Wohnungslose Frauen in Stuttgart Kaum ein Weg aus der Frauenpension

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Wer in der Stuttgarter Frauenpension ein Zimmer ergattert, kann einerseits froh sein. Andererseits gelingt der Auszug immer schwerer. Viele Bewohnerinnen könnten das Leben in einer eigenen Wohnung problemlos meistern, so die Leiterin der Einrichtung. Doch sie finden nichts. Eine Betroffene erzählt.

Tülay Akbulut lebt in der Frauenpension. Sie sucht eine neue Bleibe. Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky
Tülay Akbulut lebt in der Frauenpension. Sie sucht eine neue Bleibe. Foto: Lichtgut/Oliver Willikonsky

Stuttgart - Manchmal, wenn Tülay Akbulut an den Schaufenstern von Möbelläden vorbeigeht, fängt sie an zu träumen. Dann stellt sie sich vor, sie hätte eine eigene Wohnung, und richtet sie in Gedanken ein: Platziert das Sofa an die eine Wand und den gemütlichen Sessel noch daneben, hängt eine schöne Lampe auf. Die Realität sieht anders aus. Tülay Akbulut wohnt seit 15 Monaten in einem Zimmer in der Frauenpension der Caritas. Die Möbel – der kleine Tisch, die zwei Stühle, das Bett – gehören ihr nicht. Sie weiß, dass sie es sogar noch besonders gut getroffen hat. Sie konnte nämlich vor einigen Monaten in ein Zimmer mit eigenem Bad wechseln. Das ist Luxus in der Einrichtung für wohnungslose Frauen. Von den 54 Zimmern haben nur sechs eine eigene Dusche und Toilette.

Tülay Akbulut ist voll des Lobes, wenn sie von den Mitarbeiterinnen in der Frauenpension spricht. Dennoch ist die Situation für sie frustrierend. Denn eigentlich, das meint nicht nur sie selbst, gehöre sie nicht hier hin. „Ich trinke nicht, ich nehme keine Drogen, ich erledige alles selbst und brauche keine Hilfe – ich brauche nur eine Wohnung“, sagt die 44-Jährige. Wohnungslos sei sie durch die Scheidung von ihrem Mann geworden. Tülay Akbulut ist in Rheinland-Pfalz geboren. Sie hat türkische Eltern, einen deutschen Pass und hat lange in Pforzheim gewohnt. Mit ihrem Ex-Mann ist sie aber in die Türkei gegangen, weil er dort ein Unternehmen aufbauen wollte. Vier Jahre hat sie dort mit ihm gelebt, bis sie es nicht mehr aushielt. In der Heimat habe er sich charakterlich verändert, sei aggressiv geworden, schlug sie – und betrog sie.

Frauenberatungsstelle verwaltet Wartelisten

„Bei meiner Rückkehr hatte ich nichts mehr“, sagt Tülay Akbulut. Ihre Mutter sei schon lange tot, zum Vater, der mit neuer Frau in der Türkei lebt, habe sie keinen Kontakt. Sie kam zuerst bei einer Freundin in Villingen-Schwenningen unter, doch lange konnte sie nicht bleiben, deshalb wechselte sie zu einer „angeblichen Freundin“ aus Stuttgart, der sie einmal für mehrere Monate Obdach gegeben habe. Deren Hilfsbereitschaft sei schon nach einer Nacht aufgebraucht gewesen. Sie zog in ein billiges Hotel – und suchte in der Zentralen Frauenberatungsstelle Hilfe. Die Anlaufstelle unterstützt Frauen, die sich in akuter Wohnungsnot befinden oder von ihr bedroht sind. Es werde aber immer schwieriger zu helfen, berichtet die Leiterin der Frauenberatung, Iris Brüning. „Wir sind eigentlich nur noch am Verwalten von Wartelisten“, schildert sie die frustrierende Situation. Als Folge des ­angespannten Wohnungsmarkts gelinge der ­Absprung aus den Einrichtungen der ­Wohnungsnotfallhilfe immer schlechter.

Akbulut kam unter, musste aber mehrfach die Notübernachtung wechseln. Zuerst ging es in eine Einrichtung am Stöckach, von dort nach vier Wochen ins Neeffhaus, zurück an den Stöckach – von dort dann schließlich vor 15 Monaten in die Frauenpension, zunächst in ein Zimmer mit geteiltem Bad.

„Zum Glück gibt es dieses Angebot, aber eine eigene Wohnung ist nun mal etwas anderes“, sagt Akbulut. Auch seien die Wände in der Pension dünn. „Hier hört man alles.“ Sie hat seit Längerem wieder einen Freund. Zu ihm ziehen kann sie nicht: „Er wohnt selbst in einem kleinen WG-Zimmer“, ­erklärt sie – und auch seine Wohnungssuche sei bisher ohne Erfolg geblieben.

Viele Frauen wohnen schon seit fünf Jahren in der Frauenpension

„Die Frauen mit Anspruch auf eine Sozialwohnung warten inzwischen jahrelang auf eine Wohnung“, sagt die für die Frauenpension am Veielbrunnenweg zuständige Teamleiterin Birgit Reddemann. Ihr macht die Entwicklung Sorgen. Sie hätten nur noch wenig Fluktuation im Haus, früher sei viel mehr Bewegung gewesen. Dabei könnte wohl die Hälfte der Bewohnerinnen – ein Teil davon mit Unterstützung – durchaus in eigenem Wohnraum wohnen. „Doch der Abfluss dauert lange“, sagt Reddemann.

Eigentlich sollte die Frauenpension, wie der Name schon sagt, eine vorübergehende Unterkunft sein für die Betroffenen. Die Realität sei allerdings eine andere. Fünf Jahre und länger sei inzwischen die typische Wohndauer. „Diese Perspektivlosigkeit, die macht etwas mit den Frauen“, sagt Reddemann. Sie fordert deshalb von der Stadt, mehr Sozialwohnungen zu bauen. „Dass Anspruchsberechtigte so lange warten müssen, ist ein Unding“, meint die Leiterin der Frauenpension.

Unwahrscheinlich, dass Tülay Akbulut in nächster Zeit eine Sozialwohnung bekommt. Sie hat nicht einmal einen Wohnberechtigungsschein, weil sie noch keine drei Jahre in Stuttgart gemeldet ist. Die Leiterin der Frauenpension ist sich sicher, dass die 44-Jährige gut allein klar kommen würde in einer eigenen Wohnung. Aber mit einem Auszug rechnet sie erst mal nicht. „Frau Akbulut wird sicher noch lange warten müssen“, sagt Birgit Reddemann.

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