Wohngebiet dünn besiedelt „Man fühlt sich abends schon etwas einsam“ – Acht Familien auf sieben Hektar

In dem Gebiet an der Straße nach Großbottwar ist die Nachfrage nach Bauplätzen bis dato äußerst überschaubar. Foto: Werner Kuhnle

Im Areal Scheibenäcker in Steinheim-Kleinbottwar (Kreis Ludwigsburg) läuft die Vermarktung schleppend. Es stehen erst wenige Häuser. Eine Familie erzählt, wie sich das anfühlt.

Das Areal Scheibenäcker in Kleinbottwar ist ganz wunderbar an einem Hang oberhalb der Straße nach Großbottwar gelegen, der Blick hinunter auf die Bottwar prächtig. Beste Voraussetzungen also, um sich hier den Traum von den eigenen vier Wänden zu verwirklichen. Sollte man jedenfalls meinen. Doch die Wirklichkeit spricht eine andere Sprache. Konzipiert ist das Neubaugebiet für rund 700 Frauen, Kinder und Männer. Tatsächlich stehen auf den sieben Hektar bislang nicht einmal 20 Häuser. Wie lebt es sich in so einer Siedlung, die für Außenstehende bisweilen wie eine Geisterstadt wirkt?

 

Ein Gespräch mit Deborah und Rafael Wytrych zeigt: Es hat Vor- und Nachteile. Die beiden gehören zu den Pionieren in dem Quartier, hatten sich schon früh einen 474 Quadratmeter großen Bauplatz gesichert, als die Fläche noch gar nicht modelliert, geschweige denn erschlossen war. Im Dezember bezog die Familie ihr Fertighaus in dem Steinheimer Stadtteil. Und die dünne Besiedlung, sagt Rafael Wytrych, sei in der gut vernetzten Nachbarschaft durchaus ein Thema.

Zwölf Häuser fertig, acht bezogen

Rafael Wytrych hat angesichts der spärlichen Bebauung in dem Gebiet eine gute Aussicht. Foto: Werner Kuhnle

Der 41-Jährige wischt über sein Handy und deutet auf Fotos einer Webcam. Daraus lässt sich ablesen, dass die Gebäude selbst im Zeitraffer nur sehr punktuell und nicht wie Pilze aus dem Boden schießen. „Als wir im Sommer mit dem Bau begonnen haben, waren vielleicht zwei Häuser wohnfähig, sechs bis sieben weitere Gebäude haben sich im Bau befunden“, sagt Rafael Wytrych.

Mittlerweile seien zwölf Häuser fertiggestellt, acht davon bezogen, berichtet der Steinheimer Bürgermeister Thomas Winterhalter. Drei Häuser befänden sich zudem im Bau, bei zwei weiteren könnten von Amts wegen die Arbeiten starten. Angesichts der Dimension des Gebiets sind das immer noch äußerst bescheidene Zahlen.

Die Vermarktung läuft folglich weiter schleppend. Auf einigen Flächen sind sogar Schilder angebracht, mit denen für einen Verkauf geworben wird. Die auf der Homepage der Stadt einsehbare Liste mit derzeit verfügbaren Bauplätzen aus kommunaler Hand in dem Gebiet wurde zuletzt auch nicht kleiner. Von 16 aufgeführten Grundstücken sind demnach lediglich vier für 690 Euro pro Quadratmeter veräußert worden. Die Wytrych haben ihre Parzelle aus privater Hand erworben, zum selben Quadratmeterpreis.

Das vielleicht größte Problem, das die karge Besiedlung mit sich bringt, ist ein damit einhergehender Mangel an sozialer Kontrolle. Das könnte womöglich Tunichtgute mit krimineller Energie auf dumme Gedanken bringen. „Man fühlt sich hier abends schon etwas einsam“, erklärt Rafael Wytrych. Um keines der Grundstücke verlaufe bislang ein Zaun. „Ein Nachbar hatte zum Beispiel die Befürchtung, dass jemand bei ihm auf der Terrasse war, weil eine Schraube gelockert war“, sagt er.

Der Gerichtsvollzieher und seine Frau wollen ihr Grundstück mit einer Kamera überwachen lassen. Wobei die beiden hierbei nicht von Angstgefühlen motiviert werden. „Wir selbst fühlen uns nicht unwohl“, betont Wytrych. Er und seine Frau haben schon ganz andere Situationen durchgemacht und in einem früheren Leben in Afghanistan als Feldjäger gedient. Und etwaige Einbrecher würden wahrscheinlich in einer persönlichen Konfrontation mit den beiden eher schlechte Karten haben.

„Ein Nachbar hatte zum Beispiel die Befürchtung, dass jemand bei ihm auf der Terrasse war, weil eine Schraube gelockert war.“

Rafael Wytrych, 41-jähriger Anwohner

Machtlos sind die beiden jedoch gegenüber einem anderen Manko in dem Neubaugebiet, das mit der gemächlichen Bebauung zusammenhängt: dem Verkehrslärm von der Kreisstraße. Zunächst sei vom Landratsamt Tempo 50 angeordnet und das Ortsschild in Richtung Siedlung versetzt worden, berichtet Rafael Wytrych. Autofahrer hätten deshalb auf Höhe der Scheibenäcker den Fuß vom Gas nehmen müssen. Das sei aber wieder rückgängig gemacht worden. Nun seien 70 Sachen erlaubt. „Das Landratsamt sagt: ‚Wir sehen dafür keine Notwendigkeit, weil noch nicht fertiggebaut wurde.’ Aber jetzt fahren die Autos schneller durch und die Häuser fehlen. Das heißt, wir kriegen noch mehr Schall ab“, erklärt Rafael Wytrych.

Die Wytrychs haben ihr Haus im Dezember bezogen. Wie bei den umliegenden Gebäuden fehlt noch ein Zaun. Foto: Werner Kuhnle

Darüber hinaus hätten Jugendliche das terrassiert angelegte Gelände als Motocrossspielwiese entdeckt und bauten die Treppenstufen zwischen den verschiedenen Ebenen in ihre Spritztouren ein. „Dabei hat eigentlich keiner dort etwas zu suchen. Das sind immer noch Privatgrundstücke, auch wenn sie nicht bebaut sind“, sagt der 41-Jährige. Außerdem werde man sich voraussichtlich die nächsten fünf Jahre mit einer gewissen Geräuschkulisse arrangieren müssen, weil immer irgendwo jemand baue. „Aber das ist halt so und weiß man auch“, erklärt er.

Gute Gemeinschaft unter den Nachbarn

Insgesamt sehen die Wytrychs, die einen einjährigen Sohn haben, solche kleinen Unannehmlichkeiten gelassen. Sie loben stattdessen die „gute Gemeinschaft“. In einer Whatsapp-Gruppe spreche man sich ab und teile Informationen. Es habe sogar schon ein Nachbarschaftstreffen gegeben, sagt Deborah Wytrych. Die Kids könnten sich zudem auf zwei brandneuen Spielplätzen in dem Gebiet austoben, erklärt die 36-Jährige, die in Löchgau als Hauptamtsleiterin arbeitet. Ein dritter müsse nur noch vom Tüv abgenommen werden. „Und dadurch, dass hier noch nicht so viel los ist, hat man eine gute Aussicht und keine Lichtverschmutzung“, sagt ihr Mann mit einem Schmunzeln.

Weitere Themen