Schönes Wohnen in Pliezhausen Markantes Haus ganz in Grau

Der Stuttgarter Architekt Thomas Steimle entwarf dieses Einfamilienhaus aus Beton mit sechseckigem Grundriss für eine vierköpfige junge Familie in Pliezhausen. Das Haus E20 hat viele Preise erhalten, jüngst für „Beispielhaftes Bauen“ von der Architektenkammer Baden-Württemberg. Foto: Brigida González/BG

So lebt es sich in einem vielfach ausgezeichneten Einfamilienhaus aus Beton: Ein Besuch in einem lichtdurchfluteten Heim bei einer jungen Familie in Pliezhausen in der Metropolregion Stuttgart.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Pliezhausen - Wer geometrische Formen mag, wird das Haus E 20 lieben. Nicht unbedingt Drei- und Vierecke sind gemeint, wie in der Kinderzeichnung „Das ist das Haus vom Nikolaus“ mit quadratischem Baukörper und dreieckigem Dach.

 

Nein, einen sechseckigen Grundriss mit Satteldach hat der Stuttgarter Architekt Thomas Steimle entworfen – und zahlreiche, auch internationale Auszeichnungen für das aus Dämmbeton gestaltete Wohnhaus erhalten. Ein Haus wie ein roher Edelstein, den ein Riese fallen gelassen hat.

Weder Beton noch Satteldach waren der erste Wunsch der jungen Bauherren aus Pliezhausen nahe Reutlingen. Wie es angehende Hausbesitzer heute oft machen, hatten sie ein dickes Heft voller Ideen gesammelt. Ganz oben auf der Liste: eine Flachdachvilla, strahlend weiß verputzt. „Ich wollte immer, wenn ich abends nach Hause komme, sagen können: Wow!“, sagt der Bauherr (38), der gern sein Haus zeigt und den Architekten lobt, aber bescheiden namentlich ungenannt bleiben will, bei einer Tour durch das Gebäude.

Kubus mit abgeschnittenen Ecken

Nachfragen bei Architekten brachten erst einmal die Erkenntnis, dass diese Traumerfüllung ein deutlich höheres Budget erfordert hätte. Dass aber herausragende Architektur nicht mehrere Millionen Euro kosten muss, beweist Thomas Steimle bei dem „Findling“, wie er ihn nennt.

Für die erste Version, ein Haus in L-Form, erteilte das Baurechtsamt keine Genehmigung. „Das war frustrierend, sechs Monate Planung – für nichts“, sagen die Bauherren. „Wir haben dann das Heft zur Seite gelegt und ganz neu gedacht“, sagt Thomas Steimle, „und – um es bildlich auszudrücken – im Prinzip einen einfachen Kubus genommen, aber die Ecken abgeschnitten.“

Nicht aus Exzentrik, sondern weil der Architekt sich am 658 Quadratmeter großen Grundstück orientierte, an der optimalen Ausrichtung des Gebäudes auf dem abschüssigen Gelände: „Die Sichtachsen sind so orientiert, dass spannungsvolle Ausblicke ermöglicht werden und die Familie ins Freie schauen kann – bis zur Alb.“ Die Anforderungen an die Art des Wohnens aus dem Heft waren am Ende alle erfüllt, aber architektonisch anders verwirklicht und individuell auf das Grundstück und die Bauherren zugeschnitten.

Und in Gesprächen über die Wahl des Materials wurde rasch klar, Beton ist weder kalt noch abweisend, wie die Bauherren befürchtet hatten. „Mit dem Dämmbeton lässt sich ein behagliches Klima im Innenraum erzeugen“, sagt Thomas Steimle. „Durch die Porigkeit, die Oberflächenrauheit wird Feuchtigkeit aufgenommen und abgegeben. Es ist auch ein nachhaltiges Material, weil vollständige rückbaubar und recycelbar – auf Klebeanschlüsse kann vollständig verzichtet werden.“

Lehrreiche Bauphase

Es gibt ja die Grunddiskussion, ist Beton böse und Holz gut? Doch so leicht ist sie nicht zu beantworten, meint der Architekt. „Bei dieser Betrachtung ist es zunächst wichtig, dass jedes Material entsprechend seiner individuellen Eigenschaften und Qualitäten richtig eingesetzt wird“, sagt Thomas Steimle. „Bei der Zementherstellung wird CO2 ausgestoßen, Holz als nachwachsender Rohstoff wiederum bindet CO2. Insofern sollten diese beiden Werkstoffe in einem ausgewogenen Verhältnis eingesetzt werden.“

„Die Bauphase war für uns ein lehrreicher und schöner Prozess“, sagt der Bauherr. Der Architekt gibt das Kompliment zurück: „Es war schön, die Bauherren mit auf die Reise zu nehmen.“ Angehenden Bauherren raten beide Parteien zu Offenheit, und dazu, sich auf Neues einzulassen.

Auch die Liebe zum Detail teilt der Bauherr mit dem Architekten; er verstand, dass man keine Sockelleisten braucht, dass wandbündige Türen für optische Ruhe sorgen, dass Badezimmerfliesen auf Gehrung gesägt gut aussehen, weil sie keine optisch störende, schützende Alu-Leiste brauchen und dass der Alufarbton der Fenster möglichst identisch ist mit dem Beton.

Fließende Übergänge

Eine Dämmung war bei dem 60 Zentimeter dicken Dämmbeton nicht nötig, auch das senkt Kosten. Und ist nachhaltig, weil im Falle des Rückbaus kein Dämmmaterial-Sondermüll zur Deponie gefahren werden müsste.

Der Innenraum nimmt die markante Form des Hauses auf, bei den Einbauten, die Thomas Steimle entworfen hat. Der sechseckige Küchenblock etwa, der das Kraftzentrum des Hauses bildet und das Wohnzimmer mit der Küche verbindet.

Der Bauherr: „Alles ist offen, alles fließt, das schätzen wir sehr.“ Von der - mit Möbeln von Schreiner gefertigten - Küche aus führt eine Tür in die Rückzugsräume: Schlafräume und das von dort betretbare Badezimmer sowie die Kinderzimmer, die mit Hochbetten für Stauraum darunter sorgen.

Die Küche beeindruckt aber auch mit dem sechs Meter breiten Fenster, das den Blick freigibt auf Himmel und Nachbarhäuser. Man sieht und wird gesehen. „Wir mögen diesen nachbarschaftlichen Austausch“, sagt der Hausbesitzer. Die Bauherren wollten nach Jahren, in denen sie beruflich unterwegs waren, zuletzt wohnten sie in München, in ihrem Heimatort bauen.

Ausgerechnet Beton!

Und ja, gestaunt habe schon manch ein Bekannter, sagt der Bauherr. Ausgerechnet Beton! Da fallen gern mal Begriffe wie „Bunker“ und „Tiefgaragenoptik“. „Das sieht doch nicht kalt aus“, der Hausherr streicht über die Wand. Er wirkt, als freue er sich immer noch darüber, von dem Verdikt „Kein Beton!“ abgerückt zu sein. „Das fühlt sich so schön handwarm an.“ Und sobald die Skeptiker durchs Haus geführt wurden, sei auch bei ihnen meist die Skepsis verflogen.

Man betritt das Haus unprätentiös durch eine Tür neben der Garage. Hier sind Arbeitszimmer, Hauswirtschafts- und Technikraum für die Luft-Wasser-Wärmepumpe. Steigt man die Eichenholztreppe hinauf, staunt man angesichts des sich trapezförmig öffnenden, lichten Wohnraumes mit sechs Meter Höhe.

Breite Schiebetüren führen hinaus auf die Terrasse. Dort lässt sich der Beton aus der Nähe betrachten. Die Bretterschalung mit der horizontalen Holzstruktur passt zum Holz im 250-Quadratmeter-Haus, das auch wegen seiner reduzierten Materialwahl gelobt wurde.

Dass die Bewohner auf dekorative Elemente an den Wänden verzichten, das Haus in seiner Materialität schätzen und beleben, ist auch ein Kompliment an den Architekten.

Beispiele zu Beton-Häusern

Weitere sehenswerte Einfamilienhäuser aus Beton finden sich hier bei einem Architektenhaus in Stuttgart und einem Einfamilienhaus in Schorndorf.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Architektur Stuttgart