Die Attacke des Liedermachers Wolf Biermann auf die Linke im Bundestag zeigt: bis zur inneren Einheit ist es noch weit hin.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Berlin - Draußen ist die Mauer eine flüchtige Angelegenheit. Bis Sonntagabend wird sie sich wieder in Luft aufgelöst haben. 8000 weiß leuchtende Ballons markieren eine Narbe, die sich mitten durch Berlin zieht. Von dem Betonwall, der die Stadt, das Land, die ganze Welt teilte, sind nur Reste geblieben. Er verlief direkt am Reichstag vorbei. Dort drinnen ist der Beton noch hart. Das wird in der Gedenkstunde zur Erinnerung an den Fall der Mauer vor 25 Jahren deutlich.

 

Zunächst sieht an diesem Freitag alles nach Routine aus. „64. Sitzung des Deutschen Bundestags“ ist an den Videoleinwänden zu lesen. Die beginnt ganz anders, als es das Protokoll vorsieht, sie sprengt das Protokoll regelrecht. Neben dem Rednerplatz stehen ein Stuhl, ein Notenständer und zwei Mikrofone bereit. Das außergewöhnliche Mobiliar ist unmittelbar vor den Rängen der Linksfraktion platziert. Und tatsächlich wirkt der Auftritt, der sich hier andeutet, wie arrangiert für die Genossen, wenn auch nicht zu deren Amüsement.

Biermann beim Vortrag Foto: dpa
Hier bekommt eigentlich keiner das Wort, der sich nicht Volksvertreter nennen darf. Dazu zählen auch jene seltenen Gäste, denen die Ehre zuteil wird, vor dem Bundestag zu reden. An diesem Freitag ist es anders. Wolf Biermann wird von Volker Kauder in den Plenarsaal begleitet, dem Chef der Unionsfraktion. Über Kauders Musikgeschmack ist nur bekannt, dass ihn harter Rock von Queen und den Scorpions anspricht und er in glücklichen Stunden auch bei den Toten Hosen („An Tagen wie diesen“) mitgrölt. In Biermanns Liedgut finden sich jedoch Strophen, die Kauders Gesinnung frontal zuwiderlaufen („So oder so – die Erde wird rot“). Er und seinesgleichen hofieren diesen Mann, weil es kaum einen Kronzeugen sozialistischer Tyrannei gibt, der unversöhnlichere Töne anstimmt. Insofern musste Bundestagspräsident Norbert Lammert klar sein, welche Art von Gedenken intoniert würde, wenn er ausgerechnet Biermann einlädt. Der inzwischen 77-jährige Barde wurde 1976 aus der DDR ausgebürgert. Mit der Vergangenheit hat er keineswegs seinen Frieden gemacht. Politische Korrektheit entsprach nie seinem Stil.

Der Eklat ist unvermeidlich, wenn nicht beabsichtigt, jedenfalls kaum überraschend. Um 9.22 Uhr kommt Biermanns Stunde. Er stimmt seine Gitarre, doch es folgen schräge Töne. Zunächst klimpert er harmonische Flamencomelodien, bedankt sich, „dass Sie mich hierhergelockt haben“. An Lammert gewandt, sagt er: „Ich ahne schon, weil ich Sie als Ironiker kenne, dass Sie hoffen, dass ich den Linken ein paar Ohrfeigen verpasse.“ Das könne er aber nicht – tut es dann aber doch.

Biermann nennt sich selbst den „Drachentöter“, als sei er Nationalbarde der Bürgerproteste im Osten gewesen – ein Siegfried gegen den Moloch DDR. Nun richtet er sich an die Zuhörer zu seiner Linken: „Ein Drachentöter kann nicht mit großer Gebärde die Reste der Drachenbrut tapfer niederschlagen.“ Gregor Gysi & Co sind gemeint. „Die sind geschlagen“, bekommen sie zu hören. Lammert versucht, die Situation zu retten: „Sobald Sie für den Deutschen Bundestag kandidieren und gewählt sind, dürfen Sie hier auch reden“, ruft er Biermann zu. „Heute sind Sie zum Singen eingeladen.“ Doch ans Singen denkt der unbequeme Gast noch lange nicht. Er habe sich auch „in der DDR das Reden nicht abgewöhnt“, antwortet er dem Präsidenten. „Das werde ich hier schon gar nicht tun.“

Die beiden schätzen sich: Norbert Lammert (vorne) und Wolf Biermann Foto: dpa

Dann wendet er sich wieder den Linken zu, die er bei früherer Gelegenheit „meine treuen Todfeinde“ genannt hat. Für die Genossen sei es „Strafe genug, dass sie hier sitzen müssen“. Sie seien doch gewählt, schallt es ihm entgegen. Biermann schert sich nicht um den Einwand. Eine Wahl sei schließlich kein „Gottesurteil“. „Ihr seid dazu verurteilt, das hier zu ertragen“, giftet er zurück. „Ich gönn’ es euch.“ Die 26 der 64 Links-Abgeordneten, die zur Gedenkstunde erschienen sind, müssen sich anhören, sie seien „der elende Rest dessen, was hier überwunden wurde“. Einer von ihnen ruft dazwischen, er solle nun endlich singen. Biermann kontert: Er habe auch die DDR „zersungen“.

Sechs Minuten dauert das verbale Vorspiel – ein regelrechtes Scharmützel, beispiellos in der Geschichte des Hohen Hauses. Lammert lässt seinen Gast gewähren. Ohne auch nur einen Ton gesungen zu haben, gelingt es Biermann, das Gedenkritual zu durchbrechen und eines zu verhindern: nach diesem Satzgewitter wird sich keine falsche Harmonie mehr einstellen. Hinterher kann niemand so tun, als feierten eigentliche alle das Gleiche, als hätten alle gleichartige Motive oder überhaupt einen Grund zu feiern. Der wortmächtige Sänger treibt mit seinen furiosen Phrasen Keile in die feinen Risse, welche die innere Einheit des Parlaments durchziehen.

Als er dann endlich mit seiner Gesangseinlage beginnt („Du, lass Dich nicht verhärten“), wird offenkundig, wie es damit bestellt ist. Einer aus der Linksfraktion singt den Text mit und klopft mit den Händen demonstrativ den Takt auf das Pult. Es ist der Sindelfinger Abgeordnete Richard Pitterle. „Ich kenne viele seiner Lieder auswendig“, sagt er, man könne sie „auch anders verstehen“. Für Biermanns Ausfall bringt er Verständnis auf. „Ich billige ihm das zu, er ist nun einmal Opfer des DDR-Regimes gewesen.“ So denken die wenigsten seiner Genossen. Allenfalls die Hälfte kann sich zu höflichem Applaus aufraffen. Auch Fraktionschef Gregor Gysi klatscht nicht. In seiner Rede erwähnt er Biermanns Tiraden mit keinem Satz. Der jedoch kommt noch zweimal zu Wort.

Ein Plausch mit der Kanzlerin war auch noch drin. Foto: dpa

Gysis Thema ist die unvollkommene innere Einheit der Republik. Umfragen dokumentierten, dass viele Ostdeutsche die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze und die niedrigen Mieten in der DDR besser fanden. „Soziale Sicherheit ohne Freiheit taugt ziemlich wenig“, fügt er hinzu. Der Christdemokrat Arnold Vaatz knüpft an Gysi an. Ausreichende Kost, ein warmes Bett und Arbeit für alle habe ihm auch der Gefängniswärter in Aussicht gestellt, als er 1982 in der DDR wegen Wehrdienstverweigerung eingesperrt wurde. „Es gibt eine Reihe von Dingen, die wichtig sind für Menschen, die man aber in jedem Gefängnis stellen kann“, sagt er. Dann erteilt er noch einmal Biermann das Wort. Der muss dazu nicht einmal ans Mikrofon treten. Vaatz zitiert aus einem seiner Gedichte, in dem er gegen die DDR-Despoten und deren Scheinheiligkeit wettert: „Ich weiß schon, sie haben uns allen verziehen, was sie uns angetan haben.“

Danach vollzieht sich eine Szene wie vor 25 Jahren. Damals war der Bundestag noch in Bonn zuhause. Während die Mauer fiel, war gerade eine Sitzung im Gange. Als die Nachricht aus Berlin die Runde machte, erhoben sich einige Abgeordnete und stimmten die Nationalhymne an. So ist es auch jetzt. Und wiederum erheben sich manche nur zögerlich. Biermann steht ebenfalls auf. Er singt mit. Wenn auch nicht so vollmundig wie eine halbe Stunde zuvor.