Wohneinrichtung und Psychologie Sofa auf Wanderschaft – Was steckt hinter dem Drang, die Wohnung umzugestalten?

Jeanette Neidhardt-Rosenberger empfiehlt, vor einer Umgestaltung erst einmal zu überlegen, mit welchen Orten man positive Erinnerungen verknüpft. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt, Sebastian Ruckaberle

Unsere Autorin stellt ihre Möbel regelmäßig um. Woher kommt dieses Bedürfnis? Und wie richten wir uns so ein, damit wir uns wohlfühlen? Eine Expertin für Wohnpsychologie gibt Tipps.

Politik: Lisa Kutteruf (lis)

Manchmal stehe ich im Wohnzimmer und stelle mir vor, wie es aussähe, wenn das Sofa nun hier und die Kommode dort stünde. Das kleine Regal könnte dann an diese, der Beistelltisch an jene Wand rücken. Wäre das nicht toll, mit dem Sessel direkt vor dem Fenster, mit viel Tageslicht zum Lesen? Oft lasse ich meine Ideen noch ein paar Tage sacken. Manchmal aber auch nicht. Dann stelle ich die Möbel sofort an ihren neu auserwählten Platz – zum Leid oder auch zur Freude so mancher Mitbewohner und Freunde. „Oh, wie sieht’s denn hier aus??!“, heißt es dann. Oder auch: „Ah, war es mal wieder so weit“.

 

Wohnen ist Veränderung“: Anpassung an Lebensphasen

Was steckt hinter diesem Umgestaltungsdrang? Und wie können wir Wohnungen so gestalten, dass wir uns maximal wohl darin fühlen? „Wohnen ist Veränderung, sonst würden wir alle noch im Kinderzimmer wohnen“, sagt Jeanette Neidhardt-Rosenberger, Fachplanerin für Wohn- und Architekturpsychologie.

Sie spricht von sechs Wohnbedürfnissen. „Sie sind in jedem von uns vorhanden, aber wechseln von der Gewichtung im Lauf des Lebens.“ Wenn sich ein neuer Schwerpunkt ergebe, könne es sinnvoll sein, die Wohnung daran anzupassen – also umzustellen. Nimmt etwa die Arbeit am Schreibtisch viel Raum ein, ist es ratsam, ihn an einen hellen Platz zu stellen. Nutzt man den Schreibtisch hingegen nur als Ablage, liest dafür aber häufig auf dem Sofa, gibt man logischerweise lieber diesem Möbelstück den besten Standort. Auch ich habe meine Wohnung schon mehrfach an solche veränderten Schwerpunkte angepasst.

Die sechs Schwerpunkte sind laut der Expertin:

1. Erholung und Regeneration: Wo in der Wohnung kann ich mich in Ruhe erholen? Gibt es ein gemütliches Sofa, einen Platz, um bei schönem Licht einen Tee zu trinken?

2. Sicherheit: Fühle ich mich in einer Erdgeschoss-Wohnung sicher? Ist er mir wichtig, die Wohnung stets so vorzufinden, wie ich sie verlassen habe? (Dann wäre eine Wohngemeinschaft vermutlich eher nicht das Richtige)

3. Gemeinschaft: Gibt es Raum für Begegnung? Gemütliche Plätze zum Zusammensitzen?

4. Ästhetik: Was empfinde ich als schön?

5. Repräsentation: Wie will ich wahrgenommen werden? Wie will ich mich durch die Wohnung darstellen?

6. Selbstwirksamkeit: Das menschliche Bedürfnis, die eigene Umgebung aktiv zu formen.

Das Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit muss sich laut Neidhardt-Rosenberger aber selbstverständlich nicht in der Gestaltung oder Umgestaltung des Wohnraums ausdrücken. „Die einen pflanzen gern Blumen, die anderen schreiben vielleicht Bücher.“ Wenn Menschen ihre Wohnung nie umgestalten, könnte das daran liegen, dass sie ein stärkeres Bedürfnis nach Sicherheit und Konstanz haben. Und: „Es kann sein, dass man in jungen Jahren die Wohnung fünfmal umgestellt und jedes Jahr neu gestrichen hat – und 20 Jahre später sagt: So wie es jetzt steht, passt es für mich“, sagt Neidhardt-Rosenberger.

Möbel-Umstellen als Reset und kostenlose Neugestaltung

Sie vermutet, dass ich mich durch meinen Umgestaltungsdrang ausprobiere – und lobt: „Das ist gut, um herauszufinden, womit man sich wohlfühlt.“ Zudem könne das Umstellen von Möbeln auch wie ein „Reset“ wirken, eine „kostenlose Neugestaltung“, die dem Gehirn neue Impulse gibt und das Wohlbefinden steigert.

Ein Raum, zwei Konstellationen: Die Möbel unserer Autorin bewegen sich gerne durch die Wohnung Foto: Lisa Kutteruf/privat

Dabei kommt die Einrichtungsexpertin auf ein weiteres Thema zu sprechen: die sogenannte Wohnbiografie. Denn, davon ist die Fachplanerin überzeugt: Wie eine Wohnung aussehen muss, um ein Wohlfühlort zu sein, variiert von Mensch zu Mensch und hängt nicht nur von den aktuellen Bedürfnissen, sondern auch von den eigenen Erfahrungen ab. Sich Inspiration bei Wohn-Influencern oder in Wohnmagazinen zu holen, kann also hilfreich sein – reicht aber demnach nicht. Vielmehr lohnt es sich laut Neidhardt-Rosenberger auch die eigene Biografie zu reflektieren.

Erinnerungen als Inspiration für die Wohnraumgestaltung

Haben wir uns als Kind in der Küche der Oma wohlgefühlt, kann es helfen, sich zurückzuerinnern: Welche Farben und Materialien haben dort vorgeherrscht? Können wir sie womöglich in unsere heutige Wohnung integrieren? Manchmal sind es auch Farben oder Muster, die an Urlaube erinnern. Die gemusterte Tapete im Ferienhaus oder die bunten Gläser auf der Restaurantterrasse.

Umgekehrt gibt es Dinge, die mit derart negativen Erinnerungen besetzt sind, dass sie ausscheiden. So erzählt Neidhardt-Rosenberger von einem Mann, dem sie zu einem Rollo an seinem Fenster geraten und der daraufhin entsetzt abgewunken habe. „Sowas hatten wir damals im Krieg zum Abdunkeln“, habe der Herr gesagt.

Dazu kommen Moden, die sich mit der Zeit ändern und einige Jahre später oft abgewandelt wiederkehren. Die gemusterte Tapete aus den 70ern etwa, die jetzt wieder auf einzelnen Wänden angebracht wird. Möbel aus den 50ern und 60ern, nun wieder als Mid-Century-Stil im Trend.

Das Schuhregal mit dem orange-gemusterten Vorhang erinnert unsere Autorin an ihre Großeltern. Foto: Lisa Kutteruf/privat

Auch bei mir schlägt sich die Wohnbiografie auf die Einrichtung nieder. Als Kind war ich gern bei meinen Großeltern, dort gab es oft Dampfnudeln. Im Eingangsbereich, neben der Waschmaschine, stand ein Schuhregal mit orangefarben gemustertem Vorhang. Der Anblick machte mich jedes Mal froh. Bis heute verbinde ich ihn mit dem Geruch nach Waschmittel und Dampfnudelkruste. Inzwischen ist das fröhliche Schuhregal Teil meiner eigenen Einrichtung; ich habe es geerbt, zusammen mit zwei Kommoden von Oma und Omi. Die Möbel erinnern mich auf schöne Weise an die inzwischen Verstorbenen – ganz egal, wo in der Wohnung sie gerade stehen.

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