Wohnen in Zuffenhausen-Rot Eine Spielwiese für Wohnexperimente

In die Jahre gekommen: Vom Spielplatz ist nur eine Sandgrube übrig. Foto: Heidi Knobl/ch

In Zuffenhausen-Rot entsteht bis 2027 ein neues genossenschaftliches Quartier. Viele Menschen arbeiten am Planungsprozess mit – ein Vorzeigeprojekt, auch für die Internationale Bauausstellung IBA‘27.

Stuttgart-Zuffenhausen - Bei Heike Rittler laufen die Fäden zusammen. „Schön, dass so viele zu unserem etwas verspäteten Neujahrsempfang gekommen sind“, freut sich die Dozentin und Diplomingenieurin für Textildesign. Die selbst ernannte Sozialverweberin koordiniert, im Auftrag der Baugenossenschaft Neues Heim und zusammen mit ihrem Team, die Aktionen des Projekts „Reallabor Wohnen“ in Zuffenhausen-Rot. Zwei Jahre wird es laufen – so lange, bis die Bagger mit dem Abbruch der alten Zeilengebäude auf dem Areal zwischen Rotweg, Schozacher und Fleiner Straße beginnen, um Platz zu machen für ein Quartier mit 240 neuen Mietwohnungen. „Wir wollen möglichst viele verschiedene Menschen einbeziehen, um ihre Bedürfnisse zu verstehen und konzeptuell oder baulich berücksichtigen“, erklärt Martin Gebler, Leiter der Wohnungsverwaltung bei der Baugenossenschaft Neues Heim. Weitere Träger des Projekts sind die Baugenossenschaft Zuffenhausen, das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen sowie die Internationale Bauausstellung IBA’27.

 

Resilientes Quartier von allen für alle

Auf dem Platz am Quartierstreff mit seiner sogenannten Laborbühne haben sich rund 25 Frauen und Männer eingefunden. Verantwortliche von sozialen Trägern sind gekommen wie Annette Knapper vom Wohlfahrtswerk für Baden-Württemberg, Justin Weissmann von der Diakonie Stetten oder Jolante Kryut vom genossenschaftlich getragenen Verein Integrative Wohnformen. Sie arbeiten bereits in Arbeitsgruppen an Themen wie dem inklusiven oder generationenübergreifenden Wohnen oder einem Wohncafé, einer Art Quartierstreff, der allen Bewohnern des Viertels und seinen Besuchern offen steht. „Wir wollen unser neues Quartier so entwickeln, dass es resilient ist. Das heißt, dass es sich sozusagen selbst trägt, widerstandsfähig ist und positiv aus eigener Kraft heraus Herausforderungen bewältigt“, sagt Martin Gebler, Immobilienökonom und studierter Sozialarbeiter. „Das geht nur im lebendigen Austausch miteinander.“ Auch Rüdiger Maier, Vorstandsvorsitzender bei der Baugenossenschaft Neues Heim, ist überzeugt vom partizipativen Ansatz: „Als Genossenschaft sind wir die richtigen Partner für ein Bauvorhaben, das sich mit dem Wohnen der Zukunft beschäftigt. Denn schon immer sichern wir unseren Mitgliedern ein lebenslanges Wohnrecht zu und haben daher ein großes Interesse daran, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, der nachhaltig und bedarfsgerecht ist.“ Andrea Meisner lebt seit 2010 in Stuttgart-Rot, in einem Haus der Baugenossenschaft Neues Heim. Erst kürzlich ist sie aus ihrer alten Wohnung in einem der für die Gegend typischen, in den 1950er und 1960er Jahren entstandenen Zeilengebäuden ausgezogen – in einen ebenfalls genossenschaftlichen Neubau in der Nachbarschaft. Die Verwaltungsangestellte hat über einen Aushang in ihrem Mietshaus von der Veranstaltung erfahren: „Mir gefällt, dass es die Möglichkeit für solche Treffen gibt und wir Ideen beitragen können für ein gutes Zusammenleben und auch dafür, wie wir gerne wohnen wollen. Viele schimpfen nur und tun nichts.“

Traute und Karlheinz Haußmann wohnen seit über 20 Jahren in Stuttgart-Rot. Für einen Umzug innerhalb des Viertels sind sie offen: „Mein Sohn lebt in der Gegend, ich möchte in der Nähe bleiben“, erklärt Traute Haußmann. Einer der Gründe, warum sie sich eine andere Wohnung wünscht: „Eine ebenerdige Dusche würde das Leben schon erleichtern.“ Schon zum jetzigen Zeitpunkt kann Gisbert Renz, technischer Vorstand der Genossenschaft Neues Heim, ihr versprechen: „Die neuen Wohnungen werden standardmäßig so ausgestattet sein, dass sie barrierefrei sind und auch den Bedürfnissen Älterer gerecht werden.“

Ausprobieren uns scheitern dürfen

Für Martin Gebler dürfen gerne noch mehr Bewohner wie Andrea Meisner oder das Ehepaar Haußmann dazu kommen. „Die kommenden zwei Jahre, bis wir die Gebäude abreißen, sehen wir als eine Art Labor, in dem wir Ideen entwickeln und Neues ausprobieren dürfen – auch mit dem Risiko des Scheiterns“, erklärt Gebler. „Alles ist möglich, wenn es unserer Sache dient.“ So hat sich etwa eine Firma aus Leonberg gemeldet, die ein bundesweites Forschungsvorhaben zur Begrünung erproben möchte. Voraussichtlich im Sommer werden zwei Fassaden der Gebäude auf dem Areal auf eine spezielle Art bepflanzt und bewässert. Das Projekt soll wissenschaftlich begleitet werden, um neue Erkenntnisse zur Klimaregulierung zu gewinnen. Ebenfalls im Sommer wird es die Chance geben, die Grundrisse der neuen Wohnungen im Modell zu sehen sowie Details aus den Gebäuden im Maßstab 1:1.

Der Neujahrsempfang ist nach zwei Stunden vorüber. Heike Rittler und ihr Team sind zufrieden: Sie haben neue Kontakte geknüpft und Ideen gesammelt für Veranstaltungen, die sie künftig regelmäßig auf der Laborbühne mitten zwischen den Häusern organisieren wollen: mal einen Flohmarkt, mal eine Bücherbörse oder einen After-Work-Treff. Heike Rittler freut sich auf den Frühling. Dass es noch kein festes Programm gibt, findet sie genau richtig: „Die Menschen sollen eigene Ideen mitbringen, die sich entwickeln und ausstrahlen. Ich glaube, nur so geht es.“

Info

Vorzeigeprojekt
Bis 2027 entstehen auf einem zwei Hektar großen Areal zehn zwei- bis siebengeschossige Gebäude mit insgesamt 240 Wohnungen. Die Häuser variieren in Form und Größe und sollen sich um eine grüne Mitte gruppieren. Verkehrsmittel finden ihren Platz in einem „Mobility Hub“ am Rand des weitgehend autofreien Quartiers. Die Baugenossenschaft Neues Heim und die Baugenossenschaft Zuffenhausen investieren 75 bis 80 Millionen Euro in das Bauvorhaben. Gefördert vom Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen initiieren sie gemeinsam mit der Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27) das über zwei Jahre laufende Projekt „Reallabor Wohnen“. Das Beteiligungsprojekt soll beispielgebend für andere, in die Jahre gekommene Nachkriegs-Wohnsiedlungen in Deutschland werden. Als Herzstück des Projekts ist die „Laborbühne“ mit dem Quartierstreff entstanden – ein Ort, an dem sich Menschen treffen und vernetzen können. Viele Menschen arbeiten am Planungsprozess mit – ein Vorzeigeprojekt auch für die Internationale Bauausstellung IBA‘27.

Ausstellung
Anlässlich des 75-jährigen Bestehens des Viertels im vergangenen Jahr haben sich Studenten des internationalen Masterstudiengangs Innenarchitektur der Hochschule für Technik mit der Geschichte von Stuttgart-Rot auseinandergesetzt. Das Viertel ist nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, als viele Vertriebene und Kriegsheimkehrer eine neue Heimat suchten. In einer multimedial aufbereiteten Ausstellung mit dem Titel „ROTgeschichtenSEHEN“ zeigen die Studierenden Bahar Altunok, Catharina Kühl und Louis Späth in der Fleiner Straße 1 in Rot die Ergebnisse ihrer vielen Gespräche mit den Bewohnern: Zitate zieren auf den Wäscheleinen hängende Stoffbahnen und die Hauswände. Den ehemaligen Friseursalon, das soziale Drehkreuz in den fünfziger und sechziger Jahren, haben die angehenden Innenarchitekten im Stil der Zeit eingerichtet. Mittels einer App kann der Besucher an im Viertel aufgestellten Stationen Geschichten von Bewohnern aus dem Quartier anhören.

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