So macht es etwa das Klinikum Stuttgart. Im Prießnitzweg sind dort im April 173 neue Wohnungen bezugsfertig worden. Ein kleines, nachhaltig gebautes Holzhausquartier direkt am Krankenhaus Bad Cannstatt, Bauherrin ist die Stuttgarter Wohnungs- und Städebaugessellschaft (SWSG). Es sind nicht die ersten Wohnungen dieser Art, bereits im Herbst 2022 konnten Mitarbeitende des Klinikums die ersten 150 Wohnungen im Quartier am Prießnitzweg beziehen. Auch in der Umgebung des Katharinenhospitals und des Olgahospitals in Stuttgart gibt es Wohnungen, rund 1000 Fachkräften stellt das Klinikum nach eigenen Angaben Wohnraum zur Verfügung.
„Manchen Mitarbeitenden erleichtert eine Personalwohnung den Start in Stuttgart, bis eine Wohnung gefunden ist“, erklärt Jan Steffen Jürgensen, der Vorstandsvorsitzende des Klinikums. „Für andere Mitarbeitende ist die Personalwohnung aber auch eine langfristige Möglichkeit, um nah am Arbeitsplatz wohnen zu können.“
Die Miete für die Wohnungen ist im Quartier ans Einkommen gekoppelt und liegt unter dem durchschnittlichen Mietspiegel in Stuttgart – damit macht sich das Klinikum in Zeiten des Fachkräftemangels auch als Arbeitgeber attraktiv. „Das Klinikum steht exemplarisch für viele Krankenhäuser“, sagt Leon Kesselhut vom Beratungsinstitut Regiokontext. „Mitarbeiterwohnungen anzubieten ist ein allgemeiner Trend im Pflegebereich, um Fachkräfte zu rekrutieren.“
Und nicht nur da und auch nicht erst seit Kurzem – die Renaissance der Mitarbeiterwohnungen hat schon vor einigen Jahren begonnen. Kesselhut und Regiokontext beraten unter anderem Arbeitgeber und Wohnungsbaugesellschaften. Sie schätzen, dass jedes Jahr etwa 10 000 neue firmeneigene Wohnungen entstehen. Es ist eine Renaissance, weil die Geschichte der Werkswohnung in die Zeit der Industrialisierung zurückreicht.
Ende des 19. Jahrhunderts entstanden vielerorts Arbeitersiedlungen, in Stuttgart etwa die Siedlung Ostheim und das im Zweiten Weltkrieg fast komplett zerstörte Postdörfle an der Heilbronner Straße. „Die Probleme waren recht ähnlich, es herrschte Fachkräftemangel und der Wohnungsmarkt war extrem angespannt“, sagt Kesselhut. Etwa in den 1980er-Jahren ging der Bedarf dann zurück, die Wohnungsnot hatte abgenommen und Unternehmen hatten wenig Probleme, gute Mitarbeiter zu finden.
Mittlerweile ist das Thema wieder virulent. „Uns fragen immer mehr Firmen und Kommunen wegen einer Beratung an und auch das mediale Interesse steigt“, sagt Kesselhut. Die Experten sprechen dezidiert vom „neuen“ Mitarbeiterwohnen, denn die Lösungsansätze sind heute wesentlich vielschichtiger als im 19. Jahrhundert, die klassische Siedlung ist längst nicht mehr der Regelfall.
Im Falle der Firma Bosch etwa gibt es ein eigenes Unternehmen, die Robert Bosch Wohnungsgesellschaft. Sie besitzt deutschlandweit mehr als 2300 Wohnungen, davon rund 2000 im Großraum Stuttgart. Zwar finanziert sich die Wohnungsgesellschaft selbst, Bosch hat auch keine Belegungsrechte.
Trotzdem ist die Bosch-Belegschaft die Zielgruppe bei der Vergabe, etwa 60 Prozent dieser Ein- bis Vier-Zimmer-Wohnungen sind an Mitarbeitende der Firma vermietet. Bis Ende 2026 sollen 400 weitere Wohnungen gebaut werden. „Die Gründung einer eigenen Gesellschaft, die speziell für das Thema Wohnen zuständig ist, zeigt, wie divers das neue Mitarbeiterwohnen ist“, sagt Leon Kesselhut.
Das Land besitzt in Stuttgart 260 Wohnungen
Und auch Bund, Länder und Kommunen setzten immer stärker auf Mitarbeiterwohnungen. Das Land Baden-Württemberg besitzt in Stuttgart 260 Wohnungen, sie liegen nach Auskunft des Landesbetriebs Vermögen und Bau Baden-Württemberg im ganzen Stadtgebiet verteilt. Die Mitarbeitenden des Landes können dort ohne zeitliche Beschränkung wohnen – sie dürfen also in den Wohnungen bleiben, auch wenn sie nicht mehr beim Land arbeiten.
Die Stadt Stuttgart hat sich ebenfalls des Themas angenommen. Bis Ende 2025 will das Haupt- und Personalamt den Mitarbeitenden der Landeshauptstadt gemeinsam mit der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) über Belegungsrechte 250 Wohnungen zur Verfügung stellen.
Fast die Hälfte dieser Zielvorgabe ist nach Auskunft der Stadt bereits erreicht. „Sich bei Wohnungsunternehmen Belegungsrechte zu sichern, ist eine beliebte Möglichkeit“, sagt Leon Kesselhut. „Das funktioniert aber nur, wenn es auf dem Mietmarkt in den Städten noch genügend freien Wohnraum gibt.“
Einige der größeren Unternehmen aus der Region bieten ihren Mitarbeitern dagegen keine Wohnungen an. Beim Autobauer Porsche etwa beobachte man, dass das Thema Wohnungssuche eine immer stärkere Rolle in Bewerbungsgesprächen spiele. Dennoch bietet der Automobilhersteller keine eigenen Wohnungen an, sondern setzt auf interne Netzwerke.
Auch bei Mercedes Benz oder dem Ditzinger Technologieunternehmen Trumpf spielen Mitarbeiterwohnungen keine Rolle, wie die Konzerne auf Anfrage bestätigen. Zu den Gründen dafür machen sie keine Angaben. „Größere Firmen setzen oft auf vermeintlich niederschwellige Lösungen, zahlen also schlicht höhere Gehälter“, sagt Leon Kesselhut. „Das wiederum heizt den Wohnungsmarkt sogar an, weil die Mitarbeiter höhere Mieten zahlen können.“
Langfristig, schätzen Kesselhut und Regiokontext, werden aber auch die großen Unternehmen nicht darum herumkommen, ihren Mitarbeitenden Angebote zu machen. Sie hätten dabei umfangreiche Möglichkeiten, könnten zum Beispiel Wohnungsunternehmen ihre Flächen zur Verfügung stellen und darauf bauen lassen. „Der größte Preistreiber auf dem Wohnungsmarkt sind die Grundstückspreise“, erklärt Leon Kesselhut. „Wenn man sich die spart, drückt das die Miete automatisch.“