Chaos als Streitthema So schafft man Ordnung – ohne Streit

So soll es sein, so ist es aber selten Foto: Adobe Stock/kostikovanata

Müslischalen im Teeniezimmer, Männersocken im Badezimmer, Frauenhaare an der Bürste – Ordnung wird oft anders interpretiert. Doch wie kann Aufräumen nicht immer wieder zum Streitthema werden?

Strahlende Frauen mit akkurater Jackie-Kennedy-Frisur, tailliertem Etuikleid und Staubwedel in der Hand widmeten sich einst in den 60er Jahren glückselig der Hausarbeit und schufen traditionell ein aufgeräumtes Heim. Ein Traum für Retromaniker. Der Alltag ist heute – zum Glück – ein anderer. Doch wie wird die Bude nun ordentlich? Was tun, wenn Partnerin, Ehemann oder chillender Teenager die heimischen Räumlichkeiten vergammeln lassen?

 

„Wenn ein Leidensdruck da ist, muss man Techniken und Strategien lernen, um die Ordnung auf Dauer aufrechtzuerhalten“, sagt Malte Leyhausen, systemischer Therapeut und Autor des Prokrastinationsratgebers „Jetzt tu ich erst mal nichts – und dann warte ich ab: Wie es sich mit Aufschieberitis gut leben lässt“. „Unterschiedliche Bedürfnisse brauchen einen Kompromiss, und aus Rücksicht auf den Partner sollte man auch stets versuchen, diesen Kompromiss zu finden.“ Nicht immer einfach, denn für den einen herrscht Chaos, wenn die Buntstifte nicht nach Farben sortiert sind, während für den anderen noch alles gut ist, wenn man ohne Stolperfallen zwischen Schlaf- und Badezimmer pendeln kann.

Beziehungen scheitern nicht an Unordnung allein

Albert Einsteins lahme Ausrede „Geniale Menschen sind selten ordentlich und ordentliche selten genial“ tröstet leider wenig, wenn ein Partner ständig die miefenden Socken vom Fußboden aufsammelt, während sich der andere hinter einem meterhohen Berg von Gelumpe versteckt und genial zu sein scheint. Manchmal kracht es da gewaltig in einem Paaridyll. „Doch eine Beziehung scheitert nicht an der Unordnung allein“, weiß Wieland Stolzenburg, Beziehungspsychologe und Bestsellerautor („Beziehungsleben“). „Meist steht das für ein ganz anderes Problem, denn es geht stattdessen vielmehr um das Thema Kontrolle.“

Also bitte keine Scheu, einen Therapeuten aufzusuchen, weil man Streit wegen vollgerümpelter Keller oder überbordender Kleiderschränke hat. Wenn die Waschmaschine schlecht pumpt oder es im Backenzahn zieht, geht man schließlich auch zu Fachpersonal. Liegt das Problem übrigens tatsächlich ausschließlich bei der Unordnung, dann gäbe es die simple Lösung, eine professionelle Putzkraft zu engagieren.

Regeln ausmachen – und einhalten

Wo Menschen leben, kann es nicht stets ordentlich sein. Kinder lassen Bausteine liegen, Haustiere haaren meist mehr als gewünscht und trotz Digitalisierung existieren weiterhin hohe Papierstapel. Wenn es deswegen Reibereien gibt, rät Stolzenburg, sich zu hinterfragen: „Warum bin ich so penibel? Waren meine Eltern so unordentlich, dass ich mich immer geschämt habe, Besuch mit nach Hause zu bringen, und bin ich deshalb so versessen auf Ordnung?“ Oder umgekehrt: Haben meine Eltern mich malträtiert mit bundeswehrähnlichen Aufräumaktionen, und nun lebe ich ein wenig die Anarchie?

„In gemeinsamen Räumlichkeiten sollte man sich in einer gleichberechtigten Partnerschaft auf Regeln einigen und diese dann auch einhalten. In seinem eigenen Revier darf jedoch jeder so unordentlich sein, wie er will. Das gilt für Erwachsene wie für Pubertierende“, meint Leyhausen. Das mit dem eigenen Revier ist in einer Luxusvilla, in der jedes Familienmitglied sein eigenes Bade-, Arbeits- und Hobbyzimmer hat, natürlich einfacher zu regeln als in einer Zweizimmerwohnung, aber überall gilt: Ein gutes Miteinander funktioniert nur miteinander.

Wäscheberge im Kinderzimmer

Eine ganz besondere Herausforderung ist oft das Jugendzimmer mit seinen müffelnden Wäschebergen und eingetrockneten Müslischalen, in denen etwas zu krabbeln scheint. Eine Recherche bei verwandten Jugendlichen ergab als Hauptgrund „Faulheit“. Wieland Stolzenburg empfiehlt da, einen Vertrag zu machen, um dem Tohuwabohu ein Ende zu setzen: „Es wird festgelegt, wie oft aufgeräumt wird, welche Belohnungen es gibt oder auch welche Konsequenzen, wenn der Vertrag gebrochen wird. Das unterschreiben dann alle.“

Alternativ helfen gute Entspannungstechniken. Die „Ordnungsliebe“-Bloggerin und Autorin von „Ordnify your life“, Sabine Haag, empfiehlt einige simple Regeln gegen Stolperfallen, Schimmelsporen und Krabbeltierchen: „Geschirr wird abends i m m e r aus dem Zimmer rausgebracht und in die Spülmaschine gestellt. Essen wird nicht im Zimmer aufbewahrt! Saubere Wäsche wird in den Schrank geräumt. Alle zwei Wochen wird grob aufgeräumt, sodass geputzt werden kann.“

Deals ja, Drohungen nein

Deals, sagen alle Experten, dürften sein, bei Jung und Alt, aber keine Drohungen. „Die helfen nie, weil man da die Beziehungsebene stört. Man erhebt sich und macht den anderen klein. Drohungen könnte man aus seinem kompletten Leben ausschließen und würde nur gewinnen, weil man dann ins Verhandeln kommt und sich auf Augenhöhe begegnet“, sagt Stolzenburg. Auch Erpressungen à la „Es gibt keinen Sex mehr“ oder „Ich verlasse Dich“ sind nicht zielführend. Wichtig stattdessen: Verständnis und das Wahrnehmen selbst von kleinen Bemühungen.

Als Aufräumtaktik empfiehlt Leyhausen übrigens die Salamitechnik. „Nicht die ganze Salami auf einmal in den Mund stecken, sondern Scheibe für Scheibe. Lieber eine kleine Sache definieren, als sich zu viel auf einmal vorzunehmen.“ Zwar besteht dann die Gefahr, dass der erste Raum schon wieder in Unordnung versinkt, wenn der letzte gerade aufgeräumt ist, aber: „Das macht nichts. Da kann man sich die Golden Gate Bridge zum Vorbild nehmen. Die wird das ganze Jahr gestrichen. Und wenn die hinten angekommen sind, fangen die direkt wieder von vorne an.

Ordnung vs. Unordnung

Studien
Ein Team um die Sozialpsychologin Kathleen Vohs von der University of Minnesota fand in einer Studie heraus, dass man in einer aufgeräumten Umgebung eher gesündere Kost wie Obst isst, während man in einer unaufgeräumten Umgebung vermehrt zu Ungesundem wie Schokolade greift. Außerdem war die Spendenbereitschaft ihrer Probanden in den ordentlichen Zimmern höher als in den unordentlichen. Kathleen Vohs fand aber auch Vorteile für Unordnung und Durcheinander. Die Teilnehmer in dem unaufgeräumten Zimmer waren bei der Entwicklung von Ideen signifikant kreativer. Das würde der Annahme entsprechen, dass große Erfinder wie Albert Einstein tatsächlich auch große Chaoten gewesen sein sollen.

Wirkung
Putzen und Aufräumen hat laut einer Studie der Universität London therapeutische Wirkung: Durch die körperliche Bewegung kommt es zu einer vermehrten Ausschüttung von Glückshormonen und es soll sogar das Risiko senken, an einer Depression zu erkranken.

Gehirn
Aufräum-Bloggerin Sabine Haag empfiehlt das Aufräumen als Routine, die sich mit der Zeit in unserem Gehirn manifestiert. Geschirrspüler einräumen, Duschwand abziehen, Wäsche gleich zusammenlegen wird so ebenso selbstverständlich wie das Aufstehen, Zähneputzen und Frühstücken – und die Ordnung geschieht ganz nebenbei.

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