Wohnen in Göppingen Kräftiges Mieten-Plus
Der neu erstellte Göppinger Mietspiegel weist Steigerungen von fast zehn Prozent seit 2021 aus. Mancher Experte glaubt, dass die real erzielten Mietensprünge sogar deutlich höher liegen.
Der neu erstellte Göppinger Mietspiegel weist Steigerungen von fast zehn Prozent seit 2021 aus. Mancher Experte glaubt, dass die real erzielten Mietensprünge sogar deutlich höher liegen.
Wer in Göppingen eine Wohnung neu mietet, muss damit rechnen, dass die Vermieter nach dem Blick in den neuen Mietspiegel der Stadt einen deutlichen Aufschlag berechnen. Und auch bei anstehenden Mieterhöhungen haben Vermieter ein neues Argument in der Hand: Es ist der Göppinger Mietspiegel, der im Gegensatz zu den anderen Kommunen im Landkreis anhand einer Datenerhebung erstellt und systematisch berechnet wurde und somit als „qualifiziert“ gilt.
Ein Mietspiegel soll eine Übersicht über die sogenannten ortsüblichen Vergleichsmieten im frei finanzierten Wohnungsbau liefern und als Richtschnur bei Neuvermietungen und Mieterhöhungen dienen – im Zweifel auch bei Streitigkeiten vor Gericht. An seiner Erstellung sind neben der Stadtverwaltung und dem Amtsgericht auch Vertreter der Wohnbau, des Bau- und Sparvereins, des Mietervereins sowie des Vereins Haus und Grund beteiligt gewesen.
Die wichtigsten Resultate: Der neue offizielle Mietspiegel weist im Schnitt 8,25 Euro Kaltmiete in Göppingen aus. In den vier Jahren seit 2021 ergab sich demnach eine durchschnittliche Erhöhung von 9,7 Prozent. Doch sowohl der Eigentümerverband „Haus & Grund“ Göppingen als auch der Mieterverein Göppingen-Esslingen glauben, dass die Realität der tatsächlich erzielten Mietenzuschläge durchaus noch deutlich höher ist. Volker Schwab, Vorsitzender von „Haus & Grund“ Göppingen, meint: „Sicherlich spiegelt der Mietspiegel nicht die bei einer Neuvermietung derzeit zu erzielenden Mieten wider. Für Haus & Grund Göppingen und seine knapp 4300 Mitglieder stellt der neue Mietspiegel dennoch ein gutes Instrument dar, moderate Mietanpassungen in laufenden Mietverhältnissen nachvollziehbar und rechtssicher darzustellen.“
Auch Udo Casper, der als Vorsitzender des Mieterbunds Esslingen-Göppingen die Interessen der Mieter vertritt, glaubt, dass die tatsächlichen Mehrbelastungen für Mieter noch höher ausfallen könnten, als es das offizielle Werk ausweist. „Auch wenn wir die Erstellung qualifizierter Mietspiegel begrüßen und unterstützen, bedeutet dies nicht, dass wir mit der Entwicklung der Mietpreise zufrieden sind“. Man müsse berücksichtigen, dass tatsächlich zum Teil deutlich höhere Marktmieten gefordert und bezahlt werden. Casper verweist auf die Übersichten der Immobilienplattformen im Internet, auch wenn sie nicht repräsentativ sind. Die führende Plattform „Immoscout“ veröffentlichte laut Casper beispielsweise eine Übersicht, nach der im ersten Quartal 2025 die Mietpreise in Göppingen zwischen 9,68 Euro und 14,03 Euro pro Quadratmeter lagen – im Durchschnitt bei 10,57 Euro. Das wären noch einmal satte 28 Prozent über dem offiziellen Niveau. Caspers Fazit: „Die Wohnungskrise gewinnt an Dynamik. Die Wohnkostenbelastung für Haushalte mit mittlerem und niedrigem Einkommen nimmt unzumutbare Ausmaße an. Für immer mehr Haushalte wird Wohnen zu einem Armutsrisiko.“
Im bisherigen Mietspiegel war unberücksichtigt geblieben, dass es in Göppingen besonders gefragte Wohngegenden gibt, in denen sich höhere Kaltmieten erzielen lassen. Das hat sich nun geändert: „Im aktuellen Mietspiegel wurde die Lage anhand der Bodenrichtwerte ausgewertet und analysiert“, erklärt Göppingens Pressesprecherin Jeanette Pachwald. Und Volker Schwab ist zufrieden: „Haus & Grund Göppingen hat sich dafür eingesetzt, dass hinsichtlich der bislang nicht berücksichtigten Lage von Immobilien in besonders gefragten Wohngegenden durch die Einführung einer Lageklasse 1 mit entsprechendem Zuschlag ein weiteres Wohnmerkmal eingeführt wurde, das den Mietpreis signifikant beeinflusst“, sagt der Interessenvertreter der Immobilienbesitzer. „Damit wurde das bisher etwas irreführende Merkmal der Lage in Bezug auf die Entfernung zum Hauptbahnhof abgelöst.“ Tatsächlich gehört zu den Kriterien eines aussagekräftigen Mietspiegels, dass er verschiedene Qualitäten von Wohnlagen untersucht, also Faktoren wie Bebauungs- und Verkehrsdichte, Zentralität, Infrastruktur, Begrünung oder vergleichbare Merkmale. Weitere Bewertungsmaßstäbe wie Bodenrichtwerte oder Kriterien der allgemeinen Beliebtheit bestimmter Wohngegenden können berücksichtigt werden.
Der qualifizierte Göppinger Mietspiegel wurde erstmals im Jahr 2021 veröffentlicht und sollte eigentlich 2023 fortgeschrieben werden, doch weil die Stadt die entsprechenden Fristen versäumt und der Mieterbund eine Fortschreibung anhand der hohen Inflationsrate ablehnte, hatte Göppingen vorübergehend nur einen einfachen Mietspiegel. Nach vier Jahren müssen die Daten ohnehin neu erhoben werden. Das ist jetzt geschehen.
Im vergangenen Sommer wurden deshalb die Eigentümer von 3000 Mietwohnungen angeschrieben. Die nutzbare Rücklaufquote betrug 44 Prozent, Wohnungsgesellschaften steuerten Daten aus 297 weiteren Mietwohnungen bei. Das EMA-Institut für empirische Marktanalysen errechnete daraus den neuen Mietspiegel, der sei wenigen Tagen gilt. Am Donnerstag wird der Gemeinderat sich mit der neuen Richtschnur auseinandersetzen. Im Laufe der Woche sollen die neuen Daten dann in den Online-Mietpreisrechner eingestellt werden, den die Stadt Göppingen auf Ihrer Homepage anbietet. Das stellte Göppingens Pressesprecherin Jeanette Pachwald in Aussicht.
Systematik
Die Einordnung einer Wohnung und die damit zu zahlende Miete pro Quadratmeter erfolgt nach den sogenannten wohnwertrelevanten Merkmalen wie Art, Größe, Ausstattung, Beschaffenheit und Lage. Weitere Kriterien können herangezogen werden.̈ Für Städte mit mehr als 50 000 Einwohnern ist der Mietspiegel verpflichtend.
Einfacher Mietspiegel
Die Erstellung und Anpassung eines einfachen Mietspiegels ist an kein mathematisches Verfahren gebunden.
Qualifizierter Mietspiegel
Für Göppingen existiert hingegen ein qualifizierter Mietspiegel, dessen wissenschaftliche Standards klar definiert sind. Der Mietspiegel muss auf der Grundlage einer direkten Datenerhebung durch Befragung von Vermietern oder Mietern oder sogar von beiden Gruppen erstellt werden.