Wohngruppe für Jugendliche in Stuttgart Hinter der Mauer

Freizeitprogramm: Marlon, Sascha und Daniel schauen „Batman“. Foto: /Hannah Aders

Auf einem abgeriegelten Gelände mitten in Stuttgart leben zwölf schwierige Jungs. Die geschlossene Wohngruppe Scout ist ihre letzte Chance vor dem Knast oder der Psychiatrie.

Stuttgart - Versteckt in einer Seitenstraße am Stuttgarter Löwentor stehen zwei Häuserblöcke. Im Innenhof ein Basketballkorb, eine kleine Rasenfläche, ein Gemüsebeet. Das Gelände ist von Zäunen und Mauern umgeben. Abgeriegelt, gesichert, versperrt. „Es ist gut möglich, dass die Jungs Sie dissen und verarschen werden“, sagte der pädagogische Leiter von Scout, Jochen Salvasohn noch am Telefon.

 

Eine kurze Vorstellung vor dem Mittagessen: „Das ist Frau Zeiher. Sie ist Journalistin, wird uns ein paar Tage begleiten und über den Alltag hier schreiben.“ – „Ich möchte auf die Titelseite“, sagt einer. „Sie können ruhig meinen vollen Namen schreiben“, sagt ein anderer. „Die da draußen freuen sich, wenn sie lesen, dass ich weggesperrt bin.“

„Schnegge, alles klar?“ Marlon zeigt sich nach dem Essen von seiner charmanten Seite. „Ich mein‘ das nur lieb“, sagt er, lächelt und schaut die Betreuerin an: „Ich hab‘ in mein Bett geschissen, kann ich heute Nacht in Ihrem schlafen?“ Die anderen grölen.

Der 14-jährige Marlon, der wie alle Jungs in diesem Text eigentlich anders heißt, redet laut mit betont tiefer Stimme und boxt, wenn er durch den Hof läuft, gerne in die Luft. Seine Geschichte: Mit 13 Jahren in eine Kneipe eingebrochen, eine Tankstelle ausgeraubt, in zwei Dönerbuden eingestiegen. Anzeigen wegen illegalen Waffenbesitzes, Körperverletzung, Drogenhandel. Scout ist seine letzte Chance. Fliegt er hier raus, muss er zwei Jahre in einer Vollzugsanstalt absitzen.

Plattes Macho-Gehabe

Der platte Anmachspruch hat Folgen für Marlon. Wer sich wie ein Pavian in der Brunftzeit aufführt, bekommt weniger Punkte. Verhalten wird von Scout bewertet: Hygiene, Pünktlichkeit, Motivation, Zuverlässigkeit bei Hausarbeiten, Umgang mit anderen – abends bewerten die Betreuer alles, was am Tag geschah. In jeder Kategorie maximal drei Punkte. Am Ende der Woche wird zusammengezählt. Je mehr Punkte, desto mehr Privilegien: mehr Handyzeit, vielleicht ein Kinobesuch, häufiger Ausgang.

340 Euro kostet ein Platz für jeden Jugendlichen am Tag. Auch wenn die Eltern das Kindergeld und einen Teil ihres Einkommens zuschießen müssen – den größten Teil der Kosten trägt der Staat. Offene Jugendgruppen kosten weniger. Da gibt es aber auch weniger Personal, keine eigene Schule und niedrigere Sicherheitsmaßnahmen.

Das Jugendamt wägt bei jedem Einzelnen ab, ob die Unterbringung in einer geschlossenen Einrichtung wirklich nötig ist und ob man sich davon realistisch eine positive Veränderung erwarten kann.

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Meistens starten man bei schwierigen Jugendlichen mit kleinen Hilfestellungen. Wenn das nicht klappt, folgen Familienberatung, Erziehungshilfen – erst wöchentlich, irgendwann vielleicht täglich. Tritt keine Besserung ein, nimmt das Amt das Kind aus der Familie in eine offene Wohngruppe oder zu Pflegeeltern. Die letzte Station ist die geschlossene Gruppe, in die man von einem Familiengericht eingewiesen wird. Funktioniert das auch nicht, bleiben Psychiatrie, Straße oder Knast.

Die Biografien der 12- bis 17-Jährigen sind häufig voller Brüche: psychisch kranke oder drogensüchtige Eltern, Vernachlässigung, Missbrauch. „Bei 80 Prozent unserer Jugendlichen stand schon im Kindergartenalter fest, dass sie Hilfe brauchen. Es wurde aber nicht erkannt oder ausreichend behandelt“, sagt Jochen Salvasohn. Würden die Ärzte und Pädagogen gleich von Beginn an beherzter eingreifen und etwa zu einer geschlossenen Wohngruppe raten, könnte vielen Kindern ein langer Leidensweg erspart werden, meint er.

Kriminelle Idole

Im Hof trifft Marlon seinen Mitbewohner Jonas. „Wenn ich das nächste Mal heimgehe, dann, uh Digga, mach ich mir eine klar“, sagt Marlon. – „Uh Digga, dann erst mal verhüten, weil sonst Digga, hast du ein Kind.“ – „Dann erst mal abhauen.“ – „Ne, dann musst du dein Leben lang Unterhalt zahlen.“ – „Ich wünsche dir echt ‘nen schwulen Sohn.“

Ein Betreuer hört den beiden eine Weile zu: „Was ist schlimm daran, schwul zu sein?“ – „Ich hab‘ nichts gegen Schwule, aber wenn mein Sohn schwul wäre, würde das gar nicht gehen“, sagt Marlon. „Mein Vater hat schon zu mir gesagt: ‚Wenn du schwul bist, dann musst du ausziehen.“

Im Fitnessraum dröhnt Rap aus den Lautsprechern, während die Jungs trainieren. Die Köpfe bewegen sich zum Beat, wenn sie mit Stöpseln in den Ohren im Hof sitzen. Das Gangstergehabe der Musiker ist nicht nur Pose: Der mehrmals vorbestrafte Rapper GZUZ, das Idol vieler Jungs, wurde im vergangenen Jahr zu 18 Monaten Haft verurteilt: Verstöße gegen das Waffengesetz, Drogenbesitz und Körperverletzung.

Simon will nicht aufstehen

Der Alltag bei Scout ist streng durchgetaktet: 7 Uhr aufstehen. 7.30 Uhr Frühstück. Um 8 Uhr beginnt die Schule in den hauseigenen Klassenzimmern. Ein Raum für die Förder- und Hauptschüler, einer für den Rest. Von 11 Uhr an, wenn alle Schulaufgaben erledigt sind, ist Freizeit bis zum Mittagessen. Dann wieder Pflichtprogramm: Handwerken, Klettern, Fitnesstraining. Wer genügend Bewertungspunkte hat, darf danach das Gelände verlassen. 19.15 Uhr: Abendessen und Hausarbeiten. Dann noch Besprechung. Um 22.15 Uhr ist Schlafenszeit.

Simon hat am nächsten Morgen keine Lust aufzustehen. Alle anderen stehen schon vor dem Klassenzimmer, er liegt noch im Bett. Im Zehn-Minuten-Takt klopfen die Betreuer an die Tür. Irgendwann, schimpfend, steht er auf, weigert sich aber konsequent, in das Klassenzimmer zu gehen. Ein Betreuer packt seine Füße, der andere die Arme. Sie tragen ihn ins Treppenhaus. Auf einer Steinstufe im Hof schläft er weiter.

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Auch wenn sie von den Jugendlichen oft abgewiesen und beleidigt werden und die Jungs häufig nicht bereit sind mitzuarbeiten, bleiben die Betreuer hartnäckig – und schaffen es dadurch am ehesten, das Verhalten der Jungen zu verändern. Statt Sofa-Sessions und Seelenstriptease gehen sie mit ihnen skaten, wandern oder ins Kino. Bauen Vertrauen auf. Die Jugendlichen akzeptieren die Betreuer, finden viele von ihnen sogar richtig cool. Was nicht heißt, dass nicht trotzdem die Sicherungen durchbrennen.

Vier Uhr nachts. Das Telefon im Büro der Gruppe 2 klingelt. Der Betreuer Dominique Schlobach wacht auf. Am Hörer sein Kollege: „Sascha ist zurück.“ Drei Tage war der Junge „abgängig“. Sascha kam, nachdem er Scout für ein paar Stunden verlassen durfte, nicht mehr zurück. Wie schon öfters. Jetzt steht der 17-Jährige angetrunken mit übergestülpter Kapuze vor der Tür. Hinter ihm sein Stiefvater. Sascha habe bei ihnen geklingelt. Die Eltern blieben hart. Entweder er steige jetzt ins Auto und fahre mit ihm zu Scout, oder er rufe die Polizei, sagte der Stiefvater.

„Meistens sind die Familien zerrüttet“

Am nächsten Morgen wird Sascha früh geweckt. Wer andere nachts aus dem Bett wirft, kann nicht erwarten, ausschlafen zu dürfen. Er soll mit dem Jugendamt telefonieren, schleudert das Telefon aber auf den Schreibtisch, knallt die Tür ins Schloss und tritt noch mal kräftig dagegen. Dann Ruhe.

Die Betreuer wissen bei Sascha langsam nicht mehr weiter. Sie haben alles probiert: gut zureden, klare Grenzen setzen, motivieren, Konsequenzen androhen, kumpelhafte Gespräche. Scout hilft, solange die Betreuer noch ein Fünkchen Hoffnung sehen. Die Jugendlichen sind Kinder von Sozialpädagogen, Managern, Arbeitslosen, Vollberufstätigen. „Gemeinsam haben sie nur, dass ihre Familien in den meisten Fällen zerrüttet sind“, sagt Jochen Salvasohn. Geschieden, Rosenkrieg, neue Partner, die sich nicht verstehen, häusliche Gewalt. Sieben von zehn Elternpaaren hätten zudem selbst mit psychischen Problemen zu kämpfen.

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Daniel ist anders als die anderen. Der 16-Jährige schwäbelt. Sagt Sätze wie „Im Großen und Ganzen, lässt es sich hier gut leben“ und „Ich weiß nicht, welchen pädagogischen Wert das hat.“ Die Worte „Alder“ und „Digga“ fehlen in seinem Wortschatz. Er verdreht die Augen, wenn die anderen Affengeräusche nachahmen, besucht eine externe Realschule, hört gerne Rock aus den 90ern.

Druck, in der Schule so gut wie seine Schwester zu sein. Druck, den Erwartungen seiner Eltern zu genügen. Druck, Freunde zu finden. Irgendwann wurde es Daniel zu viel. Er flüchtete in Drogen. Gab es Streit, wurde er schnell aggressiv, schlug zu Hause gegen Türen und Wände. An manchen Tagen blieb er im Bett liegen und weigerte sich, zur Schule zu gehen. Alles Zureden machte ihn nur noch wilder. Als sich Daniel einmal gar nicht mehr beruhigte, wählten die Eltern die 110.

Daniel ist anders

Als die Beamten eintrafen, tobte Daniel immer noch. Sie drückten ihn gegen die Wand, legten ihm Handschellen an und brachten ihn in die Jugendpsychiatrie. Am selben Abend durfte er wieder nach Hause. Wenige Tage später, stellte ihm das Jugendamt einen Sozialarbeiter an die Seite. Aber Daniel brach den Kontakt nach kurzer Zeit ab. Das alte Muster wiederholte sich. Wieder landete Daniel in der Psychiatrie. Für sechs Wochen, schließlich noch mal für weitere sechs. Das Jugendamt und sein Psychiater befanden, dass es für Daniel das Beste sei, in einer geschlossenen Gruppe zu leben. Die Familienrichterin folgte der Empfehlung und drohte der Mutter mit dem Entzug des Sorgerechts, sollte sie nicht zustimmen. Als Daniel und seine Mutter ein paar Wochen später bei Scout ankamen, saßen sie lange da und weinten. „Ich war ein richtiger Arsch“, sagt Daniel heute, „es hat gutgetan, hier wieder etwas Struktur zu bekommen.“

In ihren Zimmern haben die Jugendlichen Poster ihrer Hip-Hop-Idole hängen , bei einem hängt daneben ein Kinderkalender. Die harten Jungs lesen Donald-Duck-Comics, spielen hinter verschlossener Tür Lego. Und manche erzählen, dass sie alles richtig machen möchten, damit Mama stolz auf sie ist. Ob sie es schaffen, Marlon, Sascha, Daniel und die anderen? „Möchten Sie mit mir runterkommen in den Hof?“, fragt Marlon die Besucherin an ihrem letzten Tag in der Gruppe. Keine Spur von Macho-Gehabe. „Seit meine Eltern sich getrennt haben, geht bei mir alles bergab“, erzählt er, „da war ich das erste Mal in der Psychiatrie, hab‘ Schule geschwänzt, Straftaten gemacht, Drogen genommen. Jetzt bin ich in dem scheiß Gebäude, überall Zäune, Alder.“

Er sagt, er möchte abhauen. Verschwinden. Jetzt auf der Stelle. Aber wie stellt er sich die Zukunft vor? – „Welche Zukunft? Ich hab‘ doch keine.“ Was möchte er mal arbeiten? – „Fitnesstrainer. Da kann man sogar eine kriminelle Vergangenheit haben“, sagt er und lächelt. Er könnte jetzt verschwinden über die Mauern, sie sind nicht hoch genug für einen Typen wie ihn. Aber er bleibt.

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