Wohnheim in Bad Cannstatt Zurück zur Normalität

Von Sebastian Gall 

Die Bruderhaus Diakonie eröffnete am Freitag ihr neues Wohnheim in der Gasteiner Straße. Ab November werden dort 29 psychisch Erkrankte Menschen betreut.

Die verantwortlichen Personen bei der Schlüsselübergabe. Foto: Gall
Die verantwortlichen Personen bei der Schlüsselübergabe. Foto: Gall

Bad Cannstatt - Es riecht nach frisch gestrichenen Wänden, Decken und neuen Möbeln, wenn man die vier Stockwerke zum Gemeinschaftsraum des am Freitag offiziell eröffneten Wohnheims der Bruderhaus Diakonie in der Gasteiner Straße hinaufsteigt. Der Neubau beherbergt ab November 29 Bewohner mit verschiedensten chronischen psychischen Erkrankungen. Klienten mit Psychosen, Schizophrenie, Borderline, Angststörungen und Depressionen werden dort betreut.

„Wir wollen Menschen mit psychischen Handicaps den bestmöglichen Rahmen zur Genesung bieten“, sagte Andreas Lingk, kaufmännischer Vorstand der Bruderhaus Diakonie, bei seiner Begrüßungsrede. Dazu bietet das neue Wohnheim alles, was benötigt wird. In den unteren beiden Stockwerken werden 14 Menschen mit einem Unterbringungsbeschluss leben. Das bedeutet eine freiheitsentziehende Maßnahme aufgrund von erhöhtem Selbstgefährdungsrisiko. Im dritten und vierten Stockwerk leben die weiteren 15 Menschen in offener und ambulanter Betreuung. Diese können und sollen sich in das gesellschaftliche Leben in Bad Cannstatt integrieren. In vier der 14 Zimmer gibt es zudem Kochnischen. „Diese sollen den Bewohnern helfen, den Weg zurück in die Selbstständigkeit zu finden“, sagte Olivia Kuzawinski, Bereichsleiterin der Sozialpsychiatrie der Bruderhaus Diakonie in der Region Stuttgart.

Festgefahrene Strukturen durchbrechen

Generell sei das Ziel der Einrichtung, dass man den Bewohnern zurück zur Normalität verhelfe und diese sich dann außerhalb der geschlossenen Räume bewegen können. Zum einen wird das durch die „Einbettung in das Wohnquartier und der damit verbundenen Anbindung an das Leben im Viertel erreicht“, wie Steffen Spatz, Leiter des Sozialamts in Stuttgart, anmerkt. Zum anderen findet Spatz es gut, „von Dogmen wegzukommen. Die strikte Trennung von stationärer und offener Betreuung der psychisch Kranken findet so im neuen Wohnheim nicht statt.“ Es sei ausdrücklich erwünscht, dass die Bewohner das mehrstufige Programm bis zur offenen Betreuung durchlaufen.

Um das zu erreichen, wird das Team zusammen mit jedem Betreuten einen individuellen Plan mit entsprechender Zielsetzung erarbeiten. Aber auch das Gebäude an sich trägt zur Durchbrechung festgefahrener Strukturen bei.

„Wir haben beim Bau auf ausreichend Flexibilität geachtet, um auf die Veränderungen der Bedürfnisse der Menschen reagieren zu können“, sagte Henning Volpp von der Gesellschaft für soziales Planen (GSP), die für den Bau zuständig war. So wurden flexible Türsysteme und optionale Küchenzeilen eingebaut. Bis zur gestrigen Übergabe des Schlüssels war es allerdings ein weiter Weg. Der Baubeschluss wurde schon im Dezember 2011 gefasst. Man wollte das Gebäude zuerst in der Schwarenbergstraße im Stuttgarter Osten errichten. Doch bevor mit dem Bau begonnen werden konnte, überlegten es sich die Besitzer des Grundstücks anders. Sie wollten die Fläche doch anders nutzen. So kam es dazu, dass das Wohnheim nun an der Ecke Gasteiner Straße Deckerstraße gebaut wurde. Spatenstich war im November 2016. Die 29 Bewohner werden ihr neues Heim im November beziehen. „Die Arbeit hört aber noch lange nicht auf. Jetzt muss das Haus mit Leben gefüllt werden und das Team muss sich finden, um den Betreuten die optimale Unterstützung bieten zu können“, sagte Ute Schwarzkopf-Binder, Leiterin der Bruderhaus Diakonie der Region Stuttgart. „Wir sind nun auch froh, ausreichend Personal zur Betreuung gefunden zu habe. Dem Leben im und außerhalb des Hauses steht nichts mehr im Wege.“

Sonderthemen