Wohnen: Teppiche im Trend Das sind die schönsten Teppiche

Die niederländische Designerin Mae Engelgeer entwarf „Muyska“ für Ames, einen handgewobenen Wollteppich mit abstrakt geometrischen Mustern. Weitere tolle Teppiche finden sich in der Bildergalerie. Foto: Hersteller

Warum Teppiche im Trend liegen, gut fürs Raumklima sind und wie großartig die von der Stuttgarter Designfirma Ippolito Fleitz entworfenen Teppichböden aussehen.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Stuttgart - Oma hat die Fransen abgeschnitten! Eine Katastrophe. Dabei wollte sie nur etwas Gutes tun, weil die Schwiegertochter sich übers lästige Fransenkämmen des Teppichs beklagt hatte. Aber ganz ohne Fransen verliert so ein Orientteppich eben an Wert.

 

Und lange Zeit galten Teppiche wie jener, den die Großmutter bei ihrem Besuch einst in den 70er Jahren massakriert hatte, als Statussymbol. Teppiche verschwanden aber spätestens in den 80er und 90er Jahren gemeinsam mit den Palisandermöbeln und Couchungetümen aus den deutschen Wohnzimmern.

Clean und cool wollte man es haben, belegte die Böden lieber mit Parkett, Fliesen oder Laminat und mit geschliffenem Estrich – weil pflegeleichter und neutraler. Wie so viele Trends kehrt aber auch jener zum Teppich wieder zurück, in die Wohnungen und outdoortauglich auf die Balkons und Terrassen – immer noch auch als Prestigeobjekt, wenngleich mit anderem Focus: nachhaltig, aus recyceltem Material, bitte qualitativ hochwertig, wenn möglich in Zusammenarbeit mit lokalen Handwerkern.

Renommierte Designer entwerfen Teppiche

Häufig gesehen auf Designmessen und Instagram: alte, opulent gemusterte Orientteppiche, kontrastiert mit skandinavisch schlichten Möbeln, in Kombination mit neonfarbenen Accessoires. Und dies nicht nur drinnen, sondern auch auf der Terrasse, seit die Menschen sich dort ein sommerliches Wohnzimmer mit schicken, outdoortauglichen Teppichen einrichten.

Jeder renommierte Designer entwirft nun Teppiche, kuschelig hochflorige in interessanten Farbverläufen wie Erwan und Ronan Bouroullec oder mit konkreten Zeichnungen – so wie Jaime Hayon für die spanische Teppichpionierin Nani Marquina und ihre Firma Nanimarquina. Klassische Orientteppich neu interpretiert hat der bekannte Bochumer Teppichdesigner Jan Kath.

Der aus Baden-Württemberg stammende Gestalter Sebastian Herkner wiederum arbeitet für die Firma Ames. Firmengründerin Ana María Calderón Kayser: „Die Produktionskette liegt von der Rohstoffgewinnung bis zur finalen Fertigstellung in der Hand kleiner Manufakturen und Familienbetriebe.“

Das Design-Duo Marcel Besau und Eva Marguerre hat für die deutsche Firma Reuber & Henning jüngst in satten Farben und in beige-schwarz gestreift Teppiche entworfen. „Wir entwickeln neue Projekte am liebsten über die Erforschung von Material und Handwerkstechniken“, sagt Eva Marguerre.

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Das Ergebnis: ungewöhnlich dreidimensionale Teppiche mit kräftigen Rippen. Während Webteppiche normalerweise flach sind, hat die „RIB Kollektion“ eine farblich kontrastierende, lineare Reliefstruktur.

Der finnische Designer Klaus Haapaniemi wiederum, der seit 2010 mit der Designerin Mia Wallenius zusammenarbeitet, interpretiert mystische Bilder, Natur, finnische Folklore und traditionelle dekorative Kunst auf eine zeitgemäße Weise. Die extravaganten, handgeknüpften Seidenteppiche sorgen am Boden wie an der Wand für Staunen.

Verbesserung des Raumklimas

Es gibt zudem ganz pragmatische Gründe, die Teppiche segensreich erscheinen lassen. Die Akustik im Raum wird dadurch deutlich besser. Die Produktdesignerin Tilla Goldberg von dem international bekannten Design- und Architekturbüro in Stuttgart Ippolito Fleitz Group sagt: „Gerade in Neubauten mit vielen schallharten Flächen bieten Teppiche und Vorhänge eine fantastische Möglichkeit, Schall zu absorbieren. Wir arbeiten viel auch mit Teppichen, weil sie eine tolle Haptik und Wohnlichkeit haben.“

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Veränderte Wohnvorlieben befördern den Trend zum Teppich. Bei Sanierungen werden Wohn-, Ess- und Küchenbereich wie in einem Loft zusammengelegt. Dennoch möchte man einen großen Raum strukturieren. Tilla Goldberg: „Wenn ich einen großen, offenen Raum habe, ist vielleicht an einer Seite eine Sofalounge, und dann ist es toll, wenn die Lounge auf einem Teppich sitzt. Der Esstisch steht dann wiederum auf einem runden Teppich, damit er Halt im Raum hat und eine eigene Zone aufmacht.“

Akzente setzen mit Teppichen

Wer sich nicht ein Riesenloft leisten kann oder will, erreicht diesen Effekt ebenso in kleinen Räumen, sagt Tilla Goldberg: „Ich kann einen Akzent für eine Leseecke setzen, indem ich zum Beispiel auf einen runden tiefblauen Teppich einen Ledersessel stelle, daneben eine Stehleuchte vom Flohmarkt oder ein altes Erbstück, und schon entsteht eine wohnliche Situation.“

Auch das Vorurteil des Muffigen, Unhygienischen entkräftet die Designerin: „Teppiche sind gut gegen Hausstaub, weil der Teppich Schmutz bindet.“ Hersteller wie Tretford bieten Teppichböden und -fliesen an aus 80 Prozent Kaschmir-Ziegenhaar und 20 Prozent Schurwolle, die Staub binden und Tierhaare einfangen. Dank der Struktur der Teppiche und dem speziellen Herstellungsverfahren können tierische Krallen außerdem keine Fäden ziehen.

Designpreise für den Teppich

Dass Teppiche zum Ausrollen auch zu Kunst werden, das hat die Ippolito Fleitz Group mit einer vielfach ausgezeichneten Kollektion für das Familienunternehmen Object Carpet mit Sitz in Denkendorf und Krefeld gezeigt. „Das war ein extrem schönes Projekt“, sagt Designerin Tilla Goldberg. „Wir durften acht Teppiche in 111 Farbschattierungen entwerfen, die untereinander alle kombinierbar sind. Sie bieten eine tolle Bühne für alles, was dann in einem Raum passiert.“

Eine Rauminstallation der Entwürfe zeigt, wie großartig Teppichwaren aussehen, in Szene gesetzt von der Stuttgarter Fotografin Monica Menez. „Monica Menez hat als Modefotografin noch einmal einen anderen Blick auf das Thema“, sagt Tilla Goldberg. „Die Bilder mit zum Teil herrlich absurden Szenen zeugen von einer unglaublich guten Energie.“

Die Präsentation der „durch den Raum mäandernden Teppiche“, sagt Tilla Goldberg, vor einem internationalen Publikum auf der Mailänder Möbelmesse wurde pandemiebedingt verschoben – eine neuer Termin ist für die Möbelmesse in Mailand 2022 geplant. Auf ihren großen Auftritt wartet diese Installation also noch. Schön, dass derlei Objektkunst auch für den Alltag taugt.

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