Vor 45 Jahren sind Heidi Weber und ihr Mann in ein idyllisch am Stadtrand gelegenes Haus in Stuttgart-Zazenhausen gezogen. Schöne Terrasse, toller Garten, nur ein paar Schritte entfernt vom sattgrünen Feuerbacher Tal, die Fahrt mit der Bahn bis in die City dauert nicht lange. Ein idealer Wohnort. Hier wird die Tochter groß, die heute in Hamburg lebt. Hier finden die Webers Freunde. Hier schlagen sie Wurzeln und engagieren sich als Rentner auch viele Jahre ehrenamtlich.
21. Juli 2022. Heidi Webers Mann stirbt nach langer Krankheit. Weil sie ab und zu Hilfe im Haushalt benötigt, entscheidet sich schweren Herzens, das große Haus zu verlassen und irgendwo in Stuttgart ins betreute Wohnen zu ziehen. Ihre Heimatstadt zu verlassen ist keine Option. Rundum glücklich macht Heidi Weber die Entscheidung damals zwar nicht, aber sie ist doch im Reinen mit sich und einem Neustart andernorts. Doch es kommt anders. Ganz anders. „Zum Glück“, sagt Heidi Weber. Sie ist geblieben und lebt heute weiter in ihrem Haus mit Stephanny, einer 27-jährigen Kolumbianerin. Die beiden Frauen machten einen Deal.
Wie soll es nach dem Tod des Mannes weitergehen?
Heidi Weber hat ihren Mann sechs Jahre lang daheim gepflegt. „Nach seinem Tod“, erzählt die 77-Jährige an diesem schwül-warmen Sommertag auf ihrer Terrasse, „war ich lädiert, völlig von der Rolle und mutterseelenallein.“ Die gebürtige Stuttgarterin hat damals Herzprobleme, ihre Power ist wie weggewischt. Wie geht es weiter? Allein wohnen? Eher nicht. Ein Umzug zur Tochter nach Norddeutschland? Die Tage in Hamburg sind zu oft so grau. Lieber auch nicht. Dann eben betreutes Wohnen.
Heidi Weber bekommt von einer Mitarbeiterin des Rathauses eine Liste mit Adressen von Einrichtungen. Sie schaut sich ein paar der Wohnungen an. Ihre Reaktion: „Um Gottes willen, so will ich nicht leben.“ Immer nur ältere Leute um sich? Das ist nichts für sie.
Meistens haben Familien mit Kindern in einer der Wohnungen im Eigenheim der Webers gelebt. Heidi Weber ist also Trubel gewohnt, sie möchte den Kontakt zu jungen Leuten gar nicht verlieren. Sie ist auch selbst schon immer sehr umtriebig gewesen. Heidi Weber hat wache Augen, lacht viel und erzählt gerne von früher. Von ihrem wilden Leben Ende der 60er Jahre in Paris. Sie war ausgebüxt aus dem kleinbürgerlichen Leben mit den Eltern im Schwabenland. Später die Rückkehr nach Stuttgart und bald schon die Hochzeit. Ihr Mann arbeitete als Personalleiter bei großen Firmen, sie selbst war in der Exportabteilung einer Brillenfabrik beschäftigt.
Das Projekt „Wohnen mit Hilfe“
Aber Heidi Weber fühlt sich noch zu jung, um nur in Erinnerungen zu leben. Wie kann sie sich auf die neue Situation einstellen? Welche Möglichkeiten bieten sich für eine ältere und alleinstehende Frau in Stuttgart?
Es gebe sicherlich auch ganz tolle Heime mit betreutem Wohnen – nur für sich selbst habe sie im Sommer 2022 halt nichts Passendes gefunden, erzählt sie. Vielleicht war es Schicksal, dass in dieser Zeit eine Mitarbeiterin des Sozialamts zu einem Hausbesuch vorbeikam. Nach dem Gespräch kann die Expertin der Rentnerin, die sich komplett selbst versorgt, nach wie vor Auto fährt und auch keinen Pflegedienst benötigt, nur raten: „Bleiben Sie zu Hause!“
Und dann erzählt sie Heidi Weber, dass es da ein neues Programm namens „Wohnen mit Hilfe“ gebe. Ein Projekt der Stadt Stuttgart und des Studierendenwerks Tübingen-Hohenheim: Ältere Menschen bieten jungen Leuten Unterkunft zu einer reduzierten Miete. Die Mieter verpflichten sich als Gegenleistung zur Mithilfe im Haushalt. Das klingt richtig interessant für Heidi Weber.
Generationenübergreifenden Wohnpartnerschaften
Derzeit gibt es in Stuttgart acht solche Partnerschaften. Das Programm steht Studenten sowie Auszubildenden offen – egal, wo sie arbeiten oder an welcher Hochschule im Land sie eingeschrieben sind. „Die Senioren sollten hingegen in Stuttgart wohnen“, sagt Stefanie Stuber vom Bürgerservice „Leben im Alter“. Sie vermittelt und begleitet die generationenübergreifenden Wohnpartnerschaften. Bis dato gibt es zudem eine Zusammenarbeit mit Leinfelden-Echterdingen. Man sei aber auch noch offen für Kooperationen mit anderen Kommunen, um das Programm auszuweiten.
Für die Vereinbarungen zwischen den Partnern hat Stuber ein paar Empfehlungen: je Quadratmeter Wohnfläche monatlich eine Stunde Hilfe im Haushalt zum Beispiel. Wer also ein Zimmer mit 20 Quadratmetern bewohnt, sollte 20 Stunden arbeiten – dann wird gar keine Miete fällig. Hilfe bei der Pflege, etwa beim Duschen oder beim Verbandwechseln, ist grundsätzlich ausgeschlossen und gehört nicht zum Deal.
Meistens ziehen die jungen Leute wieder aus, wenn sie ihr Studium oder die Lehre beendet haben. Einige Senioren hätten bereits den zweiten oder gar dritten jungen Mieter aufgenommen, berichtet Stuber. Das Modell, das auch in Städten wie Mannheim oder Freiburg angeboten wird, kann man durchaus als Erfolg werten. Die Chemie zwischen Mietern und Vermietern muss aber passen. Stefanie Stuber sagt, es gehe auch darum, „das Leben zumindest phasenweise miteinander zu gestalten“.
Nach einer Woche sind die beiden Frauen per Du
Bei Heidi Weber steht einige Tage nach dem Gespräch mit der Frau vom Sozialamt Stephanny Fuccz vor der Tür. Die junge Frau hat über Bekannte von dem Projekt gehört und sich bei der Stadt gemeldet. Die heute 27-jährige Kolumbianerin aus der Nähe der Hauptstadt Bogotá sucht damals händeringend nach einem Dach über dem Kopf. Sie ist seit Februar 2020 in Deutschland, war zunächst ein Jahr lang Au-pair bei einer Familie mit drei Kindern in Hedelfingen und hat anschließend ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Nikolauspflege in Stuttgart gemacht. Stephanny Fuccz hat deutsche Vorfahren, ihr Wunsch ist es, langfristig in der Bundesrepublik zu bleiben.
Beim ersten Treffen mit Heidi Weber hat Stephanny Fuccz ihre Ausbildung zur Kauffrau für Versicherungen und Finanzanlagen begonnen. In dem Haus, das Frau Weber gehört, steht im Souterrain eine kleine Ein-Zimmer-Wohnung mit Küche und direktem Zugang zum Garten frei. Der Marktpreis inklusive Nebenkosten: 600 Euro. Die beiden Frauen beschnuppern sich und werden schnell einig. Sie lernen sich immer besser kennen und schätzen, nach einer Woche sind sei per Du.
Stephanny hilft Heidi monatlich 20 Stunden im Haus, putzt, entrümpelt, trägt Müll raus, macht Gartenarbeit. Die Miete sinkt dafür auf 300 Euro, das kann sich die Auszubildende leisten. Eine Win-win-Geschichte. Heute sagen beide: „Wir sind Freundinnen.“
Im Notfall ist nachts jemand da
Jetzt im Sommer sitzen sie oft zusammen auf der Terrasse und plaudern über Gott und die Welt. Heidi Weber hat wieder Leben in der Bude, bekommt mit, wie junge Leute ticken. Und Stephanny Fuccz lernt mehr über das Land, in dem sie bleiben möchte. Sie sagt, ihre kleine Wohnung sei superschön. Sie habe ihre Ruhe, könne im Homeoffice arbeiten, ohne gestört zu werden und ohne die Vermieterin zu stören. Heidi Weber sagt, sie sei froh, weil sie nun weiß: Im Notfall ist nachts jemand da.
Und seit Stephanny im Haus wohnt, sind auch ihre Probleme mit dem Herzen wie weggewischt. Bisher habe sie nicht ein einziges Mal spontan um Hilfe bitten müssen. Die Untermieterin ist aber eine Art Versicherung für den Fall der Fälle – und für Frau Weber bis auf Weiteres die klar bessere Lösung als betreutes Wohnen.
Welche Eigenschaften sollten Senioren haben, die mitmachen möchten? Heidi Weber erklärt, eine gewisse Aufgeschlossenheit sei sicher notwendig. Und Vertrauen. Wann genau Stephanny die vereinbarten Arbeiten erledigt, kontrolliert sie nie. Sie zählt auch nicht die Minuten. Vier der monatlich 20 Stunden, die Stephanny eigentlich arbeiten sollte, schenkt sie ihr – „dafür, dass sie da ist“.
Selbstständig leben im Alter
Heidi Weber sagt von sich, sie sei kommunikativ und wolle zum Beispiel wissen, wie junge Leute über den Klimawandel denken. Sie sei auch nicht nachtragend, wenn mal etwas nicht klappt wie erwartet oder ausgemacht. Etwa, wenn die Mieterin bei der Gartenarbeit mal wieder ein paar Pflanzen abschneidet, die eigentlich hätten weiterwachsen sollen. Stephanny Fuczz lächelt ein bisschen verlegen: „Ich bin glücklich mit Frau Weber, sie vertraut mir.“ Wenn es nach ihr gehe, sagt Stephanny Fuccz, „bleibe ich auch nach meiner Ausbildung in der Wohnung“.
Heidi Weber hat sich vorgenommen, mit der Hilfe einer Untermieterin mindestens weitere zehn Jahre so selbstständig wie möglich in ihrem Haus zu wohnen. Notfalls holt sie sich halt noch eine Pflegerin dazu.