Wohnungsnot in Tübingen Boris Palmer lockt Grundstücksbesitzer mit Mini-Häusern

Tübingens  Oberbürgermeister Boris Palmer will das Konzept von  Mini-Häusern Grundstückbesitzern schmackhaft machen. Foto: dpa/Christoph Soeder
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer will das Konzept von Mini-Häusern Grundstückbesitzern schmackhaft machen. Foto: dpa/Christoph Soeder

Mini-Häuser sind weltweit ein Trend, denn ein Tiny House braucht wenig Platz und ist günstig. Gegen Wohnungsnot und explodierende Mieten können Miniaturhäuser eine Alternative sein. Tübingen will dieses Konzept nun Grundstückbesitzern schmackhaft machen.

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Tübingen - Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer setzt sich dafür ein, dass Grundstückeigentümer auf ihren freien Flächen Wohnraum schaffen. Er will im September rund 160 Grundstückseigentümer anschreiben und ihnen die Möglichkeit von Mini-Häusern auf ihren Grundstücken schmackhaft machen. Sie sollen Grund und Boden für Tiny-House-Besitzer für mindestens 15 Jahre verpachten und damit helfen, die Wohnungsnot in der Universitätsstadt zu lindern.

Hintergrund ist das Bestreben der Stadt, Grundstückseigentümer dazu zu bringen, Baugesuche einzureichen oder ihr Grundstück zum Verkehrswert an die Stadt zu veräußern. Im Baulückenkataster von Tübingen waren zum Jahresbeginn 2019 rund 550 Baulücken registriert worden. Nach Prüfung der Baulücken blieben 240 Grundstücke übrig, deren Eigentümer Palmer im April 2019 angeschrieben hatte. Darin forderte Palmer sie auf, in spätestens zwei Jahren ein Baugesuch einzureichen. Alternativ könnten sie das Grundstück zum Verkehrswert an die Stadt veräußern. Sollten die Eigentümer auf das Schreiben nicht antworten, werde die Stadtverwaltung ein formelles Anhörungsverfahren durchführen, hieß es damals.

Bestimmte Eigentümer sollen erneut angeschrieben werden

Auf dieses Schreiben hatte sich knapp ein Drittel der Eigentümer bereit erklärt, zu bauen oder zu verkaufen. Rund ein Drittel lehnte die Bebauung ab, das letzte Drittel sind Eigentümer, die um mehr Bedenkzeit gebeten oder noch nicht geantwortet haben. Angeschrieben werden sollen nun in der neuen Initiative nach Auskunft der Stadt diejenigen Eigentümer, die im vergangenen Jahr entweder negativ oder gar nicht geantwortet haben. „Als nächstes wird OB Boris Palmer Eigentümern, die sich bisher noch gar nicht oder ablehnend geäußert haben, einen weiteren Brief schreiben und dabei auch die Option der zeitweisen Verpachtung ihrer Grundstücke für ein „Tiny House“ erläutern“, sagt eine Sprecherin der Stadt Tübingen.

Die Idee, Tiny Houses in Tübingen einzuführen, hatte der Verein „Mut zur Lücke“. „Nach einem Gespräch darüber mit OB Palmer, entstand der Plan, dieses Konzept den Grundstückseigentümern vorzustellen“, erzählt Vereinsmitglied Moritz Wied. Denn der vor vier Monaten gegründete Verein sucht Grundstücke zur Pacht für Tiny- oder Modulhäuser. Versammelt haben sich in ihm Menschen, die sich für reduzierte Wohnformen interessieren. „Als Verein sind wir nach der Vereinbarung mit der Stadt Vermittler zwischen Interessenten und Eigentümern von Grundstücken“, erklärt Wied.

Wohnfläche von 20 bis 40 Quadratmetern

Ein klassisches Tiny House hat eine Wohnfläche von 20 bis 40 Quadratmetern, aber auch Modulhäuser mit einer Größe von 30 bis 80 Quadratmetern gibt es auf dem Markt. Das Haus steht entweder auf Rädern oder ist an einem Fundament festgeschraubt. Strom, Wasser und Abwasser müssen wie bei einem normalen Haus erschlossen werden.

Der Verein ist laut Wied als Vermittler tätig, weil die Verwaltung Daten von Grundstückbesitzern nicht an Privatpersonen weitergeben darf. Eine Vermittlung von Grundstücken ist laut Palmer zumindest denkbar. „Vielleicht gelingt es, Baulücken mit dem Konzept der Tiny Houses temporär oder sogar langfristig zu nutzen“, sagt der OB. Laut Wied haben sich zwei Tage nach Veröffentlichung der Initiative rund 30 Interessenten gemeldet, Grundstückseigentümer waren nicht darunter.

In der Universitätsstadt Tübingen leben derzeit rund 88 500 Menschen mit Hauptwohnsitz (Stand: 4. August 2020). Mit einem Nebenwohnsitz sind rund 1900 Menschen gemeldet. Die Stadt platzt aus allen Nähten. Laut dem Wohnraumbericht 2018 wuchs die Einwohnerzahl stetig um etwa 1000 Menschen pro Jahr. Der verstärkte Zuzug hat Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt. Obwohl der Wohnungsbestand nach Auskunft der Stadt zwischen 2011 und 2017 um knapp 1800 auf rund 41 300 Wohnungen gestiegen ist, haben sich die Probleme auf dem Tübinger Wohnungsmarkt in den vergangenen Jahren weiter zugespitzt. Es ist davon auszugehen, dass die Einwohnerzahl weiter steigen wird. Vor allem die Singlehaushalte werden wohl zunehmen. Laut Palmer sollen bis 2030 in Tübingen rund 5000 neue Wohnungen entstehen.

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