Armut in Stuttgart In der Pandemie fehlt es an Aufenthaltsräumen für Obdachlose

Hilfsorganisationen suchen in der Pandemie nach Alternativen, wo Menschen ohne Wohnsitz unterkommen können. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Träger der Wohnungsnotfallhilfe können obdachlose Menschen nicht wie gewohnt in ihre Stuben lassen. Alternativen bieten sich unter Brücken und Zeltdächern an.

Stuttgart - Der Januar 2006 war kalt. Einem wohnsitzlosen Mann wurde das Wetter in Stuttgart damals zum Verhängnis. Man fand ihn tot in seinem Biwak im Wald, erfroren. Sein Kältetod hat Politik und Gesellschaft aufgerüttelt und die Stadt bewogen, sich den Kälteschutz auf die Fahnen zu schreiben: Bei Temperaturen ab Null Grad Celsius werden seither alle, die Schutz suchen, in den städtischen Notübernachtungsstellen aufgenommen. Die Corona-Pandemie hat Probleme geschaffen.

 

Zur Vermeidung von Infektionen werden die Zimmer mit höchstens zwei Personen belegt, wodurch weniger Plätze zur Verfügung stehen. Und: Die Klienten der Wohnungslosenhilfe seien bei Corona-Verordnungen immer wieder vergessen worden, führt Gabriele Kraft an, Referentin für Wohnungslosenhilfe im Diakonischen Werk Württemberg. Erst mit einer gewissen Verzögerung sei die Wohnungsnotfallhilfe mit in die Teststrategie des Landes aufgenommen worden. „Wir müssen immer kämpfen, dass uns die Politik nicht aus dem Blick verliert.“

Wenig Rückzugsmöglichkeit

Seit Ausbruch der Pandemie gibt es nur noch wenige Rückzugsmöglichkeiten von der Straße. Entsprechend der Corona-Vorgaben haben die Freien Träger und Kirchen ihre Angebote einschränken müssen, Wärmestuben und Essenssäle sind geschlossen, Duschen ist nur nach Voranmeldung möglich.

„Witterungsschutz, Hygienemöglichkeiten, Kälteschutz und weitere existenzsichernde Hilfen sind erheblich eingeschränkt“, monieren Akteure der Niedrigschwelligen Hilfen in Stuttgart, zu denen die Ambulante Hilfe, das MedMobil, die Straßensozialarbeit Bad Cannstatt, die Straßenzeitung Trott-war und der Verein zur Förderung von Jugendlichen gehören. Sie fordern von der Stadt unter anderem die „Anmietung leer stehender Pensionen, Hotels und Jugendherbergen“ für zusätzliche Notübernachtungs- und Kälteschutzzimmer und die durchgehende Aufnahme von obdachlosen Personen ohne Sozialleistungsberechtigung.

Fraktionen fordern Aufenthaltsräume

Der Brief hat in der Kommunalpolitik bereits Reaktionen hervorgerufen. Die SPD-Fraktion fordert in einem Antrag dazu auf, Gemeindehäuser oder Schulturnhallen zu nutzen, um so temporär „eine warme Stube“ für die Obdachlosen bereitzustellen. Notunterkünfte sollen für Menschen ohne Anspruch auf Sozialleistungen bis Ende Februar 2021 zugänglich sein. Auch Die Fraktion hat die Stadt um Antworten zu offenen Fragen ersucht. Die CDU-Fraktion hält es für notwendig, „dass Obdachlose in Zeiten von Corona besonders geschützt werden müssen“, sagt Beate Bulle-Schmid. Die Stadträtin hält eine größere Zahl von Aufenthaltsplätzen mit Duschen für dringlich. „Auch wir haben die Nutzung von ferienbedingt ungenutzten Turnhallen mündlich angeregt, die Stadt will das nun prüfen“, sagt die Stadträtin.

Die Belegung der Notübernachtungsplätze hat nach Angaben der Stadt Stuttgart in der vergangenen Woche bei 60 bis 70 Prozent gelegen. Die Grünen im Gemeinderat sehen daher den Übernachtungsbedarf gedeckt, Lücken allerdings bei den Tagesangeboten. „Die Öffnung von Turnhallen oder großen Gemeindezentren halten wir unter den Pandemie-Bedingungen für nicht hilfreich, ein Coronaausbruch unter den Wohnungslosen wäre wirklich fatal“, sagt Stadträtin Gabriele Nuber-Schöllhammer. Sollte es deutlich kälter werden, „kann ich mir vorstellen, dass wir eine Art Hotel anmieten, in dem die Menschen sich tagsüber aufhalten können, wie es in Wohnheimen auch möglich ist.“ Die Stadt steht im Austausch mit den Trägern der Wohnungsnotfallhilfe und „hat zusätzliche Mittel für alternative Tagesangebote bereitgestellt“, sagt Sozialamtsleiterin Franziska Vogel.

Damit seien drei Maßnahmen unterstützt worden: die Zeltaufbauten der Caritas bei der Kirche St. Georg, die Erweiterung der Flächen bei der Evangelischen Gesellschaft in der Büchsenstraße sowie die Essensversorgung unter der König-Karl-Brücke in Bad Cannstatt, die von Heilsarmee und Ambulanter Hilfe betrieben werde. „Wir haben aber einen zusätzlichen, neuen Suchlauf gestartet, um weitere Ausweichflächen wie beispielsweise von Kirchengemeinden zu akquirieren“, so Franziska Vogel. Schulturnhallen habe man erwogen, aber verworfen: „Die waren alle wegen ihrer Randlage nicht geeignet.“

Zelte sind ein Teil des Angebots

Die Träger der Wohnungsnotfallhilfe sind zuständig für rund 4000 Klienten, auf 80 bis 100 Personen wird der Kreis der Obdachlosen geschätzt. Alle bieten statt Essen in den Wärmestuben nun Verpflegung To Go – zum Mitnehmen an.

Das soll auch jetzt an Weihnachten so sein. Evas Stall wird wohl unter freiem Himmel stattfinden, und verteilt über die Stadt sind sieben Anlaufstellen eingerichtet, wo Verpflegung ausgegeben wird. Auch das Rudolph-Sophien-Stift beteiligt sich daran und nennt seine Aktionen am Marienplatz und unter der Paulinenbrücke SuppOptimal.

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