Wohnkonzept für bessere Integration Alle unter einem Dach
Im Hoffnungshaus Schwäbisch Gmünd leben Geflüchtete, sozial Benachteiligte und Menschen, die mitten im Leben stehen. Klappt das?
Im Hoffnungshaus Schwäbisch Gmünd leben Geflüchtete, sozial Benachteiligte und Menschen, die mitten im Leben stehen. Klappt das?
Alle warten auf Alaa. Es ist kalt an diesem Wintertag und bereits dunkel. Viele Fenster der sechs Gebäude, die den Hof umschließen, sind erleuchtet.
Dann ist sie da. Alaa Khdeir, Mitte 20, kommt über den Hof. Sie war bei der Arbeit. Als sie die kleine Gruppe erreicht, die sie vor ihrer eigenen Haustüre erwartet, entschuldigt sie sich ein wenig verlegen für die Verspätung und bittet dann um zehn Minuten Geduld. Sie will noch beten. Lächelt und verschwindet in der Wohnung.
Jonas Wolf, 30, und Benjamin Fischer, 21, sowie Denise Schechinger, 43, reiben die Hände aneinander und treten auf der Stelle, um warm zu werden. Sie alle wohnen in einem der Häuser, den sogenannten Hoffnungshäusern in Schwäbisch Gmünd, sind also Nachbarn. Nachbarn, die die Gepflogenheiten der jeweils anderen kennen.
Die Haustür geht auf, Alaas Brüder Abdulrahman, 24, und Mahmoud Khdeir, 29, bitten die Gäste herein. Eine Umarmung für Jonas Wolf und Benjamin Fischer, ein Händeschütteln für Denise Schechinger. „Nehmt Platz“, sagt Abdulrahman und deutet auf die Sofas. Alaa kommt hinzu und lässt sich behände von ihrem Rollstuhl aufs Sofa gleiten.
„Wer möchte Kaffee?“, fragt Abdulrahman. Eine rein rhetorische Frage. „Man muss quasi einen nehmen, aber der Höflichkeit ist auch Genüge getan, wenn man nur einmal daran nippt“, sagt Denise Schechinger und lacht. Der Espresso kommt mit drei Keksen auf einer geschwungenen Untertasse daher. Er ist sanft, kein bisschen bitter, dafür sehr aromatisch. „Ich habe mal in einer Kaffeerösterei einen Minijob gehabt“, sagt Abdulrahman nicht ohne Stolz. Das war schon in seinem neuen Leben.
Sein altes musste er in Syrien zurücklassen. Es war Ende 2015, als Abdulrahman und Mahmoud Khdeir nach Deutschland flohen. In eben jenem Jahr des Angela Merkelschen „Wir schaffen das!“. Dem Jahr der jubelnd begrüßten Geflüchteten. Dem Jahr der Euphorie, in dem viele Deutsche in ihrer neuen Rolle als gute Gastgeber aufgingen.
Es war auch das Jahr der schnell aufgestellten Zelt- und Containerdörfer. Das Jahr, in dem sich die Geflüchteten in ihrem neuen Leben als Gäste zurechtfinden mussten. Ein Jahr der vorsichtigen Hoffnung, aber auch der großen Veränderungen. Abdulrahman und Mahmoud Khdeir kamen in Hessen an. Die beiden haben acht Geschwister. Die jüngste Schwester Alaa sowie die Eltern sollten per Familiennachzug ebenfalls nach Deutschland kommen. Doch dies erwies sich als schwieriges Unterfangen. Im baden-württembergischen Schwäbisch Gmünd soll das besser funktionieren, hörten die Brüder – und machten sich auf in die Kleinstadt im Remstal. Es klappte: Alaa, ihre Mutter sowie ihr Vater kamen am 24. Dezember 2017 in Schwäbisch Gmünd an.
Zunächst lebten sie dort zu fünft zusammen in einer kleinen Wohnung, doch diese war weder behindertengerecht noch ebenerdig gelegen. Ein Problem für Alaa, die seit ihrem neunten Lebensjahr im Rollstuhl sitzt. Ein Verkehrsunfall. „Ich kam in der anderen Wohnung nicht bequem hoch und runter“, sagt sie. Denise Schechinger unterbricht sie: „Du untertreibst gewaltig, Alaa!“ – „Stimmt, wenn niemand aus meiner Familie da war, musste ich alleine die Treppe runter- oder hochkriechen“, sagt die junge Frau.
Aus der Zeit etwa stammt auch die Idee der Hoffnungshäuser. Das Konzept ist von der Hoffnungsträger-Stiftung Leonberg entwickelt worden, die von Tobias Merckle, einem Nachkommen des Ratiopharm-Gründers, ins Leben gerufen wurde und die auf christlichen Werten beruht. Diese spezielle Wohnform soll die Integration erleichtern: Hier leben Geflüchtete und sozial benachteiligte Menschen mit solchen, die mitten im Leben stehen, gemeinsam unter einem Dach: Familien, Paare, Alleinstehende – in vorwiegend geförderten Mietwohnungen.
Der Stuttgarter Architekt Thorsten Blatter von andoffice hat mit seinen Kollegen die Hoffnungshäuser entworfen. Sie sollten sich inhaltlich wie auch gestalterisch von der rational-funktionalen Containerarchitektur unterscheiden. Das Konzept ist auf Dauerhaftigkeit ausgelegt, die Häuser werden im modularen Baukastenprinzip aus Holz gebaut. Die charakteristischen „runden Ecken“ des Gebäudes erinnern an die Wölbung von zwei Händen, die sich schützend um das Haus und die Menschen darin legen.
Das Hoffnungshaus in Schwäbisch Gmünd ist eines der ersten von mittlerweile 33 Gebäuden an elf Standorten, die in Baden-Württemberg gebaut wurden. Es entstand 2020, die Eröffnung fiel direkt in die Coronazeit. Als Standortleiter sind Denise und Martin Schechinger mit ihren drei Kindern als erste hier eingezogen. Nach und nach füllten sich auch die anderen Wohnungen mit Menschen – auch die in den zwei zur Straße gewandten Häusern mit 21 seniorengerechten Wohnungen – dem „Hoffnungsblick“.
Hier lebt Marianne Schwab, 73. Die Stuttgarterin zog es als Rentnerin nach Schwäbisch Gmünd. Sie wollte ihrer sehbehinderten Schwester nahe sein und stieß bei der Suche nach einer Wohnung auf die Hoffnungshäuser. „Das Projekt hat mich interessiert“, sagt sie. Die zehn Stunden, die man sich monatlich in die Gemeinschaft einbringen soll, zählen zwar nicht im Hoffnungsblick, sie bringt sich dennoch gerne ein. Sie schätzt die Gemeinschaft und ihre Sportgruppe. Die Integration funktioniere gut, sagt sie. Gerade ist sie auf dem Weg zu einer syrischen Familie, um mit der Tochter, die in die dritte Klasse geht, zu lesen. Eine Hausaufgabenbetreuung gibt es zusätzlich im Hoffnungshaus.
Jonas Wolf, der in Stuttgart als Stadtplaner arbeitet, zog vor knapp drei Jahren in eine Männer-WG in dem Hoffnungshaus Schwäbisch Gmünd, er pendelt mit dem Zug oder macht Homeoffice. Dass das Hoffnungshaus nur wenige Gehminuten vom Bahnhof entfernt liegt, war nur eines der Argumente, die ihn zum Einzug bewegten. „Für mich in meiner Lebenssituation als Alleinstehender ist das perfekt, hier treffe ich auf Menschen aller Altersgruppen, ich lebe nahe an der Stadt, bin aber auch gleich in der Natur – und auch architektonisch finde ich die Häuser sehr schön“, sagt Wolf. Daran, nicht über den Hof laufen zu können, ohne einen Ball zu kicken oder in ein Gespräch verwickelt zu werden, hat er sich längst gewöhnt.
Wolf wohnt derzeit mit drei weiteren jungen Männern in der 105 Quadratmeter großen Wohnung mit den vier Schlafzimmern zu je zwölf Quadratmetern und einem großen Wohnbereich. Sie ist genau so geschnitten wie die der Familie Khdeir – und wirkt doch ganz anders.
Einer seiner Mitbewohner ist Benjamin Fischer, der vor eineinhalb Jahren von Stuttgart nach Schwäbisch Gmünd zog, um hier Kommunikationsgestaltung zu studieren. Er braucht nur wenige Minuten von zuhause bis zur Hochschule. Auch sonst, sagt er, hätte er es nicht besser erwischen können. Und das, obwohl er eigentlich ein Mensch sei, der sich auch mal gerne zurückzieht. „Ich finde es aber gerade toll, dass ich hier ein Umfeld an Nachbarn habe, die ein bisschen wie Familie sind – anders als in der Stadt, wo man seinen Nachbarn nur einmal im Monat sieht.“
Auf dem Weg nach unten trifft die kleine Gruppe im Treppenhaus die alleinerziehende Mutter Tatjana. Sie hat einen achtjährigen Sohn und ein gebrochenes Bein. Täglich bekommt sie nun von einem Nachbarn ein Essen zubereitet und vorbeigebracht.
Essen spielt sowieso eine große Rolle, wie Nauroz Tamo bestätigt. Sie zeigt auf ihren Balkon, der unter dem der Schechingers liegt: „Weil die Balkone leicht versetzt liegen, kann man sich beim Wäscheaufhängen gut unterhalten“, sagt sie. Denise Schechinger fügt an: „Und man riecht, was unten wieder Herrliches gekocht wird. Oft laufen dann meine Kinder runter, um etwas zu stibitzen.“
Alaa Khdeir hat derzeit indes vom Kochen die Nase voll. Die Eltern sind gerade zu Besuch bei einem ihrer Söhne, der in Ägypten lebt und den sie seit zwölf Jahren nicht gesehen haben – auch vier weitere Kinder sind in der ganzen Welt verstreut. In der Zeit ihrer Abwesenheit hat Alaa Khdeir fast immer das Essen zubereitet – bis sie eines Tages keine Lust mehr dazu hatte. Nun muss auch ihr Bruder und Kaffeespezialist Abdulrahman ran an die Töpfe. Inzwischen ist er Elektriker und arbeitet in Göppingen.
Der andere Bruder, Mahmoud, fuhr eine Weile Transporter, dann eröffnete er einen Imbiss. Doch diesen gab er wieder auf – weil er sich als Angestellter bessere Chancen auf eine Einbürgerung versprach. Nun aber möchte er den Imbiss bald wieder eröffnen. Mit allen Fragen zum Prozedere kann er sich jederzeit an Martin Schechinger wenden.
Und Alaa Khdeir? Sie hat in Schwäbisch Gmünd ihren Hauptschul-, dann ihren Realschul- und auch ihren Fachhochschulabschluss gemacht. „Das war hart“, sagt sie. Die Ausbildung zur Industriekauffrau bei den Stadtwerken fällt ihr dafür nun sehr leicht.
Am Ende kommt sie auf ihr Gebet am Anfang zurück. Alaa Khdeir hofft, dass auch außerhalb des Hoffnungshauses eine Atmosphäre entstehen möge, in der alle den Glauben der anderen wertschätzen. Und zwar aus Respekt – und nicht, weil man die Religion lieber außen vorlassen will. Alaas Hoffnung sollte die Hoffnung aller sein.