Wohnungsbau Sind die Städte für Besserverdiener reserviert?

Von Dietrich Heißenbüttel 

Planer und Politiker haben in Ludwigsburg über Wohnbau in der Stadt diskutiert – etwa darüber, ob der Verkauf der LBBW-Wohnungen an den Investor Patrizia richtig war. Dabei ging es auch um die Frage, ob nur Besserverdiener das nötige Kleingeld haben, um in der Stadt zu wohnen.

Abgegrenzt: die Wohnanlage Rosenpark in Stuttgart-Vaihingen. Sind Städte nur was für Besserverdiener? Foto: Günter Bergmann
Abgegrenzt: die Wohnanlage Rosenpark in Stuttgart-Vaihingen. Sind Städte nur was für Besserverdiener? Foto: Günter Bergmann

Ludwigsburg - Nach den städtebaulichen Irrlehren der Charta von Athen, 1933 verabschiedet unter Federführung des Architekten Le Corbusier, ist es heute zu einer Neubewertung der historisch gewachsenen Innenstädte gekommen. Die Problematik der Funktionstrennung, die die Charta vorsah – Wohnviertel in der Peripherie, Industriegebiete und Straßenschneisen – ist längst erkannt. Die „Renaissance der Städte“ hat nicht erst gestern begonnen. Mit Forschungsprojekten, etwa zum Thema der Zukunft der Innenstadt, Publikationen und Veranstaltungen hat die Wüstenrot Stiftung diesen Prozess begleitet und vorangetrieben.

Nun ergibt sich ein neues Problem: Wohnen im Stadtzentrum ist wieder begehrt, die Mieten steigen, ärmere Bewohner werden vertrieben: Dafür steht das immer häufiger zu hörende Stichwort der Gentrification. Werden die Innenstädte zu Luxusquartieren für Yuppies? Abgeschottete Wohnviertel hier, brennende Vorstädte dort: Unruhen in den französischen Banlieus, Aufstände in Großbritannien lassen das Schreckgespenst der sozialen Trennung am Horizont aufscheinen.

Aber ist es tatsächlich so schlimm, befinden sich die Städte insgesamt auf falschem Kurs? Gibt es auch positive Beispiele, und welche Mittel wären geeignet, Fehlentwicklungen entgegenzusteuern? Wie steht Europa, wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?

Negativbeispiele finden sich vor der eigenen Haustür

Solchen und weiteren Fragen ist ein neues Forschungsprojekt der Wüstenrot Stiftung nachgegangen, dessen Ergebnisse nun in einer gewichtigen Publikation und auf einer Tagung in Ludwigsburg vorgestellt wurden. Negativbeispiele finden sich auch vor der eigenen Haustür. In Stuttgart steigen die Mietpreise bei Neuvermietungen um fast 50 Prozent. In Ludwigsburg haben die privaten Bauträger der Stadt mit Klage gedroht, weil diese ihrer eigenen Wohnungsbau-Gesellschaft einige Grundstücke reservieren will. Ludwigsburg kam auf der Tagung nicht zur Sprache, dafür aber viele andere positive wie negative Fallbeispiele. Hans Sartoris von der Stadtbau Würzburg, die kürzlich für ihr Projekt „Wohnen in allen Lebensphasen“ mit dem Deutschen Bauherrenpreis ausgezeichnet wurde, zeigte an verschiedenen Wohnvierteln, wie Würzburg eine gelungene Mischung von Eigentums-, Miet- und Sozialwohnungen erreicht.

Teurer Klimaschutz oder bezahlbare Wohnungen: zu solchen Fragen müssten Stadt und Unternehmen eine „Haltung“ entwickeln und diese auf allen Ebenen umsetzen. Gerd Kuhn von der Universität Stuttgart, einer der Herausgeber des dicken Bandes, führte weltweite Entwicklungen vor Augen. Auf der einen Seite steigt die Zahl der Slum-Bewohner, auf der anderen entstehen immer mehr Gated Communities, nicht nur in Nord- und Südamerika. In Europa gibt es sie bisher zwar weniger, doch auch in Deutschland wächst die Tendenz zum „abgeschirmten Wohnen“, wie Tilman Harlander, der andere Herausgeber der Studie, feststellt und unter anderem mit der Siedlung Rosenpark in Stuttgart-Vaihingen belegt.

LBBW-Wohnungen: „große Chance verpasst“

Kuhn und Britta Tornow, Stadtplanerin aus Kiel, zeigten, wie es in den Nachbarländern Österreich, Schweiz und Dänemark zugeht. Die sozialen Gegensätze sind dort weniger krass, der Sozialstaat funktioniert noch. Dafür schotten sich Einheimische gegen Zugewanderte ab. In Deutschland ist dagegen die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen so weit auseinandergegangen wie nirgendwo sonst auf der Welt: Darauf wies Harlander mit einem OECD-Report hin. Jahr für Jahr werden Hunderttausende von Sozialwohnungen an private Interessenten veräußert. Stuttgart habe mit dem Verkauf der LBBW-Wohnungen an das Patrizia-Konsortium eine „große Chance verpasst“. Andere Städte wie Hamburg oder München hätten inzwischen immerhin erkannt, dass sie auf die soziale Balance aktiv einwirken müssen. OB Fritz Kuhns „großes Wohnbauprogramm“ sei noch nicht weit gediehen, zitierte Harlander die Stuttgarter Zeitung.

Ulms Oberbürgermeister Ivo Gönner forderte eine Rückbesinnung: „Die Städte müssen rigoros in die Grundstückspolitik eingreifen.“ Mit Fred Gresens von der Mittelbadischen Baugenossenschaft war er sich einig, dass es keiner neuen Gremien und bürokratischen Mechanismen bedarf. „Es gibt keinen schlechteren Verhandlungspartner als die Politik“, lautete Gresens’ vernichtendes Fazit. Baden-Württemberg sei trotz seiner wirtschaftlichen Stärke bei der Wohnbauförderung bundesweit Schlusslicht. „Wenn ich ein Wohnbauproblem habe, hilft nur eines“, stellte Gönner etwas holzschnittartig fest: „Wohnungen bauen.“ Dies mag wohl zutreffen – wenn der Wille vorhanden ist. Dazu bedarf es aber, wie der Vorsitzende der Wüstenrot-Stiftung Wolf von Lucius eingangs bemerkte, in vielen Fällen zuerst einer breiten Diskussion.