Wohnungsmarkt in Stuttgart Ins Pflegeheim statt in die eigene Wohnung

Nur ganz wenige Wohnungen sind behindertengerecht. Foto: A. Sante
Nur ganz wenige Wohnungen sind behindertengerecht. Foto: A. Sante

Menschen mit Behinderung und Familien mit behindertem Kind haben es auf dem freien Wohnungsmarkt in Stuttgart besonders schwer.

Lokales: Viola Volland (vv)
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Stuttgart - Menschen mit Behinderung und Familien mit behinderten Kindern tun sich auf dem angespanntem Stuttgarter Wohnungsmarkt besonders schwer. „Das ist ein großes Problem für viele unserer Klienten“, sagt Stephanie Aeffner, Beraterin beim Zentrum selbstbestimmt Leben Stuttgart. Jede Woche sei das mehrfach in der Beratung Thema. Sie hätten sogar immer wieder tragische Fälle, die nach einer Erkrankung oder einem Unfall im Pflegeheim landeten, weil sie nicht in ihre Wohnung zurückkönnen, es auf die Schnelle aber keine barrierefreie Alternative gibt, berichtet Aeffner. Der Verein fordert Notfallwohnungen, um den Betroffenen Zeit zu geben, etwas zu finden oder ihre Wohnung umzubauen. Vor dem Hintergrund, dass die Patienten heute viel schneller nach Hause entlassen würden als früher, sei das umso wichtiger. Sei man einmal im Heim, bleibe es in der Regel dabei.

Im Fall von Familien wiederum spitze sich die Lage oft zu, sobald die Kinder größer werden. Früher hätten die Krankenkassen spezielle Treppensteighilfen finanziert, mit denen man einen Rollstuhl die Stockwerke hochtransportieren kann, wenn es keinen Aufzug gibt. Doch diese würden nicht mehr bezahlt. „Die Eltern schleppen ihre Kinder samt Rollstuhl so lange die Treppen hoch, bis die Rücken kaputt sind“, sagt Aeffner. Eine neue bedarfsgerechte Bleibe zu finden sei schwer.

Keine Chance auf Massenbesichtigungen

„Bei Massenbesichtigungen auf dem freien Markt hat man gar keine Chance“, erzählt eine betroffene Mutter eines zweijährigen schwerstbehinderten Sohnes. Sie hat eineinhalb Jahre intensive Wohnungssuche hinter sich. Die Familie wohnt in einer nicht isolierten Wohnung im fünften Stock. Sie mussten ihren Sohn immer zu den Besichtigungsterminen mitnehmen, weil niemand aus ihrem Umfeld ihn betreuen will. Er sei unruhig und schwierig, so dass sich keiner zutraue, ihn zu nehmen. Auch bei den Besichtigungsterminen habe er oft geschrien. „Die Blicke haben immer schon alles gesagt“, sagt die 28-Jährige.

Eine barrierefreie Wohnung zu finden sei schwer, eine familiengerechte barrierefreie Wohnung noch einmal schwerer, sagt auch Stephanie Aeffners Kollegin Britta Schade. Die Psychologin, die im Rollstuhl sitzt, weiß das auch aus eigener Erfahrung Sie ist selbst seit zwei Jahren rund um Stuttgart auf der Suche nach einer familiengerechten Wohnung, in der Haustiere erlaubt sind, und pendelt deshalb aus Singen zur Arbeit. In Stuttgart selbst könne sie es sich gar nicht leisten zu wohnen.

63 Familien mit behindertem Kind auf der Vormerkdatei

In der Beratung der Behindertenbeauftragen der Stadt, Ursula Marx, gehört das Wohnungsproblem zu einem der wichtigen Themen – zu Marx sind bisher aber vorwiegend erwachsene Betroffene oder deren Angehörige gekommen. Erst zwei Familien mit behinderten Kindern hätten sich an sie gewandt, so die Behindertenbeauftragte. Sie empfiehlt den Betroffenen, sich ans Amt für Liegenschaften und Wohnen zu wenden, um sich auf die Vormerkdatei für eine Sozialwohnung setzen zu lassen. Dass es diese gebe, sei vielen nicht bekannt.

Allerdings ist die Vormerkliste nur für diejenigen eine Option, die einen Wohnberechtigungsschein haben. Betroffene und Familien, die keine Sozialfälle sind, kommen nicht auf die Liste. Aktuell stehen dem Amt zufolge 214 Haushalte, in denen eine behinderte Person lebt, auf der Vormerkdatei, die insgesamt rund 3800 Haushalte umfasst. 63 der 214 Haushalte sind Familien mit behinderten Kindern. Die Wohnungen würden nach Dringlichkeit und Wartezeit vergeben, erklärt der zuständige Mitarbeiter. Wie lange eine Familie mit behindertem Kind im Schnitt auf eine barrierefreie Wohnung warten muss, kann der Amtsvertreter nicht sagen. „Je größer die Haushalte, desto länger die Wartezeiten“, sagt er nur. Auf seiner Liste stehen allein 18 Haushalte mit fünf Familienmitgliedern und 15 Haushalte mit vier Personen. In neun Haushalten leben sogar sechs Personen, fünf Haushalte haben gar mehr als sechs Familienmitglieder.

Schließlich hat es doch geklappt

Die Eltern des Zweijährigen haben es ebenfalls über die Vormerkdatei probiert. Nachdem sich sogar das Gesundheitsamt und die Kinderärztin für sie eingesetzt hatten, hat sich schließlich etwas getan: Sie haben ein Angebot für eine große, barrierefreie Dreizimmerwohnung bekommen. Die liegt zwar nicht wie gewünscht in der Innenstadt, sondern in Freiberg, aber das Zugeständnis gehen sie ein. „Wir sind total erleichtert“, sagt die 28-Jährige. Nun hofft sie, dass sie in Freiberg lange wohnen können, befürchtet aber, dass dies nicht der Fall sein könnte.

Ihr Mann hat wegen der Pflege des Sohnes in den vergangenen zwei Jahre nur sporadisch gearbeitet. Nun sucht er wieder Arbeit. Sollten sie über die Bemessungsgrenze kommen, verlieren sie aber den Anspruch auf die Sozialwohnung.




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