Wohnen in Spiegelberg Kulturbuckel mit funktionierender Dorfgemeinschaft

Im idyllisch gelegenen Großhöchberg leben etliche zugezogene Künstler wie der Theatermime Thomas Weber (rechts) ein harmonisches Miteinander mit dort Aufgewachsenen, wie etwa Friedrich Schick (links). Foto: Gottfried Stoppel

In Spiegelberg-Großhöchberg haben sich auffällig viele Künstler niedergelassen. Ein Rundgang durch einen besonderen Ort mit einem ungewöhnlichen Theaterdirektor.

Rems-Murr : Frank Rodenhausen (fro)

Der Weg in das Dörfchen auf einem Plateau führt über bucklige Serpentinen mitten durch den Schwäbischen Wald. An einigen Stellen wird die ohnehin schmale Fahrbahn noch ein bisschen schmäler: Weiß-rote Baustellenbegrenzungen sichern Löcher und Schächte ab. Der Busfahrer muss zurzeit all sein Können aufbieten.

 

Bahnbrechende Verbesserung in Sachen Internet

„Wir bekommen hier Glasfaser für schnelleres Internet“, sagt Thomas Weber, zieht dabei fast ungläubig die Augenbrauen hoch und fügt hinzu, dass „schneller“ doch ein starker Euphemismus sei. „Bisher ging hier da nicht so wahnsinnig viel.“

Der 48-jährige Schauspieler und Komiker Weber hat sich 1998 in Großhöchberg niedergelassen, weil er sich in die Lage und Landschaft des kleinen Spiegelberger Teilortes verliebt hatte. Zwei Jahre später erfüllte er sich dort, ausgerechnet in einer infrastrukturtechnisch eher weniger gesegneten Umgebung, einen Traum und eröffnete ein eigenes Theater, das Kabirinett. Doch Weber ist nicht der einzige Künstler, den der Flecken wie magisch angezogen hat. Der Bürgermeister Uwe Bossert hat vor Jahren deshalb den Begriff „Kulturbuckel“ geprägt.

Den Anfang machte wohl vor fast 50 Jahren das Ehepaar Uta und Rainer Weisensee. Die beiden renovierten den damals ziemlich heruntergekommenen Klosterhof. In einem umgebauten Schweinestall dieses Lehenshofs aus dem 16. Jahrhundert fand auch der bekannte, aber menschenscheue Clown, Bühnenkünstler, Regisseur und Poet Frieder Nögge Zuflucht und Ruhe. Nögge, der vor mehr als 20 Jahren gestorben und in Großhöchberg beerdigt worden ist, war ein Lehrer von Thomas Weber.

Doch damit allein schließt sich der Künstlerkreis nicht. Der Schauspieler Jürg Löw hat sich vor einigen Jahren dort niedergelassen. Er ist mit Jutta Scheuthle liiert, die einst mit Frieder Nögge verheiratet war und heute den Klosterhof betreibt. Günter Deyhle, der Sänger von Gitze und Band ist in Großhöchberg sesshaft geworden, Tim Hellebrand von der Gauklertruppe Forzarello ist ein Großhöchberger geworden, ebenso der frühere Fernsehjournalist Jo Frühwirth.

In der Dorfgemeinschaft verwoben

Thomas Weber, einst der Jungspund der Künstlergilde, ist wie die anderen in der Dorfgemeinschaft längst fest verwoben. Beim Gang durch den Ort fällt ihm ein Auto vor einem Wohnhaus auf: „Ah, der Herr Bürgermeister, der macht sicher ein B’süchle bei der Martha.“ Die feiere nämlich mit pandemieverzögerter Verzögerung ihren runden Geburtstag – 90 plus zwei. Am Abend wird in der mit EU-Fördermitteln zum Dorfgemeinschaftshaus umgebauten alten Schule der Singkreis ein Ständchen bringen. Thomas Weber wird natürlich mit dabei sein.

Vor einem Häuschen im Oberdorf steht ein vornehmlich mit Dosenwurst gefüllter Lebensmittelautomat. Weber klopft an einer Tür und wird sogleich hereingebeten. Friedrich Schick steht in seiner Wurstküche und macht zusammen mit Frau Renate frische Maultaschen. „Wollen Sie eine auf die Hand? Die schmecken warm am allerbesten.“ Schick ist in seinen Geburtsort nach Großhöchberg zurückgekehrt, nachdem er den Ochsen in Oberstenfeld verkauft hat, den er zwischenzeitlich viele Jahre lang betrieben hatte. Nun bestückt er gewissermaßen hobbymäßig die „Dosenmanufaktur Bergeslust“, denn auch im Ruhestand müsse man ja ein bisschen etwas zu tun haben, wie er sagt. Nur drei Häuser weiter sei er geboren worden, sagt er. Natürlich daheim. Damals hätten die Eltern keine Zeit gehabt, dafür eigens ins Krankenhaus zu reisen, sagt er mit einem knitzem Lächeln.

Neben Schicks Dosenwurst findet man im Ort erstaunlich viele weitere quasi im eigenen Vorgarten angebotene Waren. Im „Gemischtwarenladen“ von Fanie Felger etwa selbst gemachte Wärmflaschen und Brillenetuis neben Augentrost-Tropfen. Bei Martina Malek Gartenaccessoires von Skulpturen bis zum Steinguss-Brunnen. Unter einem Carport sind Töpferwaren ausgestellt, im „Eierhäusle“ kann man frisch gelegte Hühnerprodukte erwerben, indem man seinen Obolus selbst in ein Kässchen legt.

Trotz einiger Zuzüge kenne im Ort jeder jeden, man helfe sich untereinander aus, sagt Thomas Weber. Er selbst packt in Spitzenzeiten auch mal auf dem Acker mit an. Und wenn der Bus ausfällt, werden die Kinder des Ortes im „Sammeltaxi“ gemeinsam nach Backnang in die Schule befördert.

Bald Seminare im Kabirinett?

Sein eigenes kleines „Reich“ – das erste Anwesen, wenn man aus Vorderbüchelberg kommt – hat Weber in den vergangenen Jahren sukzessive ausgebaut. Neben der kleinen Theaterbühne im Haupthaus gibt es jetzt auch eine in dem großen Garten, der sowohl für Aufführungen als auch als Biergarten genutzt wird. In einem vor zwei Jahren fertiggestellten Anbau sind nun die Küche und im ersten Stock eine Ferienwohnung untergebracht. Der Gastrokeller soll nach der coronabedingten Zwangspause wieder reaktiviert werden. Und das jüngste Vorhaben ist, das Gelände und die idyllische Umgebung drumherum für Seminare zu nutzen.

Spätestens im kommenden Jahr könnte die aus der Coronanot heraus geborene Geschäftsidee möglicherweise Fahrt aufnehmen. Bis dahin soll Großhöchberg mit schnellem Internet versorgt sein.

Theater mit Biergarten

Thomas Weber ist im Jahr 1998 nach Spiegelberg-Großhöchberg gezogen und hat zwei Jahre später dort sein eigenes Theater gegründet. Nach coronabedingten Pausen startet das Kabirinett in diesem Sommer wieder durch. Das neue Outdoor-Stück „Strandpartie“ mit Thomas Weber und James Geier wird jeden Freitag bis Ende August gespielt. Zudem gibt es ein Musiksommerprogramm mit Sandkastenfestspielen und Lümmelpicknicks. Der Biergarten ist bei gutem Wetter freitags von 17 Uhr an für alle unabhängig vom Theaterbetrieb geöffnet, samstags ab 16 Uhr und sonn- und feiertags ab 11 Uhr. Mehr unter www.kabirinett.de

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