Wohnen Eltern melden Eigenbedarf an

Was tun, wenn das Kind das heimische Nest verlässt? Eine Umgestaltung bis hin zum kompletten Umbau eröffnet dem Rest der Familie neue Nutzungsmöglichkeiten Foto: www.mauritius.sodatech.com

Was tun mit dem Zimmer, wenn das Kind auszieht und ab wann können Eltern das leere Zimmer umgestalten, ohne dass der Nachwuchs beleidigt ist?

Stuttgart - Oft ist es ein Flüggewerden auf Raten: Wenn Sohn oder Tochter für ein Jahr ins Ausland geht, auswärts eine Ausbildung macht oder zum Studium in eine andere Stadt zieht, kehrt das fast schon eigenständige Kind zumindest in den Ferien, an Wochenenden oder im Anschluss in die elterliche Wohnung zurück und freut sich, dort sein eigenes Zimmer vorzufinden.

 

Doch spätestens ein halbes Jahr nachdem der Nachwuchs eine eigene Wohnung bezogen hat – so legen es Beiträge in Internetforen für Familien nahe und bestätigen es Nachfragen unter Freunden mit Kindern auf dem Sprung ins eigene Leben –, stellt sich die Frage, was aus dem frei gewordenen Jugendzimmer werden soll.

Auch wenn es im Grunde die Sache derer ist, die zurückbleiben: Es ist fair, wenn Eltern auch mit der Person über die Umnutzungspläne sprechen, die das Zimmer zuletzt ihr Eigen nannte. So kann diese zurückgelassene Möbelstücke vor dem Sperrmüll retten und eine Kiste mit Erinnerungsstücken an die Jugendzeit auf dem Dachboden einlagern.

Die meisten Eltern melden Eigenbedarf an

Denn auch wenn es das scheidende Kind vielleicht nicht wahrhaben will: Nur ein Prozent der Eltern spricht sich dafür aus, das Kinder- und Jungendzimmer unangetastet zu lassen, also de facto zu musealisieren. Die meisten melden Eigenbedarf an.

Das ist das Ergebnis einer Umfrage von 2014 unter Eltern in Deutschland. Auf die Frage, was sie aus einem nicht mehr benötigten Kinderzimmer am liebsten machen würden, liegen zwei Lösungen gleichrangig an der Spitze: Je 42 Prozent der Befragten möchten den Raum zum Gästezimmer oder Arbeitszimmer machen. Wobei das Arbeitszimmer vor allem männliche Fürsprecher hat. 49 Prozent der Väter wünschen sich ein Büro zu Hause, aber nur 31 Prozent der Mütter. Für einen Hobbyraum, ein Atelier oder Nähzimmer können sich geschlechterübergreifend 22 Prozent der befragten Eltern erwärmen, für einen Fitnessraum rund zehn Prozent.

Immerhin 18 Prozent der Mütter, aber nur acht Prozent der Väter würden dem zurückbleibenden Geschwisterkind mehr Platz einräumen. Acht Prozent der Mütter und fünf Prozent der Väter wünschen sich eine Hausbibliothek. Und immerhin sechs Prozent der Paare würden den Auszug des Nachwuchses zum Anlass nehmen, getrennte Elternschlafzimmer einzurichten.

Ein Umbau eröffnet neue Möglichkeiten

Bei den genannten Umnutzungen reicht in der Regel ein neuer Anstrich, um die eventuell vorhandene Möblierung zu überdenken, zu erneuern oder zu ergänzen, um den Raum sichtbar mit seiner neuen Funktion zu belegen. Anders sieht es aus, wenn man offen für einen Umbau ist, der in einer Mietwohnung allerdings vom Vermieter abgesegnet werden müsste. Spätestens dann kann ein Innenarchitekt weiterhelfen.

„Ein Raumzugewinn lässt sich oft nur durch einen Umbau in eine Grundrisskonfiguration verwandeln, die eine neue Nutzung ermöglicht und die Raumqualität der gesamten Wohnung verbessert“, sagt René Pier, der als Vorstandsvorsitzender des Landesverbands Baden-Württemberg für den Bund Deutscher Innenarchitekten spricht und in Stuttgart das Partner-Büro Schienbein & Pier betreibt. „Ohne Umbau bleibt nur die Möglichkeit: alte Möbel raus, neue Möbel rein.“

Der Innenarchitekt ist als Psychologe gefragt

Der Innenarchitekt bedauert, dass die wenigsten Wohnungen von Anfang an mit Weltblick dynamisch geplant würden. „Dynamisch planen bedeutet, dass eine Wohnung sich wandelnden Lebenssituationen aller Art anpassen kann“, erklärt der Innenarchitekt.

Auch im Fall eines frei werdenden Kinderzimmers müsse ein Innenarchitekt zunächst Psychologe sein: „Wir wollen das Problem erst verstehen, bevor wir es lösen. Innenarchitekten fragen nach der Art der Familie, nach ihrer aktuellen und absehbaren Lebenssituation, nach den Hobbys, aber auch nach versteckten Wünschen.“ Denn gerade im Wohnen bilde sich die Komplexität des Menschen ab. Die wichtigste Frage für die verbleibenden Bewohner sei: Was bringt mir und uns der Raumgewinn in der Wohnung?

Ganz ähnlich sieht es Jeanette Neidhardt-Rosenberger, Interior-Designerin und Feng-Shui-Beraterin aus Stuttgart. „Der freie Raum bedeutet immer auch Freiraum im übertragenen Sinne.“ Nur wüssten Eltern damit oft zunächst wenig anzufangen. „Da tut ein Blick von außen gut. Im Dialog kommen die Bewohner auf ganz neue Ideen und erkennen ihre verborgenen Wünsche.“

Ein altersgerechtes Badezimmer

Kommt ein Umbau infrage, hat es René Pier schon öfter erlebt, dass verfügbarer Wohnraum für die Erweiterung des Bades hin zu einer Wohlfühloase genutzt wird. „Auch mit Blick auf ein altersgerechtes Badezimmer gehöre dies zu den Lebensträumen nach der Lebensmitte“, resümiert Pier. „Auch ein begehbares Schrankzimmer zählt zu dieser Sehnsuchtskategorie.“ Das werde als Luxus wahrgenommen, den sich Paare nach der Familienphase leisten wollen.

„Das ehemalige Kinderzimmer mit dem benachbarten Bad zu verbinden, ist ein häufiger Wunsch“, bestätigt Jeanette Neidhardt-Rosenberger. Ob dabei eine ganze Wand entfernt wird oder nur ein größerer Durchgang geschaffen wird, hängt von den Gegebenheiten ab, etwa davon, wo in der Wand sich die sanitären Anschlüsse befinden. „Meistens geht es darum, einen Rückzugsbereich zu schaffen“, ergänzt Neidhardt-Rosenberger. „Das kann eine Ankleide außerhalb des Schlafzimmers sein oder eine Art Homeoffice für die Mutter, die sich in dieser Phase oft beruflich neu orientiert.“

Frauen wie Männer schätzen es, mehr Raum und Zeit für ihre Hobbys und Interessen zu haben. Wer daraus allerdings ein Gewerbe macht, muss die rechtlichen Konsequenzen beachten, warnt René Pier. „Ein Gewerbe muss man nicht nur anmelden, man muss für ein Business in der Wohnung möglicherweise auch eine räumliche Nutzungsänderung beantragen. Das ist vielen nicht klar.“

Kommt das Kind zu Besuch, ist ein Schlafsofa hilfreich

Bleibt die Frage, wo das erwachsene Kind schlafen soll, wenn es zu Besuch ist, René Pier verweist auf Möbel mit eingebauten Klappbetten, wie sie etwa die italienische Firma Clei anbietet, oder auf Beschläge, die in individuell angefertigte Möbel eingesetzt werden können. So wird die Schlafstatt tagsüber unsichtbar. „Innenarchitekten sind als Berater frei und damit unabhängig von Herstellern“, trommelt er für seine Branche. Anders als Möbelhändler müssten die keine bestimmten Produkte verkaufen.

Jeanette Neidhardt-Rosenberger bringt das klassische Bettsofa, auch als ausziehbare Sessel zu haben, ins Spiel. „Bleibt ein Bett im Zimmer, sollte man es mit Tagesdecke und Kissen wohnlich gestalten.“ So kann man es jederzeit zum Lesen, Fernsehen oder Musikhören nutzen. Dennoch plädiert die Interior-Designerin dafür, das Zimmer durch eigens ausgesuchte Möbelstücke neu zu definieren: Das kann ein Sekretär für ein Arbeitszimmer sein, ein Longchair für ein Medienzimmer oder ein Tisch mit viel Arbeitsfläche für ein Nähzimmer.

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