Wohnen in schönen Gebäuden Preisgekrönter Traum vom Doppelhaus mitten in Stuttgart

Zwei-Familien-Traum in Stuttgart: oben die Familie Frey, unten die Roths. Foto: KfW Bankengruppe / Claus M. / Morgenstern

Gemeinsam zum Ziel: Zwei junge Stuttgarter Familien haben im Stadtteil Heslach einen abbruchreifen Mehrfamilien-Altbau zu zwei lichtdurchfluteten Doppelhaus-Hälften umgekrempelt. Das vorbildliche Projekt wurde mit dem KfW Award Bauen 2020 ausgezeichnet.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Stuttgart - Eine grüne Hölle und ein Ladenhüter –das Hanggrundstück im Stuttgarter Stadtteil Heslach sah alles andere als vielversprechend aus. Das Haus mit seinen drei dunklen Wohnungen, 1938 erbaut, hatte jahrelang leer gestanden und schien nur noch zum Abbruch zu taugen, der Garten drum herum war völlig zugewachsen und unzugänglich.

 

Vor drei Jahren hatte Maria Frey das Haus zufällig entdeckt und ihre Freundin Theresa Roth darauf aufmerksam gemacht. Die beiden jungen Stuttgarter Familien, die sich im Kindergarten ihrer Söhne kennengelernt und angefreundet hatten, standen vor dem gleichen Dilemma: wie nur in Stuttgart eine bezahlbare Immobilie finden, den Traum vom eigenen Heim verwirklichen – und zwar mitten in der Stadt, wo auch bislang ihr Lebensmittelpunkt war?

Die Architektin hat die Qualitäten des Altbaus erkannt

Um die Chancen zu erhöhen, war die Idee entstanden, sich zusammenzutun. Doch für die Roths, ein Ärzte-Ehepaar mit damals zwei Kindern, schien es zunächst unvorstellbar, dass auf dem überwucherten, knapp 1000 Quadratmeter großen Grundstück und dem „dunklen Loch“ , als das sich der Altbau präsentierte, ihr Immobilientraum entstehen könnte, wie Theresa Roth erzählt.

„Aber die Freys hatten den Blick!“ Maria Frey ist Architektin, mit ihrem Mann Philippe betreibt sie das Büro Frey Architekten in Stuttgart. Die Planerin erkannte die Qualitäten des Altbaus und seiner idyllischen Lage in einer steilen Sackgasse, umgeben von gepflegten Wohnhäusern mit üppig bewachsenen Gärten.

Die Idee, aus den drei Wohnungen zwei Haushälften zu machen, sei schnell da gewesen, sagt Maria Frey. Um die skeptischen Roths zu überzeugen, baute sie ein Modell; bei einem gemeinsamen Wochenende am Bodensee gingen die Familien alles noch einmal durch, dann fiel die Entscheidung, das Wagnis einzugehen – und das Haus aus seinem Dornröschenschlaf zu wecken. „Die Freys haben uns mit ihrer Leidenschaft und ihrem Know-how überzeugt. Sie hatten unser volles Vertrauen“, so Theresa Roth.

Von der grünen Hölle zum Wohnparadies

Die märchenhafte Verwandlung zum Schwan, die das hässliche Entlein vollzog, macht jeden Besucher staunen, der sich von Süden her nähert: Aus der Bruchbude in der grünen Hölle ist ein lichtdurchflutetes Wohnparadies samt Garten für zwei Familien mitten in der Stadt geworden.

Dabei sind die Bauherren ressourcenschonend vorgegangen: Sie erhielten den Bestand, versiegelten keine weiteren Flächen; alte Bausubstanz wurde wiederverwendet und mit der Sanierung ein KfW-Effizienzhaus 100 erzielt. Die nachhaltige Bauweise würdigte die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit dem KfW Award Bauen 2020 und verlieh dem Projekt in der Kategorie Bauen im Bestand den ersten Preis.

Dem Kauf 2017 folgte ein Dreivierteljahr harte Arbeit. Mit Heckenscheren bewehrt kämpften sich die Familien durch das Dornendickicht, das mehrere Meter hoch den Hang überzog. Wochenende für Wochenende krempelten die Paare die Ärmel hoch – „unterstützt von vier wuseligen Kindern im Alter von eins bis fünf Jahren“, so Maria Frey. „Wir haben hier 200 Tonnen Schutt in 20-Liter-Eimern herausgetragen“, ergänzt Theresa Roth. Den Abbruch und große Teile der Zimmermanns- und Rohbauarbeiten stemmten die Familien in Eigenleistung, konkret hieß das: entkernen, neu mauern, Balken ersetzen, Terrassen bauen, Gartenwege anlegen und, und, und.

Bodentiefe Fenster bringen viel Licht ins Haus

Aus dem einst horizontal gegliederten Haus sind so zwei Doppelhaushälften entstanden, die Rücken an Rücken liegen. Eine neue Trennwand bildet das Rückgrat der beiden Einheiten. Sie trägt die Eichenholztreppe, die nun in jeder Hälfte die drei Geschosse verbindet. Familie Frey entschied sich für den nach Nordosten orientierten Teil mit Blick zum Hang, der einmal ein terrassierter Weinberg war, den sie wiederherstellten. Die Roths bekamen den vorderen Teil und damit den Südwestblick ins Tal.

Die Grundfläche pro Haushälfte beträgt rund 50 Quadratmeter. Diese werden im Erdgeschoss nahezu ganz von einem Raum belegt, der Küche, Ess- und Wohnzimmer zugleich ist.

Dass Großzügigkeit entsteht, liegt auch an den bodentiefen Fenstern, die in allen Zimmern den Blick freigeben auf die grüne Umgebung. So auch im Flur im ersten Obergeschoss, der auf diese Weise die beiden südlich ausgerichteten Kinderzimmer als Spielfläche ergänzen kann. Unterm ausgebauten Dach finden sich – unter freigelegten Balken – in beiden Hälften die Elternschlafzimmer; die Freys haben sich hier noch ein Minibad eingebaut.

Jede Haushälfte hat ihre eigene Note

Bei Formensprache, Materialien und Ausstattung setzten die Architekten auf Einfachheit und zeitgemäße Klarheit. So wurde etwa im Bad zugunsten eines fugenlosen Belags für Boden und Wände auf Fliesen verzichtet.

Beide Hälften unterscheiden sich nur in Details, dennoch hat jede ihre eigene Note. Freys haben einen Boden auf Zementbasis in den Räumen, bei Roths liegt Parkett – das Treppengeländer erhielt bei ihnen deshalb als Kontrast eine weiße Beschichtung.

Der Keller mit dem Waschraum wird gemeinschaftlich genützt; eines der beiden Gartenzimmer im Sockel tut jetzt als Spielzimmer seinen Dienst. Denn die Familien haben sich während der Bauzeit vergrößert – bei beiden kündigte sich nahezu zeitgleich das dritte Kind an.

Dem Bestand trotz des radikalen Eingriffs respektvoll zu begegnen, sei ihnen wichtig gewesen, so die 39-jährige Architektin, genauso wollten sie die Nachbarhäuser nicht übertrumpfen. So behielten sie das Satteldach bei und wählten roten Biberschwanz für die Dachdeckung; der Fassadenputz bekam eine Besenstrichstruktur.

Die Baukosten in Höhe von 1950 Euro pro Quadratmeter sind für Stuttgarter Verhältnisse sensationell günstig. „Dafür hätten wir niemals einen Zwei-Familien-Neubau in dieser Lage bekommen“, sagt Maria Frey. „Wir alle würden diese Entscheidung immer wieder treffen“, sind sie und ihre Freundin sich sicher. Ihr Gemeinschaftsprojekt können sie anderen befreundeten Familien zur Nachahmung nur empfehlen.

Info

KfW Award Bauen: Gelungene Architektur, Kosten- und Energieeffizienz, gute Integration in das bauliche Umfeld, zukunftsorientierte und nachhaltige Bauweise – das sind die wesentlichen Kriterien für den KfW Award Bauen, der seit 17 Jahren Impulse für nachhaltiges privates Bauen geben will.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Architektur