Berlin - Er steckt in Flaschenhälsen, dient als Untersetzer für heiße Pfannen und Töpfe, manchmal stehen Frauen darauf, wenn der Absatz ihrer leichten Sommerschuhe aus dem Material gemacht ist: Kork. Man kann aber auch ein Haus damit ummanteln, so wie es die Architekten von rundzwei, Marc Dufour-Feronce (40) und Andreas Reeg (40), gemacht haben.
Ein Haus aus Kork, das ist zumindest hierzulande eher neu. So neu, dass immer wieder Studenten und andere einfach neugierige Menschen vor dem mit Architekturpreisen ausgezeichneten Haus in Berlin stehen und klingeln. Das ist für die gern zurückgezogen lebenden Besitzer zwar schmeichelhaft, aber auch anstrengend, weshalb sie nicht gern namentlich genannt werden, wie die Architekten, die ihr Berliner Büro seit 2013 führen, in dem wegen Corona per Videotelefon stattfindenden Gespräch berichten.
Vielleicht werden sie in naher Zukunft aber nicht mehr zu den wenigen gehören, die in einem mit Kork ummantelten Haus wohnen. Denn: Wer Kork fürs Bauen verwendet, hilft, die schönen, bedrohten Korkeichenwälder zu erhalten. Kork gerät als Verschluss für Wein- und Champagnerflaschen immer wieder in die Kritik. Wenn es heißt: „Er korkt!“, schmeckt der Wein nicht mehr. Bisweilen ist das ein Hunderte Euro teures Ärgernis, also sucht die Getränkewirtschaft nach neuen Verschlüssen und braucht weniger Kork.
Kork brennt nicht
Zudem ist die Baubranche der Nachhaltigkeit wegen gefragt, ressourcenschonend ans Werk zu gehen. Da kommt Kork gerade recht. Die Architekten jedenfalls schwärmen. „Kork ist von Natur aus wetterbeständig“, sagt Marc Dufour-Feronce, „die Rinde der Korkeiche ist zudem ein Schutz gegen Waldbrände. Kork brennt nicht, glimmt höchstens ein wenig.“ Andreas Reeg fügt an, Kork biete diffusionsoffene Wärmedämmaufbauten: „Kork atmet wie eine gute Regenjacke, reguliert das Raumklima und hilft, Schimmelbildung zu vermeiden. Kork gibt Feuchtigkeit nach außen ab, lässt aber keine Feuchtigkeit hineinkommen.“
Doch wie kommt man in einem gern mit regionalen Material arbeitenden Architekturbüro in Berlin darauf, in Italien und Portugal wachsenden Kork zu verwenden? In Portugal ist es Tradition, mit Kork zu bauen, wie die Architekten von ihrer portugiesischen Mitarbeiterin im Büro erfuhren.
Die Architekten, offen für Neues und an Nachhaltigkeit interessiert, recherchierten, fanden einen Hersteller, dessen Material in einer Schule in Lissabon verbaut wurde. „Das harsche Wetter, die Hitze, die Salzluft hatten dem Material auch nach zehn Jahren nichts angetan“, sagt Marc Dufour-Feronce, „während ein Gebäude mit Glasfassade nebenan stumpf wurde.“
Korküberzug sogar auf dem Dach
„Die Korkeiche“, erklärt Marc Dufour-Feronce in einem erhellenden Crashkurs: „wird geschält, die erste Schälung nach neun Jahren kann nicht für Flaschenkork verwendet werden und ist daher ein Abfallprodukt. Aus diesem „Abfall“ werden dann die Dämmplatten, die Paneele entstehen in einem Ofen, das Krokgranulat verbinden sich durch natürlich austretende Harze unter Druck und Hitze – der Ofen wird mit Wasserdampf geheizt, also umweltfreundlich. Der Transport von Portugal nach Deutschland ist das einzig nicht klimafreundliche.“
Architekten und Bauherrin hatten sich zufällig auf einer Bahnfahrt kennengelernt, als die von einem Projekt in Frankfurt kamen, sie erzählte von ihrem Wunsch nach einem Haus mit viel Platz, dem aber das Grundstück und das Bauamt entgegenstünden. Marc Dufour-Feronce: „Wir kamen ins Gespräch , was für Optionen es vielleicht geben könnte, das war wie eine Art unverbindlicher Workshop.“ Das hat sie offenbar überzeugt. Andreas Reeg: „Einige Zeit später hat uns die Bauherrin kontaktiert, wir hatten vier Varianten vorgestellt und sie war schnell von der Kork-Variante überzeugt.“
Allerdings, sagt Marc Dufour-Feronce, war ein bisschen Überzeugungsarbeit nötig: „Wir haben einige Zeit Kork auf der Fensterbank liegen gelassen, damit man sieht, wie und ob es verwittert.“ Sie waren überzeugt – und froh, dass Kork auch ihr Dachproblem löste. „Die Bauherren wünschten sich ein Dach, bei dem sie bei Regen keine lauten Geräusche hören.“ Ein Ziegeldach wollten sie nicht und der vier Zentimeter starke Korküberzug über einem Blechdach war dann die schalldämmende Lösung.
Als wären Dach und Fassade aus einem Korkblock herausgeschnitten
Und eine ästhetisch reizvolle. Andreas Reeg: „Das Schöne ist, dass Kork sich immer wieder verändert. Bei Regen wird Kork dunkel, in der Sonne tendiert er zu einem hellen graubraunen Ton. Das Haus ist ein monolithischer Baukörper, Dach und Fassade wirken wie aus einem Stück herausgeschnitten.“
So trutzig es von außen wirkt – es steht auf einem Stampfbetonsockel, ist in Holzbauweise gebaut und eben komplett von Korkplatten ummantelt –, so hell und offen ist sein Innenleben mit weiß verputzten Wänden, hellem Holz und den gläsernen Einsätzen in der Decke.
Außergewöhnlich auch die Aufteilung: Das Haus hat zwölf Wohnebenen. Es sollte viel Platz bieten, aber das Grundstück ist klein und ein Hochhaus kam nicht infrage. Also wurde auch in die Tiefe gebaut. „Es sollte wie ausgegraben wirken“, sagt Andreas Reeg.
Im unteren Teil des Hauses befinden sich der Technikbereich und ein begehbarer Kleiderschrank, auf der Ebene des Masterschlafzimmers kommt schon das erste Oberlicht zum Einsatz. So stellt sich nie ein Kellergefühl ein. Ebenso beim uneinsehbaren Badezimmer und dem Swimmingpool. Sich langsam emporschraubend sind oben Wohn- und Küchenbereiche angeordnet.
Trutziges Haus, helles Innenleben
Der offene Treppenkern mit den Stäben wirkt skulptural, die Räume sind untereinander verbunden, bieten Blicke nach außen. Und falls die Familie irgendwann die 249 Quadratmeter nicht mehr allein bewohnen will, wird das Haus umgestaltet. „Es ist teilbar, man kann mit wenigen Eingriffen zwei Wohnungen daraus machen“, sagt Andreas Reeg.
Bis solch ein Wohnkunstwerk steht, dauert es – eineinhalb Jahre Vorbereitung, ein Jahr Bauzeit und viel Zeit für Gespräche mit den Bauherren. Finanziell rechnet sich so ein Projekt nicht, oder? Andreas Reeg schüttelt den Kopf, „Das sind Herzstücke, für die man bereit ist, mehr zu investieren, und die einen bereichern. Und es ist eine gute Bewerbung für neue Projekte und auch für die Mitarbeiter eine tolle Erfahrung.“ Marc Dufour-Feronce fügt an: „Wir schätzen Bauherrn, die anders denken, uns ist es wichtig, innovativ und nachhaltig zu arbeiten. Deshalb machen wir gerne neben großen Projekten und öffentlichen Bauten auch kleinere Projekte wie dieses.“
Die Anfragen, die danach kamen, und die Auszeichnungen, darunter der Iconic Award für Innovative Architektur, eine Auszeichnung für Materialanwendung, der German Design Award Gold, eine Nominierung für den DAM Preis 2020, sind ebenfalls Lohn und nachhaltig – zumindest darf man gespannt darauf sein, wo das nächste Korkgebäude entstehen wird. Ein Baum liefert bis zu 200 Kilogramm Kork im Laufe seines Lebens. Material gibt’s also genug.
Info über die Architekten
Rundzwei Architekten in Berlin gibt es seit 2013. Aktuell viel Aufmerksamkeit (eine Nominierung für den DAM Preis 2012 zum Beispiel) wird das von ihnen konzipierte Wohnhaus in Holz-Hybrid-Bauweise in Berlin-Moabit. „Der Eisberg“ wird der Mietwohnungsbau auch genannt. Das Haus entstand in einer schmalen Baulücke in Berlin-Moabit. Zur Straße hin zeigt sich der „Eisberg“ mit seiner hellen Aluminium-Fassade städtisch und kühl. Die nach Süden ausgerichtete Hofseite mit außen liegender Erschließung bietet maximale Offenheit, viel Licht und großzügige Balkone.
Das Niedrigenergiehaus wurde größtenteils aus wiederverwertbaren Materialien gebaut und nutzt das kleine Grundstück optimal aus: Auf 100 Quadratmetern Grundfläche entstanden elf barrierearme Mietwohnungen. Sie teilen sich auf in neun 2-Zimmer-Mietwohnungen mit jeweils etwa 55 Quadratmetern Nutzfläche. Die loftartigen Koch-, Ess- und Wohnbereiche verbinden Nord- und Südfassade. Querlüftung und Ausblicke in beide Richtungen sind dadurch möglich. Im fünften und sechsten Obergeschoss liegen zwei Maisonette-Mietwohnungen mit jeweils 96 Quadratmetern Nutzfläche.
Das Gebäude ist als Holzskelettbau mit tragenden Vollholzdecken, Fassadenelementen in Holztafelbauweise, Kalksandstein- und Stahlbetonwänden sowie Stahl- und Holzstützen realisiert. Soweit wie möglich wurden Holzfertigteile eingesetzt, um den Bauablauf zu beschleunigen und die Ausbauarbeiten so gering wie möglich zu halten. Durch die statischen Aufbauten der Wände und Dächer erreicht das Gebäude den Niedrigenergie-Standard (KfW 55). Im von Wohnungsnot geplagten Städten wie Berlin sind derartige neue Wohnungen auch mit weniger luxuriös großen Wohneinheiten selten – so hat solch ein Projekt Vorbildcharakter.