Die Statistik gibt ihm recht. Denn in Deutschland wird es eng: 52 Hektar freie Fläche werden laut dem Bundesumweltamt (Stand 2019) in der Bundesrepublik jeden Tag für Verkehr und Siedlungen verbraucht. Das macht in Summe täglich knapp 73 Fußballfelder.
Ein Ansatz, um dagegen zu wirken, ist die Nachverdichtung. Dahinter steckt unter anderem die Idee, kleine Baulücken oder bisher anders genutzte Flächen in Wohnraum zu verwandeln. Unberührte Natur oder fruchtbare Böden müssen dabei nicht dran glauben. „Das ist die Chance, um nicht auf der grünen Wiese neue Baugebiete zu aktivieren“, sagt auch Thomas Sixt Finkh, der als Architekt immer wieder mit Restflächen arbeitet. „Bei den meisten hätte vorher niemand gedacht hat, dass man da ein Haus hinbauen kann.“
Ein Haus auf einem Parkplatz
So geschah es auch in Esslingen: Das Grundstück, auf dem heute das Tiny Haus der Familie Sohn steht, war einst ein Parkplatz – und die Bauherren kommen mit weniger Quadratmetern aus als in ihrem früheren Daheim. Das hier gebaute Haus hat jüngst auch die Fachjury des Architekturpreises „Häuser des Jahres 2021“ überzeugt und das Einfamilienhaus unter die besten 50 Projekte gewählt.
„Wir wollten eigentlich einen Carport auf das Grundstück bauen lassen“, erinnert sich Manfred Sohn. Wochenlang durchforstete er gemeinsam mit seiner Ehefrau Franziska die Nachbarschaft nach passenden Designideen, bastelte an verschiedenen Entwürfen und entwickelte schließlich eine Vorstellung, wie der Carport zukünftig aussehen sollte.
Mit dieser Idee im Kopf machte sich das Rentnerehepaar auf den Weg zur Anmeldung – und erlebte eine Überraschung. „Dort wurde uns gesagt, wir könnten auf dem Grundstück alternativ auch ein Wohnhaus bauen. Kurzerhand haben wir uns dann entschieden, unseren Plan über den Haufen zu werfen und hier zu bauen“, sagt Manfred Sohn.
Ein unkonventionelles Haus
Neun Meter breit und 33 Meter lang ist das Grundstück nahe der Esslinger Weinberge. Dass ein konventionelles Einfamilienhaus hier kaum Platz finden würde, war den beiden von Anfang an klar. „Das wollten wir auch gar nicht. Wir brauchen nicht so viel Platz und haben uns außerdem gewünscht, dass das Ganze etwas moderner und unkonventioneller aussieht“, sagt Franziska Sohn.
Sie mag es, wenn alte und neue Strukturen, Tradition und Moderne, junge und alte Menschen zusammenkommen. „Ich weiß, dass das nicht alle so sehen. Aber für mich war das immer wichtig.“
Architekt Thomas Sixt Finkh wohnt selbst nicht weit von dem Grundstück der Familie entfernt – und das in einem ähnlich unkonventionellen Haus. Es steht auf einer ehemaligen Auffahrtsstraße. Bei einem ihrer Streifzüge durch die Nachbarschaft wurde das Ehepaar Sohn auf das Bauwerk aufmerksam. „Wir haben dann einfach geklingelt und so hat sich die Zusammenarbeit ergeben“, so Manfred Sohn.
Dass die Umsetzung ihn vor kreative Herausforderungen stellen würde, war Thomas Sixt Finkh dabei schnell klar. Denn nicht nur die Platzverhältnisse, auch das Budget für das Projekt war knapp. Der Grund: Als Rentnerehepaar kamen Franziska und Manfred Sohn bei ihrer Bank nur schwer an einen Kredit. „Wir hätten das in unserer Lebzeit nicht mehr zurückzahlen können. Dass der Wert im Haus selbst steckt, hat als Argument bei den Verhandlungen nicht gezogen“, sagt Manfred Sohn.
Ein „veredelter Rohbau“
So entschied man sich für einen Kompromiss. Aus dem Tiny Haus wurde eine clevere Mischung aus günstigen Materialien und klug angepasster Architektur. Heute zieht sich der abgeschrägte Bau lang über das Grundstück und wirkt in der gewachsenen Wohnsiedlung von Weitem wie eine futuristische Betonskulptur. Innen ist der kaum unterteilte Raum hell und weit, deutlich geprägt von den einzelnen Materialien, die bei seiner Errichtung benutzt wurden.
„Veredelter Rohbau“ nennt Thomas Sixt Finkh diese Art von Architektur. Viele der Materialien wurden zum Großteil so belassen wie sie von Natur aus aussehen. Neben dem finanziellen Aspekt hat das noch einen anderen Vorteil: „In den Metropolen kaufen Menschen für Millionen Wohnungen, schlagen dann den Putz ab und flexen den Beton frei, um eine Vintage-Optik zu erzeugen. Wir haben das von Anfang an so gelassen“, sagt Finkh.
Deutlich sticht heute vor allem der Beton ins Auge – ein Baustoff, der auf dem Papier vielen erst einmal Bauchschmerzen bereitet. „Am Anfang hatte ich auch meine Bedenken“, erinnert sich Franziska Sohn, „aber die haben sich schnell in Luft aufgelöst“.
Viel Tageslicht durch eine Polycarbonatfassade
Zudem habe der Beton auch positive Effekte auf die Raumtemperatur, argumentiert Thomas Sixt Finkh: „Das ist Speichermasse. Die italienischen Häuser früher hatten auch solche dicken Wände. Die Sonne kommt rein, wärmt den Beton auf und gibt diese Wärme dann innerhalb von zwei bis vier Stunden wieder ab“.
Für ausreichend Licht sorgt im Tiny Haus zudem eine Polycarbonatfassade – sechs Zentimeter starke Platten mit Luftkammern lassen Tageslicht in die fensterlose Front. „Die Platten haben den Vorteil, dass sie Licht durchlassen und so für natürliche Beleuchtung sorgen. Außerdem sind sie günstig, was uns auch sehr geholfen hat“, sagt Thomas Sixt Finkh.
Während der Bauzeit sparte das Ehepaar zudem bei den Kosten für die Handwerker: Manfred Sohn ist Elektriker und wurde so bei fast allen Schritten mit eingespannt. Die restlichen Handwerker kamen aus seinem Bekanntenkreis.
In dem Tiny Haus sieht Thomas Sixt Finkh ein Vorbild für den Umgang mit der Wohnungsnot und Flächenfraß. Eine schlechte genutzte Restfläche, die nun den Lebensabend des Ehepaars verschönert. „Die Familie lebt jetzt zu zweit auf 82 Quadratmetern, davor lebten sie in ihrer Wohnung auf 130 Quadratmetern. Jetzt liegen sie unter dem deutschen Durchschnitt – dass Einfamilienhäuser per se rotzige Selbstverwirklichungsobjekte sind, finde ich daher viel zu pauschal.“
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