Steffen H., 61 Jahre alt, lebt seit sechs Jahren in einem der Container im Lohenbachtäle in Leonberg. Eine eigene Wohnung hat er nicht. „Es ist zwar klein und mit meinen Nachbarn oft trubelig, aber immerhin ist es warm – und ich habe sogar einen Backofen“, erzählt der gelernte Bäcker. Gerade im Winter weiß er dieses Zuhause zu schätzen, denn das Leben auf der Straße ist hart. „Ich habe miterlebt, wie Menschen neben mir eingeschlafen sind und am nächsten Morgen nicht mehr aufgewacht sind“, berichtet er.
Im Kreis Böblingen ist die Zahl derer, die wie Steffen H. keine eigene Wohnung haben, seit 2019 um knapp ein Drittel angestiegen. Wie sieht das in Leonberg aus und warum verlieren Menschen ihre Wohnungen?
„Obdachlose, die auf der Straße leben, gibt es in Leonberg nicht“, sagt Anke Wagner, Leiterin des Leonberger Amts für Jugend, Familie und Schule – „höchstens mal auf Durchreise.“ Als wohnungslos werden alle Menschen bezeichnet, die keine gesicherte Unterkunft oder keinen Mietvertrag haben. Sie leben beispielsweise in einer Notunterkunft, einer stationären oder einer kommunalen Einrichtung oder bei Freunden. Obdachlos sind Menschen, die keinen festen Wohnsitz und keine Unterkunft haben. Sie übernachten im öffentlichen Raum wie Parks, Gärten oder U-Bahnstationen.
In Leonberg sind etwa 800 Geflüchtete und Wohnungslose untergebracht, wobei die Geflüchteten den Großteil ausmachen. Rund 210 Menschen wird durch die Unterbringung ein Leben auf der Straße erspart. Rund 400 Geflüchtete werden vom Sozialen Dienst betreut – auch sie werden zu den Wohnungslosen gerechnet. Denn nach den ersten Jahren, in denen Geflüchtete von Integrationsmanagern begleitet werden, wechseln sie in die Betreuung des Sozialen Dienstes und zählen dann ebenfalls zur Gruppe der Wohnungslosen.
Wegen einer Allergie den Job als Bäcker aufgegeben
Steffen H. wurde 1963 in Stuttgart geboren und wuchs im Leonberger Stadtteil Ramtel auf, bevor die Familie nach Feuerbach zog. Nach der Schule machte er eine Ausbildung zum Bäcker in Feuerbach – bis er eine Mehlstauballergie entwickelte und nach seiner Gesellenprüfung den Bäckerberuf an den Nagel hängen musste. Danach folgten schwierige Jahre: Steffen war immer wieder arbeitslos oder arbeitete schwarz. Zwei Jahre lebte er auf der Straße. „Ich bin bis nach Schleswig-Holstein herumgekommen“, erinnert er sich.
Zurück in der Region fand er zunächst eine Bleibe in einem Männerwohnheim in Stuttgart-Freiberg. Doch auch dort konnte er nicht bleiben: Der Vermieter wollte sein Zimmer an mehrere rumänische Arbeitskräfte vermieten. „Bevor er meine Sachen auf die Straße gestellt hat, bin ich geflüchtet“, erzählt Steffen. Aber er fand Arbeit bei einer Speditionsfirma in Leonberg, für die er viele Jahre arbeitete – bis zu einem Schicksalsschlag. „Man wird selten wohnungslos, wenn man nicht einiges im Gepäck hat“, erklärt Dominik Grün vom Leonberger Ordnungsamt. Die Gründe seien vielfältig: Trennungen, Scheidungen, häusliche Gewalt, aber auch Mietschulden, Entlassungen aus der Klinik oder aus dem Gefängnis. Hinzu kommen oft psychische Erkrankungen oder Suchtprobleme.
Warum verlieren Menschen ihre Wohnung?
Am häufigsten sind es Einzelpersonen, die ihre Wohnungen verlieren. Familien sind seltener betroffen, meist dann aufgrund von Mietschulden. „Wohnungslose sind häufiger Männer, darunter auch viele ehemalige Häftlinge, die nach ihrer Entlassung keine Bleibe haben“, sagt Grün. Männer werden auch deshalb öfter wohnungslos, weil sie öfter süchtig sind oder aber die Täter in Fällen häuslicher Gewalt sind. „Etwa zwei Drittel der Wohnungslosen in Leonberg sind Deutsche, die meisten sind um die 40 Jahre alt.“
Bei Steffen H. war es eine Erbkrankheit, die ihn zwang, seine Arbeit aufzugeben. „Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet – bis ich krank wurde“, sagt er. Mehrmals pro Woche muss er seitdem zur Blutwäsche. Schwere Kartons oder Möbel kann er nicht mehr tragen. Damals sieht es bei seinem Arbeitgeber ohnehin schlecht aus, es habe kaum noch Arbeit gegeben.
Der Soziale Dienst der Stadt Leonberg vermittelte ihm schließlich seine heutige Unterkunft im Lohlenbachtäle. Wohnungslose wohnen in Leonberg entweder in WG-Zimmern oder in einzelnen Containern wie denen im Lohlenbachtäle, Familien auch in Wohnungen. „Das sind allerdings keine Hotels“, bemüht sich Dominik Grün vom Ordnungsamt direkt damit, Vorurteile aus dem Weg zu räumen. „Die Wohnungen haben Heizungen, es regnet nicht rein, aber die Räume sind nur mit dem Nötigsten ausgestattet.“
Ein Schicksalsschlag und der Verlust des Arbeitsplatzes
„Leonberger Bürgerinnen und Bürger, die unfreiwillig obdachlos geworden oder von Obdachlosigkeit bedroht sind, können sich an das Ordnungsamt oder an den Sozialen Dienst im Neuen Rathaus wenden. Sie werden durch das Ordnungsamt in Leonberg oder in den Teilorten untergebracht“, sagt Nicola Michaelis-Ikrat, Leiterin der Sozialen Dienste. Und betont die Bedeutung frühzeitiger Unterstützung: „Wir bieten allen Leonberger Bürgerinnen und Bürgern an, frühzeitig über Probleme wie Mietschulden zu sprechen, damit wir rechtzeitig helfen können.“ Oft könne der Soziale Dienst vermitteln – zwischen Mietern und Vermietern oder bei Konflikten in der Wohnung.
Manche arrangieren sich auch irgendwann mit ihrer Situation in den Unterkünften. Steffen H. jedoch hat weiterhin einen Traum: „Ich freue mich über mein warmes Zuhause und meinen Backofen. Aber irgendwann hätte ich schon gerne mehr Platz.“