Wohnen in Stuttgart Ein Paar zeigt sein Hinterhof-Haus mit apartem Loft im Stuttgarter Westen

Offenes Wohnen im Loft in zweiter Reihe im Stuttgarter Westen – geplant von dem Architekten Matthias Ludwig vom Büro für Architektur. Foto: Valentin Wormbs

Ein Paar findet im Stuttgarter Westen ein heruntergekommenes Hinterhof-Kutscherhaus von 1899. Und so wird ein zeitgemäßer Wohntraum daraus – mit Retromöbeln und Loft.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Die Halterungen für die Pferde sind noch da. Auch eine steile Treppe hinauf aufs ehemalige Heulager – rechts oben findet sich eine kleine Tür, die führte hinüber zur Wohnung des Kutschers, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts da im Hinterhof im Stuttgarter Westen lebte und arbeitete. Heute sind im Lager und im Stall auf Tischen und an die weiß gestrichenen Wände gelehnt alte Gemälde, auch Skulpturen zu bewundern.

 

Sie warten darauf, in neuem Glanz zu erstrahlen. Ute Hack ist Diplomrestauratorin, sie war Leiterin der Restaurierungsabteilung des Bayerischen Nationalmuseums in München. Jetzt arbeitet sie selbstständig und hat ihr Atelier in dem ehemaligen Pferdestall mit dem darüberliegenden Heulager untergebracht. Nebenan war im Erdgeschoss einst die Schmiede zum Beschlagen der Pferde – jetzt fungiert sie als Arbeitszimmer des Architekten Matthias Ludwig, und im Obergeschoss ist die ehemalige Kutscherwohnung.

Hinterhofhaus mit Loft auf dem Dach

Nicht nur der Kutscher hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts kurze Wege zur Arbeit. Sondern über hundert Jahre später auch die Bauherrin Ute Hack und der Architekt Matthias Ludwig. Sie haben die alte zweistöckige Remise – also ein Nebengebäude mit Garage an der hinteren Grundstücksgrenze – aus dem Jahr 1899 gekauft und umgebaut. Sie leben in der ehemaligen Kutscherwohnung und seit kürzerer Zeit auch noch im aufgestockten Loft mitsamt einer Dachterrasse. Der Aufbau hat auch eine Architekturjury überzeugt und das Projekt mit dem Preis „Das goldene Haus“ ausgezeichnet.

Das kleine Gebäude steht in zweiter Reihe hinter einem Mehrfamilienhaus in der Forststraße. Einen Baum haben Bauherrin und Architekt im Zuge der Sanierungsarbeiten im Hinterhof gepflanzt, ein Beet mit Hortensien und eine Hecke kamen hinzu – und einige Flächen wurden entsiegelt. „Da müssen zwar im Herbst Blätter gefegt werden“, sagt der Architekt mit einem Lächen, „aber dafür ist etwas fürs Stadtklima getan.“

Den Klinkerbau ziert nun eine weißgraue Fassade. „Das Sichtmauerwerk war über die Jahrzehnte stark verändert und verputzt worden“, sagt Matthias Ludwig, „daher haben wir uns entschieden, es nicht wieder freizulegen, sondern mit einer feinen Putzschicht zu überziehen.“

Mit dem Vorderhaus teilt man sich das Hoftor, man könnte aber auch von der anderen Straßenseite aus zum Atelier und Wohnhaus gehen. Auf Haus und Hinterhofhaus folgt hier wiederum Hinterhofhaus und Vorderhaus, das dann zur Lindenspürstraße gehört.

„Das ist die Stuttgarter Baustaffel“, erklärt der Architekt. Die Quartiere im 19. Jahrhundert im dicht besiedelten Stuttgarter Westen wurden so geplant, dass stets hinter dem Haus an der Straße noch eine Werkstatt oder ein anderes Hinterhofhaus Platz hatte. Und so stoßen oft zwei Hinterhofhäuser aneinander und sind zuweilen eben auch von der Parallelstraße aus zugänglich.

Stuttgarter Hinterhofhäuser sind gefragt

Solche Hinterhofhäuser sind begehrt und heute kaum mehr zu haben. Als die Bauherren kurz vor der Jahrtausendwende in einer kleinen Zeitungsannonce das Objekt fanden, sah das noch anders aus. „Das Haus, in dem zuletzt noch eine Schlosserei untergebracht war, war in einem ziemlich heruntergekommenen Zustand“, erinnert sich Matthias Ludwig. „Zuerst haben wir das Haus renoviert, und den Dachaufbau haben wir erst gemacht, als ich nicht mehr Restauratorin in München war“, sagt Ute Hack.

Das Gute am jahrzehntelangen Renovierungsstau – alle alten Einbauten waren noch erhalten, die Holzdielen, die Holzvertäfelung unterm Fenster, die hohen hölzernen Sockelleisten, der Stuck, die alten Holztüren, nur die Fenster wurden durch neue Holzfenster ersetzt. Die zur Backsteinbau-Remise gehörende zweistöckige Wohnung schaut heute aus wie eine klassische Gründerzeitaltbauwohnung, nur ist sie eben nicht ganz so herrschaftlich.

Der überdachte Anbau am Haus wird ähnlich wie einst genutzt. Früher wartete da eine Kutsche auf ihren Einsatz, vermutlich hatte ein Fuhrunternehmer dort seine Firma, geradeso wie heute ein Taxiunternehmer, denn auch damals mussten ja Menschen sich irgendwohin bringen lassen oder hatten Waren, die sie nicht selbst transportieren konnten und heuerten dafür einen Kutscher an.

Statt einer Kutsche stehen dort unter anderem ein alter Lotus und ein TVR unter dem Dach. Der Architekt schätzt nicht nur alte Gebäude – sein Büro BFA (Büro für Architektur) saniert und baut Wohnhäuser ebenso wie Kirchen und Schulen – sondern auch alte Möbel, Plattenspieler und Fernseher. Das beweist eine beachtliche Sammlung in seinem Büro, darunter finden sich Produkte von den Designern Dieter Rams über Richard Sapper bis hin zu Hartmut Esslinger, und der Architekt rettet eben auch schicke alte Autos.

Bei der Renovierung des Altbaus wurde die Holzböden sorgfältig aufgearbeitet und die Räume mit interessanten, auffällig geblümten Tapeten (passend dazu Gemälde mit Blumenmotiven) versehen, dazu passen ausgesuchte Vintage-Designklassiker aus den 1970ern. Aktuell finden sich im Erdgeschoss das Büro von Ludwig und im ersten Stock Hacks Büro, außerdem Schlafzimmer, Bad und ein Ankleideraum mit Balkon. Ute Hack: „Das war früher unsere Küche und dazu der kleine Küchenbalkon.“

Blumenmotive im Altbau und im Loft

Heute, nach dem Dachaufbau, findet sich die Küche einen Stock weiter oben. Eine Eichentreppe führt hinauf ins neue lichtdurchflutete 37 Quadratmeter große Loft. Ein offener Küchen-, Ess- und Wohnbereich mit bodentiefen Fenstern und einer behaglich wirkenden Übereck-Couch und einem Teppich, der die Blumenmotive der Ausstattung im Altbau aufnimmt. Wie dort dominieren auffällige Farben, der blaue Linoleumboden bildet einen aparten Kontrast zu den orangefarbenen Küchenstühlen.

Der Treppenabschluss dient zugleich als halbhoher Raumteiler – und als Getränkebar inklusive indirekter Beleuchtung. Die passgenaue weiße Küchenzeile wirkt schlicht und clean. „Sie ist aber nicht vom Schreiner“, sagt Matthias Ludwig, „sondern ausnahmsweise von Ikea. Wir konnten dort alles in Weiß finden, von den Fronten über den Herd bis zur Abdeckplatte an der Wand.“

Eine Seite im Aufbau ist komplett verglast mit raumhohen Schiebetüren mit schmalen Holzrahmen und einer Planarverglasung außenseitig. Die Verkleidung besteht aus anthrazitfarbenen Faserzement-Wellplatten, ein bewusster Kontrast zur Remise, auch die Garage ist seitlich und auf dem Dach mit Wellplatten bedeckt. Tritt man auf die mit Holzdielen belegte 27 Quadratmeter große Dachterrasse, braucht man kein Buch, um sich die Zeit zu vertreiben.

Der Blick schweift über weitere Hinterhöfe, Wohnhäuser verschiedenster Größen und Stile von Gründerzeit- bis zu Nachkriegsbauten. Das hat etwas von einem Freiluftmuseum, das die Baukultur und ihre Veränderungen über die Jahrzehnte hinweg dokumentiert. „Das ist natürlich ein Privileg, so eine Oase mitten in der Stadt. Uns gefällt dieses Leben mitten in der Stadt, wir können zu Fuß zur Liederhalle und ins Restaurant gehen“, sagt Ute Hack.

Leben in der Stadt

Infrastruktur von Supermärkten bis zu Ärzten in nächster Nähe zu wissen ist auch von Vorteil, wenn man älter wird. Und in jeder Lebensphase lässt es sich natürlich auch einfach nur in den Terrassensesseln entspannen. „Gerade während Corona, als man einander nur mit großem Abstand begegnen konnte“, sagt Ute Hack, „war die große Terrasse natürlich besonders wertvoll.“

Der Dachaufbau selbst besteht aus vorgefertigten Holzständerwänden, „in zwei Tagen waren die Teile zusammengebaut.“ Isoliert sind die Zwischenräume der Wände mit Einblasdämmung. Der Architekt: „Zusammen mit einer Niedrigtemperatur-Fußbodenheizung und einer Brennwerttherme haben wir so niedrige Betriebskosten.“ Mit dem Projekt wollte er auch zeigen, wie Aufbauten auf ökologische Weise geplant werden und dabei finanziell machbar sein können – und wie sich ein lässig großstädtisches Wohngefühl schaffen lässt.

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