Wohnen in Esslingen Das extravagante Gartenhaus
Gelungene Nachverdichtung: das Einfamilienhaus in Esslingen wurde als Hinterhaus-Gebäude in einen Hang gesetzt. Besuch in einem Haus mit Aussicht. [Plus-Archiv]
Gelungene Nachverdichtung: das Einfamilienhaus in Esslingen wurde als Hinterhaus-Gebäude in einen Hang gesetzt. Besuch in einem Haus mit Aussicht. [Plus-Archiv]
Es ist ein bisschen schwer, dem Gespräch zu folgen, weil: Wow, was für eine Aussicht! Grün, grün und noch mehr grün, Büsche, Blumen, Laub- und Nadelbäume. Der Blick schweift über den dicht bewaldeten Hang und ein paar Gärtchen in der Ferne. Bei gutem Wetter schaut man bis zur Alb.
Und all das findet sich inmitten eines ziemlich eng bebauten Wohngebietes auf einer der Esslinger Höhen – ein in zweiter Reihe gebautes, dreistöckiges Flachdachhaus.
Die Aussicht haben die zwei Bewohner und ihr Hund hier egal von welchem Raum. Der Architekt Thomas Sixt Finckh nennt das Haus „Wohnregal“. Und das passt. Denn die drei durch eine schlichte weiße Eisentreppe verbundenen Lebensbereiche – Essen, Wohnen, Schlafen – sind in je einem großen Raum übereinandergestapelt.
Die Technik und die „dienenden Räume“ – Bad, Stauräume, Schränke – befinden sich gut versteckt an der Seite des Hauses. Zargenlose, raumhohe Türen an diesen Seiten sorgen für eine zurückgenommene, ruhige Optik. Weiterer Vorteil für die Ruhe liebenden Bewohner: Die mit Steinwolle gedämmten Wände sind durch diese Seitenräume so massiv, dass eventueller Lärm von den Nachbarn draußen bleibt. Für Ruhe sorgen zudem raumhohe Holz-Alu-Fenster und Schiebetüren mit 3-Scheiben-Sonnenschutzverglasung.
Gut also, dass die Bauherren (die lieber ungenannt bleiben wollen) doch ihre Meinung geändert haben. „Nie wollte ich bauen“, sagt die Bauherrin mit einem Lachen und einer Betonung des Wortes nie. Höchstens einen Wintergarten hinten am Haus hinzubauen, das war ihre Idee. Von der erzählte sie irgendwann mal dem Architekten, der wie sie einen Mops besitzt und den sie von Gassigehspaziergängen kannte.
Thomas Sixt Finckh ist ein Architekt, der gern für schwierig bebaubare Grundstücke später dann preisgekrönte Einfamilienhäuser entwirft – auf ehemaligen Stichstraßen etwa wie sein eigenes Haus oder auf einer Fläche, die eigentlich nur für einen Carport vorgesehen war und auf der jetzt ein Tiny House steht.
In diesem Fall überzeugte er das Paar, statt einer Vergrößerung des Wohnraums durch einen Wintergartenglaskasten lieber ein neues Zuhause in den Steilhang hinter dem alten Zweifamilienhaus zu bauen. „Mein Vorschlag war, das Haus in die Natur einzurücken, in den Hang hineinzubauen und die Vorderseiten komplett zu verglasen, damit man die Aussicht genießen kann.“
Zumal in Zeiten akut fehlenden Wohnraums ist so eine Nachverdichtung in zweiter Reihe sinnvoll. Und das neue Objekt muss ja nicht riesig groß sein; mit 95 Quadratmeter Wohnfläche liegen die Bauherren gerade mal einen Quadratmeter über dem bundesweiten Durchschnitt von 47 Quadratmetern pro Bewohner.
Thomas Sixt Finckh: „Es ist an der Zeit, vom Größenwahnsinn Abschied zu nehmen und den Fokus stärker auf die Anzahl der Wohneinheiten mit vernünftigen Größen zu legen.“ Gutes Wohnen sei „nicht abhängig von der Größe, sondern von der Qualität: Klein, aber fein und bezahlbar, das kann ein sinnvoller Ansatz sein.“
Das vordere Haus ist nun vermietet, nur den Keller und die Waschküche nutzen Mieter und Bauherren gemeinsam. Das neue Gebäude wurde an die bestehende Heizung des Altbaus angeschlossen, mit heimischem Holz wird zudem ein Holzofen in der unteren Ebene befeuert. „Das Dach ist begrünt“, sagt der Architekt, „auch, damit die Nachbarn vom Vorderhaus auf eine Blumenwiese schauen können.“
Das neue Haus mitsamt Terrassen, Balkons und Loggia auf der Eingangsseite ist in knapp zwei Jahren Bauzeit entstanden. Die Wünsche der neuen Bewohner waren überschaubar. „Ich mag Holz und viel Garten“, sagt der Bauherr. Gartenfläche gab’s ja schon und im Haus findet sich neben Glas viel Holz, Esche am Boden, Weißtanne aus dem Schwarzwald bei den Einbauten. Fichtenholz wurde für die Gebäudekonstruktion verwendet, eine langlebige Cortenstahlfassade findet sich an den Seiten.
Die Bauherrin wünschte sich „eine größere Küche“. Von der Loggia mit Sitzmöglichkeit vorm Haus betritt man nun die obere Wohnküchen-Etage. Hier ist links eine vom Schreiner gebaute Küche, dazu ein Platz mit Tisch und Stühlen, ein Balkon mit Blick aufs Grün.
Rechts in der Wand sind Garderobe, Technik- und Stauräume und eine Gästetoilette versteckt. „Wir sitzen sehr gern hier“, sagt der Bauherr. Und die Bauherrin: „Man fühlt sich manchmal wie am Amazonas, wenn der Regen an den Bäumen herunterläuft, das ist herrlich.“
Im Stockwerk drunter liegen Schlafraum und ein Badezimmer. Und unten im Wohnbereich findet sich, geschickt in die Treppe eingebaut, Stauraum mit sehr großen Schubladen, Platz für den Fernseher und für Bürozeug wie Computerdrucker. Und für einen kleinen Kühlschrank, damit man nicht für jede Cola hinauf in die Küche marschieren muss.
Vom Wohnzimmer geht’s hinaus ins Grüne. Der Garten war ursprünglich extrem steil. Weil aber der Bauaushub fürs Haus hier verteilt werden konnte, haben die Bauherren nun Plateaus mit Wiesenliegeflächen schaffen können.
Eine kleine Steintreppe führt hinunter. Von diesen Plateaus aus können die Bauherren entweder die grüne Umgebung genießen oder ihr eigenes Haus bestaunen und froh sein, dass aus dem „Nie“ ein „Ja, oh wie schön“ geworden ist.
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Dieser Text erschien erstmals am 17.06.2022.