Von gemütlichen Abenden mit Gleichgesinnten in einem gemeinsamen Wohnprojekt träumt Jürgen Kleih. Zurzeit wohnt der 65-Jährige alleine auf 123 Quadratmetern in einem Reihenhaus im Scharnhauser Park. Seine Kinder sind längst aus dem Haus. „Den Platz möchte ich für junge Familien freimachen, die dringend geeignete Wohnungen suchen.“ Denn im Großraum Stuttgart sei die Not riesig. Mit dem Projekt „Woma – Wohnen mit Anschluss“ plant der Grünen-Stadtrat mit anderen ein zukunftsweisendes, genossenschaftliches, generationenübergreifendes Wohnmodell. Allerdings fehlt noch ein Grundstück.
Mit einem Flyer werben die Frauen und Männer deshalb für ihr Projekt. „Es geht uns nicht um ein reines Generationenwohnen, denn da gibt es schon viel“, sagt Gerhard Widmann. Mit seiner Frau Andrea Koch-Widmann lebt der 67-Jährige ein einem Haus in der Parksiedlung und hat „viel zu viel Platz“. Der Genossenschaftsgedanke gefällt ihm: „Das macht es uns möglich, Eigentümer und Mieter zugleich zu sein.“ So könne man stabile Wohnkosten gewährleisten.
Dass sich auch junge Familien zwischen 35 und 40 Jahren für das Modell interessieren, freut Harald Eggert, der ebenfalls zur Runde der Beteiligten gehört und viel Wohnraum gegen weniger eintauschen möchte. „Dann können wir uns im besten Sinn gegenseitig helfen“, sagt er. „Die Jüngeren könnten beim Einkauf helfen. Dafür passen die Älteren auf die Kinder auf.“
Woma – ein Weg aus der Isolation
Das Woma-Modell hat für Jürgen Kleih auch eine politische Dimension: „Alleinerziehende oder Menschen mit Beeinträchtigungen könnten wir in dieser Wohneinheit gezielt unterstützen.“ Das findet der Stadtrat auch deshalb wichtig, damit die Älteren möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben können. Und Alleinerziehende dürften auf eine verlässliche Nachbarschaft bauen. Außerdem führt das Projekt aus seiner Sicht aus der Isolation heraus, „die wir in Zeiten von Corona alle gespürt haben“.
Das Wohnen mit Anschluss mache es möglich, „dass wir uns nach außen ins Quartier öffnen“. Ihm schweben Nachbarschaftsfeste und gemeinsame Aktivitäten vor. Es gehe im darum, zu einer guten Wohnbaupolitik beizutragen. Deshalb hofft er auf Unterstützung der Stadtverwaltung, „denn Wohnraumnot ist ein gesellschaftliches Problem“.
Eine Chance sieht Harald Eggert darin, dass die Größen der Wohnungen in einem solchen Modell an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden. Denn „Lebensumstände ändern sich“. Deshalb wolle man ein Gebäude mit unterschiedlichen Wohnungsgrößen planen. Dann könnten Familien in eine kleinere Einheit ziehen, wenn die Kinder aus dem Haus sind. Zudem sei es wichtig, findet es Gerhard Widmann, in einem solchen Projekt die Gemeinschaft zu pflegen. Schon jetzt unternimmt die künftige Woma-Gemeinschaft viel zusammen, lernt sich kennen und denkt über das Zusammenleben nach.
Den Initiatoren des Woma-Projekts in Ostfildern geht es nicht nur um das Planen eines neuen Modells. „Das gemeinsame Entscheiden ist uns wichtig“, betont Harald Eggert. Die Praxis soll so aussehen, dass sich einzelne Kleingruppen bestimmte Themenbereiche vornehmen, mit denen sie sich gut auskennen – und die Gemeinschaft dann auf dieser Grundlage einen Beschluss fasst. In dem Haus, das den Initiatoren vorschwebt, soll es aber nicht nur Wohnungen geben. „Wir möchten Werkstätten oder Kreativräume gemeinsam nutzen“, erklärt Jürgen Kleih. Jede und jeder soll die eigenen Talente einbringen und auch entfalten dürfen.
Der Fokus liegt auf der Nachhaltigkeit
Auch Nachhaltigkeit ist der Gruppe wichtig. Dem umweltbewussten Grünen-Stadtrat schwebt vor, dass die Gemeinschaft zusammen Elektroautos anschaffen könnte. Dann bräuchten nicht alle ein eigenes Fahrzeug. Deshalb ist es für die Gruppe ein großer Wunsch, dass die künftige Wohneinheit in der Nähe der Stadtbahn liegt. Am wichtigsten ist für Kleih jedoch, „dass die Kommunikation klappt und dass wir rücksichtsvoll und respektvoll miteinander umgehen“.
Wohnen mit Anschluss
Informationen
Wer Interesse an dem Ostfilderner Projekt „Wohnen mit Anschluss“ hat oder sogar mit einsteigen möchte, findet auf der Homepage der künftigen Genossenschaft Kontaktmöglichkeiten und Informationen – beispielsweise etwa über die Ziele, über rechtliche Grundlagen des Vorhabens oder über das gemeinsame Anliegen der Initiatorinnen und Initiatoren. www.woma-ostfildern.de
Alternative Wohnformen
Neue Wohnformen sind in der Wohnungspolitik allgemein ein zukunftsweisendes Thema. In Esslingen beispielsweise gibt es mit dem Projekt Alternatives Wohnen ebenfalls einen Ansatz.
www.alwo-es.de