InterviewWohnungsbau in Waldenbuch „Wir müssen nicht letzten Cent herausholen“

Steffen Bosch ist Zimmermann mit Meisterbrief, Bautechniker und Immobilien-Ökonom. Foto: Claudia Barner
Steffen Bosch ist Zimmermann mit Meisterbrief, Bautechniker und Immobilien-Ökonom. Foto: Claudia Barner

Wie kann der Wohnungsbau nachhaltiger werden? Steffen Bosch ist überzeugt, dass die kleine Stadtbau Waldenbuch, die er seit Kurzem leitet, entscheidend dazu beiträgt. Im Interview erklärt er, wie er sich das Wohnen in der Zukunft vorstellt.

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Waldenbuch - Wie werden wir künftig wohnen, und wie bleiben Miete oder Baukosten bezahlbar? Die Stadt Waldenbuch will mit ihrer Tochtergesellschaft Stadtbau Antworten auf diese Zukunftsfragen geben. Am 1. Juli übernimmt Steffen Bosch die Stelle als Hauptgeschäftsführer. Der Zimmermann mit Meisterbrief, Bautechniker und Immobilien-Ökonom will sich einmischen. Seine Devise heißt: neu denken und flexibel handeln. Was er damit genau meint, erklärt er im Interview.

Herr Bosch, wofür braucht eine 8700-Einwohner-Kommune wie Waldenbuch eine eigene Stadtbaugesellschaft?

Wir können uns glücklich schätzen, dass es die Wohnbau-Tochter gibt. Sie hat für die Stadt in vielerlei Hinsicht einen Mehrwert. Zu ihren Zielen gehören die soziale Wohnungsversorgung für alle Schichten der Bevölkerung, die Unterstützung der Kommune bei siedlungspolitischen Infrastrukturmaßnahmen, und sie hat die Aufgabe, als Bauträger Geld zu erwirtschaften, um dieses in den Bestand und Neubau zu reinvestieren. Was uns von kommerziellen Anbietern unterscheidet: Wir müssen aus unseren Projekten nicht den letzten Cent herausholen. Der gesellschaftliche Nutzen und die Bedürfnisse der Bürgerinnen und Bürger stehen im Mittelpunkt.

Das klingt gut, aber doch etwas wachsweich. Wo konkret können und wollen Sie ansetzen?

Es gibt in Waldenbuch viele Beispiele, die zeigen, wie wir arbeiten. Die Stadtbau hat die Errichtung für den neuen Baubetriebshof begleitet. Sie hat 2017 im Gaiern Sozialwohnungen gebaut. Unser jüngstes Projekt ist der Kindergarten Eugen-Bolz-Straße. Hier sieht man gut, wie wir soziale Verantwortung mit wirtschaftlichem Denken kombinieren. Die Kita ist im Auftrag der Stadt entstanden. Die Wohnungen im Obergeschoss haben wir vermarktet. Solche Objekte brauchen wir, um an anderer Stelle wieder verstärkt auf die soziale Komponente zu setzen. Das ist unser Weg, um der aufgeheizten Entwicklung am Miet- und Immobilienmarkt gegenzusteuern.

Was kann die kleine Waldenbucher Stadtbau gegen steigende Preise und das Profitstreben privater Investoren ausrichten?

Wir brauchen einen völlig neuen Ansatz. Ich bin überzeugt davon, dass es ein Fehler ist, sich nur auf die Baukosten zu fokussieren. Wir müssen nachhaltiger werden und das Gebäude über seinen gesamten Lebenszyklus definieren. Das heißt, wir berücksichtigen schon in der Planungs- und Bauphase, welche Kosten durch die Unterhaltung und Instandhaltung des Gebäues bis hin zu seinem Abriss entstehen. Da zeigt sich dann, dass eine Investition, die im Moment vielleicht etwas höher erscheint, sich auf Dauer auszahlen kann.

Können Sie Beispiele nennen?

Nehmen wir das Thema Asbest. Der Werkstoff war günstig, galt als langlebig und pflegeleicht. Heute zeigt sich: Durch die hohen Entsorgungskosten geht die Rechnung nicht auf. Deshalb ist es wichtig, vorausschauend zu planen. Wir brauchen bei den Werkstoffen eine durchgängige und konsequente Kreislaufwirtschaft. Was viele nicht wissen: Über die Lebensdauer eines Gebäudes betrachtet, machen die Entstehungskosten nur etwa 20 Prozent aus. 80 Prozent sind Nutzungskosten, Umbau-/Erneuerungskosten und Abbruch-/Entsorgungskosten. Doch das ist nur ein Aspekt. Ich bin der Meinung, dass wir künftig ein Gesamtpaket brauchen, das auch neue Wohnformen berücksichtigt.

Also WG statt Villa?

(Lacht) So weit würde ich nicht gehen. Meiner Meinung nach brauchen wir eine Mischung aus mehr Flexibilität und stärkerem Zusammenhalt. Modernes Wohnen kann durch Angebote wie Carsharing, einem Garten für alle oder mehr Gemeinschaftsräume den persönlichen Platzbedarf sinnvoll reduzieren. Auch Flexibilität ist ein großes Thema. Denkbar wäre eine Familien-Wohnung, von der zum Beispiel Zimmer für eine andere Nutzung abgezwackt werden können, sobald die Kinder aus dem Haus sind. Wir müssen uns in dieser Richtung mehr Gedanken machen und uns fragen: Was wird wann wirklich benötigt?

Schön, wenn die Stadtbau das macht, doch wie holen Sie private Investoren mit ins Boot?

Ich sehe uns hier in einer Vorreiterrolle, die Investoren dazu animieren kann, unserem Beispiel zu folgen. Es geht darum, eine Wohnungspolitik zu gestalten, bei der möglichst alle mitmachen. Dazu gehören auch Menschen, die über Grundstücke verfügen und diese verkaufen möchten. Ich würde mir wünschen, dass sie auf uns zukommen, damit wir vielleicht gemeinsam überlegen, wie sich ihr Wunsch nach einem guten Preis mit einer nachhaltigen Lösung für die Zukunft unserer Stadt vereinbaren lassen.




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