Wohnprojekt in Zuffenhausen „Zwischenwohnen“ soll Sprungbrett sein

Im Jahr 2023 sollen die Gebäude des Quartiers „Am Rotweg“ abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Foto: /Bernd Zeyer
Im Jahr 2023 sollen die Gebäude des Quartiers „Am Rotweg“ abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Foto: /Bernd Zeyer

Im Zuffenhäuser Stadtteil Rot läuft ein stuttgartweit einmaliges Projekt: Die Baugenossenschaft Neues Heim vermietet der Stadt leer stehende Wohnungen, in denen geflüchtete Menschen für einen begrenzten Zeitraum leben können.

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Zuffenhausen - Das Thema Wohnen ist momentan in aller Munde – was nicht nur am Bundestagswahlkampf liegt. Schon seit einiger Zeit wird es für viele Menschen immer schwerer, eine passende Bleibe zu finden. Ganz besonders problematisch ist die Lage für geflüchtete Familien. In Stuttgart soll ein gemeinsames Projekt der Stadt und der Baugenossenschaft Neues Heim zumindest etwas Abhilfe schaffen. „Zwischenwohnen“, so lautet der Name des Kooperationsmodells, und dieser Name ist Programm: Für einen begrenzten Zeitraum können Geflüchtete Wohnraum nützen, der eigentlich leer stünde – und zwar im Zuffenhäuser Stadtteil Rot. Im Quartier „Am Rotweg“ sollen zahlreiche Gebäude abgerissen und durch Neubauten ersetzt werden. Da aus einigen Wohnungen die Mieter bereits ausgezogen sind, würden diese bis zum Abriss im Jahr 2023 zwei Jahre lang leer stehen. Stattdessen wurden dort Geflüchtete untergebracht – zunächst 19 Personen in sechs Wohnungen. Das Projekt wird allerdings bald um sechs weitere Wohnungen erweitert.

Temporärer Wohnraum im grünen Quartier

„Das ist eine sehr gute Lösung für alle Seiten“, sagt Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann bei einem Lokaltermin. Wohnraum sei in Stuttgart ein knappes Gut, umso wichtiger seien innovative Projekte wie „Zwischenwohnen“. Dieses biete für geflüchtete Menschen guten temporären Wohnraum in einem grünen Quartier. Bislang sei dieses Projekt in Stuttgart einmalig. „Es soll ein Anfang sein. Ich sehe noch mehr Potenzial und noch mehr Partner“, sagt Sußmann.

Die Stadt hat die Wohnungen von der Baugenossenschaft Neues Heim gemietet und ist dort auch Mitglied. „Wir hoffen auf einen Multiplikatoreneffekt“, sagt Rüdiger Maier, der Kaufmännische Vorstand und Vorstandsvorsitzende der BG. Das Projekt sei eine Win-Win-Situation: Leerstand könne vermieden werden, geflüchtete Familien bekämen eine Chance, besser zu wohnen, unabhängiger zu werden und sich in die Nachbarschaft zu integrieren. Und als Baugenossenschaft könne man sich für die genossenschaftlichen Werte engagieren. Maier blickt schon über das Jahr 2023 hinaus. Er hofft, dass zumindest einige der Geflüchteten später reguläre Wohnungen der BG beziehen können.

Im Gegensatz zu der aktuell gültigen Sieben-Quadratmeter-Regel in Stuttgarter Gemeinschaftsunterkünften bieten die Wohnungen in Rot deutlich mehr Platz – sie sind zwischen 40 und 60 Quadratmeter groß und wurden bezugsfertig renoviert.

Mehr Platz und mehr Privatsphäre

„In unserer Unterkunft war alles ziemlich schlimm. Wir haben zusammen mit vielen anderen Menschen und Kulturen dort gelebt. Es gab keine Sicherheit, vor manchen Männern hatte ich Angst“, erzählt Rawan Salim. Die junge Frau war 2015 aus dem Irak nach Deutschland gekommen und konnte im Mai 2021 zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Mutter in eine „Zwischenwohnung“ ziehen. „Ich habe hier Ruhe, um zu lernen. Und auch meiner Mutter, die Asthma hat, geht es hier besser“, sagt sie. Über ähnlich positive Erfahrungen berichtete die elfjährige Afghanin Hanie: „Ich fühle mich sehr wohl hier und habe endlich Privatsphäre.“

Ende August 2021 lebten 4130 Menschen in den Stuttgarter Gemeinschaftsunterkünften. Wer in das Projekt „Zwischenwohnen“ aufgenommen wird, darüber entscheidet das Sozialamt. Auswahlkriterien sind unter anderem der Stand der Integration sowie besondere Bedarfe und Lebenssituationen. Den Familien wurde mitgeteilt, dass sie nur zeitlich begrenzt bleiben können. Während des Projekts werden sie durch ein Integrationsmanagement begleitet und nach ihrem Auszug in Privatwohnraum bis zu zwölf weitere Monate betreut. Seitens des Sozialamtes hofft man, dass das Zwischenwohnen als Sprungbrett dafür genutzt wird, später in eine eigene Wohnung ziehen zu können. Auch sollen die Familien lernen, selbstständig und eigenverantwortlich zu leben.

Das Projekt in Rot soll in Stuttgart möglichst viel Gesellschaft bekommen. „Unsere Türen stehen offen“, sagt Sußmann. Man freue sich über jedes Angebot – auch seitens privater Vermieter, die momentan noch sehr zurückhaltend seien. Wer Interesse hat, seine Wohnung an die Stadt zu vermieten, kann sich im Internet auf der Homepage der Stadt (www.stuttgart.de), unter Telefon 0711/216 590 64 oder unter der Mail garantievertraege@stuttgart.de informieren.




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