Wohnen in Stuttgart: die Inselsiedlung in Wangen Wohngebiet als große Familie

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Viele Wohnsiedlungen in den Städten sind in die Jahre gekommen. Umfangreiche Sanierungen stehen an – so wie auch in der denkmalgeschützten Inselsiedlung in Stuttgart-Wangen. Hier hat die städtische SWSG die Mieter mitgenommen. Wir haben eine Familie besucht.

Helmut Caesar, Samir Sidgi und Christian End von der SWSG vor eimem sanierten Gebäude der denkmalgeschützten Inselsiedlung in Wangen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Helmut Caesar, Samir Sidgi und Christian End von der SWSG vor eimem sanierten Gebäude der denkmalgeschützten Inselsiedlung in Wangen. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Semire Kasapoglu reicht Kaffee und süßes Gebäck. „Selbstgebacken“, sagt sie, gekaufte Plätzchen würde sie Gästen nie anbieten. Wir sitzen in der Erdgeschosswohnung eines Hauses der Inselsiedlung in Stuttgart-Wangen. Zwischen der Insel-, Ebersbacher und Geislinger Straße entstanden vor 90 Jahren zehn dreigeschossige Flachdach-Häuserzeilen, das letzte große Siedlungsprojekt in der Tradition des Bauhauses vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Wie die Wallmer-Siedlung am gegenüber liegenden Neckarufer in Untertürkheim waren die mehr als 300 kleinen Zwei- und Dreizimmerwohnungen mit Bad und Loggia für Arbeiter und Angestellte der wachsenden Industriefirmen gedacht.

Als Varcan und Semire Kasapoglu vor 38 Jahren in eine Zweieinhalbzimmerwohnung einzogen, betrug die Miete umgerechnet 40 Euro. „Wir haben uns immer sehr wohlgefühlt hier“, sagen sie, die auf 50 Quadratmetern fünf Kinder groß gezogen haben. Alef, Denis und Sevan sind längst ausgezogen, aber Jan und Ilyas, die beiden 14 und 17 Jahre alten Jungs, die aufs Gymnasium nach Untertürkheim gehen, leben noch bei den Eltern.

Mehr Platz, aber auch höhere Miete

Seit 2015 wohnen sie zu viert in der modernisierten Dreizimmerwohnung auf 72 Quadratmetern. „Wir haben jetzt mehr Platz für die Kinder“, sagt Varcan Kasapoglu. Sie sitzen oft auf dem Balkon, im Garten pflanzen sie Gemüse. „Dann bekomme ich immer Tomaten geschenkt“, sagt Christian End, Kundencenterleiter der städtischen Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft SWSG, der die Inselsiedlung gehört. Für 35 Millionen Euro modernisiert die SWSG die Siedlung. Auch viele andere Wohnviertel in den Städten werden saniert. Was Heizung, Wasser und Strom angeht, sind viele Häuser nicht mehr auf dem Stand der Technik. „Wir hatten hier noch Einzelöfen“, sagt Helmuth Caesar, technischer Geschäftsführer der SWSG. Seit 2009 wird Jahr für Jahr und Zeile für Zeile modernisiert, was für die meisten Mieter bedeutet, dass sie ihre Wohnungen verlassen müssen. „Aber 85 Prozent bleiben in der Inselsiedlung“, sagt Samir Sidgi, Vorsitzender der SWSG-Geschäftsführung. Sie bekommen dann eine Wohnung in einem der sanierten Gebäude – so wie die Kasapoglus.

Der Reiz der alten Wohnviertel

Auch auf dem Hallschlag macht die SWSG ähnliche Erfahrungen, anderswo gibt es auch Proteste. „Die Leute wollen in ihren Vierteln bleiben“, sagt Sidgi. Nach der Sanierung steigen die Mieten – in der Inselsiedlung von durchschnittlich 7,20 auf nun 8,80 Euro je Quadratmeter, liegen aber immer noch weit unterm Durchschnitt. Einige Wohnungen sind mit Belegungsrechten ausgestattet. Neben der Sanierung, neuen Grundrissen und größeren Balkonen wurde das historische Fasssadenprofil erhalten und die Haustüren nach dem historischen Vorbild gestaltet. „Für unsere Mieter ist das Heimat“, sagt Sidgi.

So fühlt es auch Familie Kasapoglu. Sohn Sevan, der beim Daimler schafft und in Hedelfingen wohnt, ist zu Besuch gekommen. „Die Lage ist gut, die Stadtbahn hält vor der Haustür, es gibt viele Läden – und man wohnt hier sicher“, sagt er. Auf die SWSG lässt er nichts kommen. „Sie hilft, wo sie kann“. Am wichtigsten aber sei, sagen alle, dass es eine gute Nachbarschaft gebe – vor und nach der Modernisierung. „Wir wohnen hier schon Jahre zusammen, wir sind eine Familie geworden.“

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