Wohnungen gegen den Fachkräftemangel Wie Unternehmen mit eigenem Wohnraum punkten können

Das Robert Bosch Krankenhauses lässt am Burgholzhof fünf Wohngebäude für die Belegschaft errichten. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Nach einer IHK-Umfrage unter Betrieben in der Region Stuttgart bremst die Wohnungsnot die wirtschaftliche Entwicklung, weil Fachkräfte wegbleiben oder wieder gehen. Einige Unternehmen gehen in die Offensive. Dazu drei Vorzeigebeispiele.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Die prekäre Lage auf dem Wohnungsmarkt ist längst ein Wettbewerbsfaktor für die Wirtschaft im Raum Stuttgart. Unternehmen haben Mühe, gute Beschäftigte und Auszubildende anzulocken, weil diese keinen bezahlbaren Wohnraum finden. Nach einer Umfrage der IHK Region Stuttgart sehen gut 60 Prozent der Unternehmen einen direkten Zusammenhang zwischen Wohnungsnot und Fachkräftemangel.

 

Viele Unternehmen betroffen Mehr als die Hälfte dieser Unternehmen wiederum gibt an, dass Bewerberinnen oder Bewerber daher schon Stellen abgelehnt haben. Bei jedem fünften Unternehmen haben Mitarbeitende gekündigt, weil es an passendem Wohnraum fehlt. An der Umfrage haben sich 454 Betriebe beteiligt, zu 92 Prozent kleine und mittelgroße Firmen. Insgesamt kommt gut die Hälfte der teilnehmenden Firmen aus dem Dienstleistungsbereich.

„Besonders für Arbeitskräfte mit kleinen und mittleren Einkommen ist die Lage schwierig“, sagt IHK-Hauptgeschäftsführerin Susanne Herre. 39 Prozent der befragten Betriebe würden ihre Mitarbeitenden bereits unterstützen oder hätten es konkret geplant. Von den in dieser Hinsicht aktiven Betrieben hätten 30 Prozent bestehende Immobilien gekauft, um sie an eigene Kräfte zu vermieten. 28 Prozent mieten Wohnungen an und vermitteln sie an die Belegschaft.Das Bundesbauministerium sieht Mitarbeiterwohnen als wichtigen Baustein. Neben dem Neubau, der Modernisierung alter Objekte oder – als niedrigschwelliges Angebot – einer Wohnungsbörse im Intranet – könne die Unterstützung einer Mitarbeiterwohngenossenschaft mit Belegungsbindungen eine gute Option sein. Laut der Umfrage hat der Neubau für wenige Arbeitgeber oberste Priorität.

Neubau nahe dem Firmenstandort Fermo Massivhaus hat besonders gute Voraussetzungen – das Unternehmen mit 200 Mitarbeitern bringt die Kompetenz zu bauen selbst mit. Bis Ende 2026 wird am Firmenstandort in Murr (Kreis Ludwigsburg) ein Zwölffamilienhaus mit je vier Mitarbeiter- und Werksmietwohnungen errichtet. Dieses Objekt wird von der L-Bank des Landes mit rund einer Million Euro gefördert. Die Investitionskosten betragen insgesamt fast fünf Millionen Euro. Die Mieten sind gedeckelt, die Wohnungen sozial gebunden. Mitarbeiter, die dort einziehen wollen, müssen die Kriterien für einen Wohnberechtigungsschein erfüllen.

„Wir suchen am Bau ständig Fachkräfte und haben mit dem neuen Objekt die Möglichkeit, unseren Leuten und ihren Familien bezahlbare Drei-Zimmer-Wohnungen zur Verfügung zu stellen“, sagt der Vorstand der Aktiengesellschaft, Oliver Böhler. „Im Handwerksbereich wachsen die Löhne ja nicht durch die Decke. Da schrecken die hohen Mieten ab, und die Leute bleiben – zugespitzt gesagt – lieber in ihren Heimatländern.“ Allein die Sprachbarriere mindere die Chance auf eine Mietwohnung deutlich. Insofern gehört Fermo Massivhaus zu den Vorreitern und kann wertvolle Hinweise geben.

Zu bedenken sei zum Beispiel, sagt Böhler, dass so ein Neubau wie in Murr in geringer Entfernung zur Arbeitsstätte entstehe. Auch müssten schon bei der Grundstücksauswahl und Planung wegen der Förderung die gedeckelten Baukosten berücksichtigt werden. Eine Tiefgarage oder eine schöne Hanglage hilft da nicht weiter. Ferner sollte eine Mischung mit ein paar frei finanzierten Wohnungen im Vorfeld bedacht werden, weil das Unternehmen möglicherweise auch Mitarbeitern eine Wohnung anbieten will, deren Einkommen über den Grenzen für die Sozialbindung liegen. „Das macht es ein bisschen flexibler“, meint der Vorstand.

Ein Potenzial in der Belegschaft sollte vorhanden sein, damit sich diese kostspielige Variante lohnt. Fermo Massivhaus setzt nicht nur auf die sehr langfristige Bindung der Fachkräfte, sondern hat als Mitarbeiter-Aktiengesellschaft auch besondere Voraussetzungen, weil die Beschäftigten als Anteilseigner über die Geschicke der Firma mitbestimmen dürfen. „Bei uns herrscht da eine andere Kultur als in rein kapitalgesteuerten Unternehmen“, sagt Böhler.

Appartements zur Miete angeboten Weil insbesondere jüngere Menschen nur schwer eine bezahlbare Wohnung finden, hat auch die Sindelfinger Betriebs-GmbH Erikson Hotel die Initiative ergriffen. „Wir haben eigene Immobilien mit kleineren Apartments, die wir zum Teil möbliert haben“, sagt Sabine Kramer, die Frau des Geschäftsführers. Die würden den Mitarbeitern zu azubi-gerechten Mieten angeboten.

Gekoppelt seien sie an den Ausbildungs- oder Arbeitsvertrag. Das Hotel hat 40 Mitarbeiter und acht Azubis. „Der Verwaltungsaufwand hält sich in Grenzen“, sagt Kramer. Selbst bei niedrigeren Mieten „habe ich einen Mehrwert, indem ich den Mitarbeiter über einen gewissen Zeitraum halten kann.“ Dann bestehe auch eine Chance, dass der Auszubildende seine Lehre nicht wegen schlechter Busverbindungen abbricht, sondern die ganzen drei Jahre bleibt.

Großprojekt für gut 300 Mitarbeitende Im großen Stil investiert das Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK), weil vor allem Pflegekräfte wegen hoher Mieten von einem Wechsel nach Stuttgart absehen: Das RBK lässt das Zuffenhausener Bauunternehmen Wolff & Müller am Burgholzhof fünf fünf- bis siebengeschossige Gebäude mit rund 310 Mitarbeiterwohnungen errichten, nachdem die aus den 1970er Jahren stammenden Häuser am selben Platz abgerissen worden sind. Bis Anfang 2027 sollen die Neubauten bezugsfertig sein. Dafür investiert das Krankenhaus insgesamt rund 140 Millionen Euro in den umfassenden Bosch Health- Campus, der zum Beispiel auch eine Kita und einen Supermarkt umfasst. „Neuer und bezahlbarer Wohnraum in aussichtsreicher Lage und Arbeitsnähe stärkt uns als attraktiver Arbeitgeber“, sagt der Medizinische Geschäftsführer des RBK, Mark Dominik Alscher.

Unterstützung der Unternehmen wächst Jüngst hatte das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag des Bundes eine Bestandsaufnahme vorgelegt. Das Ergebnis: Knapp 17 Prozent der Unternehmen bundesweit unterstützen ihre Mitarbeiter im Bereich der Wohnraumversorgung. Bei 5,2 Prozent handelt es sich um direkte Hilfen. Dies entspricht hochgerechnet 675 000 Wohnungen und weiteren 46 000 Wohnheimplätzen für (junge) Mitarbeitende. Weitere 11,6 Prozent helfen ihren Mitarbeitenden indirekt.

Generell bieten größere Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitenden häufiger direkte Unterstützung an als kleine und mittlere, die wiederum öfter indirekte Angebote machen. Wegen der großen Anzahl kleiner Firmen würden diese einen sehr großen Anteil der Wohnungen stellen, heißt es.

Weitere Themen