Wohnungsmangel in Baden-Württemberg Seniorenrat kritisiert Politik

Von red/dpa/lsw 

Die Lebenserwartung steigt, die Menschen werden immer älter. Und das wirkt sich auch auf den Wohnungsmarkt aus. Soweit alles planbar. Nur fehlen trotz der Warnungen und Prognosen in Baden-Württemberg massenhaft Wohnungen für Senioren.

Senioren haben es schwer, auch seniorengerechte Wohnungen finden sie nicht mehr. (Symbolbild) Foto: STZN
Senioren haben es schwer, auch seniorengerechte Wohnungen finden sie nicht mehr. (Symbolbild) Foto: STZN

Stuttgart - Zu viele Stufen oder Schwellen, die Flure zu eng oder die Türen zu schmal - Jahr für Jahr werden in Baden-Württemberg Zehntausende Wohnungen gebaut. Aber nur die wenigsten von ihnen sind für ältere Menschen geeignet. Gebetsmühlenartig warnt der Landesdemografiebeauftragte Thaddäus Kunzmann vor dem „krassen Missverhältnis“ von Bedarf und Bestand. Beim Blick auf die Prognosen wird seine Wortwahl dabei zunehmend schärfer: Der derzeitige Wohnungsbau sei eigentlich nicht zukunftsfähig, sagte der 55-Jährige am Montag in Stuttgart. Hoffnungen auf bessere Zeiten macht er auch nicht wirklich: kein Konzept, kein Bauland, keine Handwerker, fasste Kunzmann zusammen.

Nach mehreren Studien fehlten in Baden-Württemberg Hunderttausende barrierefreie Wohnungen für ältere Menschen in den kommenden Jahrzehnten. Weder Politik noch Wirtschaft hätten eine Lösung auf dem Schirm. „Es wird in diesem Bereich nicht genug investiert und erst recht nicht genug gebaut“, kritisierte Kunzmann.

2030 drei Millionen Senioren-Wohnungen benötigt

Vor drei Jahren habe es in Deutschland rund 770 000 altersgerechte Wohnungen gegeben, doch seien das nur zwei Prozent des gesamten Wohnungsbestandes gewesen. Im Jahr 2025 würden nach einer Studie des Instituts für Bauforschung (Hannover) aber bereits zwei Millionen und bis 2030 sogar drei Millionen Wohnungen für Senioren in Deutschland benötigt. Und bis zum Jahr 2040 seien allein im Südwesten rund486 000 barrierefreie Wohnungen nötig. „Im Grunde wird um die Hälfte zu wenig gebaut. Und das, was gebaut wird, entspricht oftmals nicht dem Bedarf in der Zukunft“, sagte der Demografieexperte. „Wir brauchen grundsätzlich ein Umdenken beim Wohnungsbau.“

Der Landesseniorenrat stimmt zu und kritisiert die Politik, die die Voraussetzungen für ein altersgerechtes Wohnen in den vergangenen Jahrzehnten nicht im Blick gehabt habe. „Die Politik hat den Wohnraummangel verschlafen“, sagte der Beiratsvorsitzende Uwe Bähr in Göppingen. „Sie denkt zu kurzfristig und hat nicht den Mut, zu klotzen.“ Er schlägt ein Sonderprogramm vor für Baugesellschaften, die vorhandenen Wohnraum in altersgerechte Angebote umbauen.

Kunzmann erneuerte seine Forderung aus dem vergangenen Jahr, die Mittel der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) im Programm zum altersgerechten Umbau mindestens zu verdoppeln auf 150 Millionen Euro. „Die Mittel sind regelmäßig zur Jahresmitte ausgeschöpft. So können auch aktuell keine Mittel mehr abgerufen werden.“ Außerdem müssten Beratungen angeboten werden zum Umbau von Wohnraum auf dem Land, ebenfalls notwendig sei ein Kompetenzzentrum von Architekten und Handwerkern. Grundrisse von neuen Wohnungen sollten so gestaltet werden, dass sie altersunabhängig genutzt werden könnten, schlug Kunzmann vor.

7 Prozent der Baden-Württemberger über 80

Nach Angaben Kunzmanns sind derzeit etwa 7 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg 80 Jahre und älter; im Jahr 2060 werden es 12 Prozent sein. Im selben Zeitraum wird die Zahl der Menschen unter 65 Jahren von 79 Prozent auf 70 Prozent zurückgehen. „Die Menschen werden immer älter, sie wohnen zunehmend auch im hohen Alter alleine. Wir benötigen dringend mehr Wohnraum - und dennoch sind 82 Prozent der Wohngebäude in Baden-Württemberg Ein- oder Zwei-Familienhäuser“, bemängelte der 55-Jährige. Außerdem seien 85 Prozent der Wohnungen, in denen Senioren heute wohnten, älter als 30 Jahre und meistens nicht altersgerecht ausgestattet.

„In Baden-Württemberg ist das Gespür für die Wucht der Herausforderungen des demografischen Wandels zu wenig ausgeprägt“, sagte Kunzmann, der selbst zur Generation der sogenannten Baby-Boomer gehört. Viele schauten zu stark auf die Organisation von Pflege. „Aber wenn wir uns zu stark darauf verlassen und zu wenig auf Themen wie Wohnen, Mobilität und Versorgung, dann ist das eine Falle für die nachfolgenden Generationen“, warnte Kunzmann, der nach eigenen Worten der einzige weisungsungebundene Demografiebeauftragte in den Bundesländern ist. Der 55-Jährige ist dem Sozialministerium zugeordnet, arbeitet aber ressortübergreifend.