Wohnungsnot in Stuttgart 30 Wohnungen für Obdachlose

Besonders für Obdachlose ist es fast aussichtslos, eine Wohnung zu finden. Das will das Projekt Housing First ändern. Foto: /U. J. Alexander

Wohnungsnot ist ein Problem in Stuttgart – für Obdachlose ist die Lage fast aussichtslos. Mit dem Pilotprojekt Housing First von Vonovia und Carita soll sich das ändern.

Es ist ein klassisches Dilemma: „Bei der Wohnungsakquise ist das größte Problem, dass wir nach dem gefragtesten Wohnraum suchen – nämlich klein und günstig –, allerdings nicht die gefragtesten Mietkandidaten haben.“ Das sagt Svenja Köstler, Mitarbeiterin von Housing First.

 

Die fünf Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Housing First, einem Stuttgarter Pilotprojekt, das 2022 startete, vermitteln Wohnungen an Wohnungslose – ohne Vorbedingungen zu stellen. „Viele haben einen Schufa-Eintrag“, so Köstler. Das schrecke potenzielle Vermieter ab.

Vonovia will mindestens 30 Wohnungen bis 2025 zur Verfügung stellen

Die Bundesregierung legte 2022 einen Bericht über die Situation wohnungsloser Menschen vor – wohlgemerkt den ersten. Demnach waren in Deutschland rund 263 000 Menschen wohnungslos. In Stuttgart leben laut der Stadt mehr als 5000 Menschen ohne Mietvertrag.

„Die Bundesregierung forderte, dass Sozialverbände und Wohnungsbaugesellschaften ihrer Verantwortung nachkommen“, sagt Olaf Frei, Sprecher des Immobilienkonzerns Vonovia. Das wolle man tun. Am Donnerstag wurde eine Kooperationsvereinbarung zwischen der Vonovia und der Caritas, die der geschäftsführende Träger des Modellprojekts ist, unterzeichnet. Vonovia will mindestens zehn Wohnungen pro Jahr zur Verfügung stellen, also mindestens 30 Wohnungen bis 2025. Das Unternehmen hat rund 4200 Wohnungen in Stuttgart.

Bisher konnten 14 Mieter in je eine Wohnung vermittelt werden. „Wir hatten 90 Anfragen, viel mehr, als wir bewältigen können“, sagt Köstlers Kollegin Patricia Balija. Deshalb habe man die Warteliste, auf der nun 14 Wohnungssuchende stehen, frühzeitig geschlossen. Man werde sie aber wohl wieder öffnen können – nun, da die Wohnungen von Vonovia in Aussicht stünden.

Für den Immobilienkonzern sei das Projekt eine „Herzensangelegenheit“, wie Silke Blankenhaus, Vonovia-Regionalleiterin Stuttgart, sagt. Andererseits ist es auch eine relativ sichere Sache. Denn die Mieten werden vom Jobcenter finanziert. Denn eine Bedingung gibt es dann doch: „Wir prüfen vorab schon, ob die Menschen Anspruch auf Leistungen haben“, sagt Balija.

Vonovia: „Unsere Mieten sind ortsübliche Preise“

Frei widerspricht auf Anfrage der Vermutung, die Vonovia wolle sich reinwaschen – steht sie doch häufig in der Kritik, zu hohe Mieten zu verlangen und Aufzüge nicht zeitnah zu reparieren. „Wir nehmen in Deutschland im Schnitt 7,36 Euro Miete pro Quadratmeter.“ Man wolle schlicht im Sinne der Bundesregierung Verantwortung übernehmen – aber über das Gute, was man tue, auch reden.

Im Jahr 2025 will Harald Wohlmann, Bereichsleiter Armut, Wohnungsnot, Schulden bei der Caritas, die Ergebnisse im Gemeinderat vorstellen. Ziel ist es, eine Dauerfinanzierung für das Projekt zu bekommen.

Housing First

Idee
 Housing First vermittelt Wohnungslosen ohne Vorbedingungen eine Wohnung mit unbefristeten Mietverträgen. Das ist eine Besonderheit, weil bei sonstigen Wohnungsnotfallsystemen die Wohnung erst am Ende eines langen Wegs steht. Die Mieter können später eine Unterstützung annehmen – sie müssen aber nicht. Die Idee stammt aus den USA und wird schon in anderen deutschen Großstädten umgesetzt. In Stuttgart gibt es das Pilotprojekt seit Herbst 2022. Bis zum Ende des Projektbewilligungszeitraums, Ende 2025, soll Housing First Stuttgart 50 Haushalte mit Wohnraum versorgen. Bisherige Vermieter sind etwa die Vonovia und die SWSG, aber auch Privatpersonen.

Finanzierung
 Die Stadt Stuttgart gibt 1,8 Millionen Euro aufgeteilt auf vier Jahre für Büro- und Personalkosten, die Vektorstiftung zudem 150 000 Euro.  

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