus dem Publikum viel Beifall. Ein älterer Herr bezeichnete die Forderungen aber als „sehr naiv“.

Hofer rät den Stuttgartern, sich selbst zu organisieren und ihre Interessen durchzusetzen

Unterstützung bekam er – für die eine Aussage – auch von HfT-Professorin Simon-Philipp: „Man muss die gesetzlichen Instrumente, die man hat, tatsächlich mutiger durchsetzen. Wo soll es in der Stadtentwicklung hingehen? Die Stadt eiert da oft herum.“

Die Wissenschaftlerin Martina Baum wiederum ist überzeugt, die Politik kann dieses Thema ohnehin nicht alleine lösen. Es brauche „ungewöhnliche Koalitionen“: „Es hat sich da so eine gesättigte Bräsigkeit, wie man bei uns in Bayern sagen würde, breit gemacht.“ Dabei könne diese Notsituation wahnsinnig viel Potenzial entfalten, um etwas Gutes für Stuttgart zu schaffen. „Wir brauchen keinen Wohnungsbau, sondern müssen Stadt als Ganzes planen.“ Und diese Diskussion müssten die Bürger dieser Stadt führen: „Wie wollen wir hier leben?“ Dafür brauche es neue Typologien, neue Denkweisen, was wohnen ist, was Stadt eigentlich ist.

Davon ist auch IBA-Intendant Andreas Hofer überzeugt: „Ich glaube an die Kraft des guten Beispiels und an die Kraft der guten Architektur.“ Die IBA 2027 werde solche Beispiele sicher bringen. „Die werden wir hinkriegen. Die werden etwas bewegen“, kündigte er an.

Zum Schluss hatte der Schweizer noch einen ungewöhnlichen Tipp für die Stuttgarter: „Die Diskussion wird wahnsinnig legalistisch geführt hier. Aber man kann den Kapitalismus nicht per Gesetz bezwingen.“ Deshalb ist sein Appell: „Macht was selber, organisiert euch.“ Denn: Der größte Teil der Stadt müsse den Menschen gehören.

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