Wolfgang Ganter setzt bei seinen Werken auf ultrakleine Helfer. Foto: Gottfried Stoppel
Für seine Kunstwerke, die nun in Waiblingen zu sehen sind, greift Wolfgang Ganter auf eine riesige Zahl ganz besonderer Helfer zurück. Sie mögen es warm und feucht, arbeiten rund um die Uhr und verursachen einigen Gestank.
Annette Clauß
13.10.2024 - 11:21 Uhr
Bei 35 bis 40 Grad Celsius fühlen sich Wolfgang Ganters fleißige Mitarbeiter am wohlsten. Ist die Umgebung obendrein ausreichend feucht, dann laufen sie zu Hochform auf. Mit bloßem Auge kann der 1978 in Stuttgart geborene und heute in Berlin lebende Künstler seine Helfer allerdings gar nicht sehen: Sie sind winzig klein, leben normalerweise in der Erde und tragen Namen wie Azotobacter oder Clostridium.
Mit Erdbakterien aller Gattungen arbeitet Wolfgang Ganter besonders gerne. Erstens kann er sie ohne großen Aufwand besorgen, denn er muss nur eine Handvoll Erde ins Atelier tragen. In Petrischalen, die mit einem Nährmedium gefüllt sind, züchtet er dort seine künftigen Helfer heran. „Erdbakterien haben den Vorteil, dass sie besonders fleißig und aktiv sind und viele Muster ausbilden“, erklärt Wolfgang Ganter, der die Naturware den Laborbakterien vorzieht. Über letztere sagt der Berliner Künstler: „Laborbakterien sind verwöhnt, wachsen recht langsam und bilden eher langweilige Muster aus.“
Mit einem Zufallsfund beim Sperrmüll fing es an
Auf die Idee, mit Bakterien zu arbeiten, ist Wolfgang Ganter, der in Karlsruhe Freie Kunst studiert hat, per Zufall gekommen. Auf dem Sperrmüll entdeckte er damals aussortierte Dias, die er mit nach Hause nahm, in einem Behälter mit Wasser deponierte und vergaß. Irgendwann erinnerte ihn ein strenger Geruch an den Sperrmüllfund. Er schaute mutig in die Box. Die Rahmen waren noch da, auch der Kunststoffträger war erhalten geblieben. Die Bildmotive darauf waren jedoch verschwunden.
Des Rätsels Lösung: Diapositive bestehen aus mehreren Farbschichten, die mit Gelatine gebunden sind. Ein Festmahl für Bakterien, die genügend Zeit hatten, alles restlos zu verputzen. Und ein Aha-Erlebnis für Wolfgang Ganter, der begann, sich den Appetit der Mikroorganismen für seine Kunst zunutze zu machen.
Seit diesem Erlebnis hat Wolfgang Ganter intensiv die Welt der Bakterien erforscht. Zunächst laienhaft, weshalb er sich in den Anfangsjahren mehrmals infizierte – zum Glück ohne dauerhafte Schäden. Inzwischen verfügt er über viel Know-how, das er sich in verschiedenen Laboren bei der Arbeit mit Wissenschaftlern rund um den Globus angeeignet hat. Seine ganz spezielle „Bakterienkunst“ bringt ganz spezielle Gerätschaften mit sich, die Otto Normalverbraucher eher nicht im Atelier eines Künstlers vermuten würde: zum Beispiel Petrischalen und Pipetten, ein Wärmeschrank und mehrere sehr große Tiefkühltruhen.
Bei „Works in Progress“ infiziert Ganter alte Meisterwerke
Foto: Wolfgang Ganter
In letzteren lagert Wolfgang Ganter alle Diafilme, die er ergattern kann und für seine Bakterien-Kunst braucht. Bei seiner Serie „Works in Progress“, aus der die Waiblinger Galerie Neuer Kunstverlag momentan mehrere Beispiele zeigt, hat Ganter in diversen Museen berühmte historische Gemälde von Leonardo da Vinci, Dürer oder Manet mit einer Vollformatkamera fotografiert. Die Erlaubnis dafür zu bekommen ist oft schwierig. Manche Kunsttempel ignorieren seine Anfragen schlichtweg, bei anderen, wie dem Pariser Louvre, brauchte es ein halbes Jahr Arbeit und einen Stapel Empfehlungsschreiben für die Fotoerlaubnis.
Die Diapositive infiziert Ganter mit Bakterienstämmen. Im Wärmeschrank dürfen sich die Mikroorganismen für eine gewisse Zeit durch die Gelatine- und Farbschichten fressen. Dabei verursachen sie einen etwas gammeligen Geruch, erzeugen aber gleichzeitig und je nachdem, wie weit sie vordringen, faszinierende Effekte. Albrecht Dürers „Selbstbildnis im Pelzrock“ – im Original ein eher düsteres Werk in Braun- und Rottönen – verwandelten die Bakterien in ein Werk, das in den prächtigsten Farben schillert, Dürers Gesicht rückt in den Hintergrund.
Die Leerstelle in Jan Cornelisz Vermeyens Bild wird gefüllt
Das Porträt, das der niederländische Maler Jan Cornelisz Vermeyen im 16. Jahrhundert vom Antwerpener Kaufmann Hieronymus Tucher malte, hat Wolfgang Ganter sofort angesprochen. Der Kaufmann ist sitzend dargestellt, die Finger und Handfläche seiner rechten Hand zeigen nach oben. „Die mysteriöse Handhaltung ist ein Idealfall, eine Leerstelle, die beschrieben werden kann“, sagt Wolfgang Ganter. Dazu hat er ganz gezielt Tröpfchen einer Nährlösung auf das Dia gesetzt – und dann seine Bakterien arbeiten lassen. Nun schwebt über Tuchers Hand eine kreisrunde, blaue Erscheinung, ohne die das Bild im Original fast langweilig erscheint.
„Alle Bakterien haben ganz eigene Essgewohnheiten“, erklärt Wolfgang Ganter, der die Winzlinge bei ihrem Tun überwacht. „Mein Job ist es, sie täglich oder auch stündlich zu kontrollieren.“ Manchmal muss er sich den Wecker stellen und auch nachts an den Inkubator. „Bei Filmen aus DDR-Produktion laufen die Prozesse rasend schnell ab“, ist Ganters Erfahrung. Sie seien nicht mit antibakteriellen Wirkstoffen behandelt worden. Bei anderen Fabrikaten steckt wiederum so viel davon drin, dass es Jahre dauert, bis ein Effekt entsteht. Um die Prozesse, die er angestoßen hat zu stoppen, legt Wolfgang Ganter die Dias in die Tiefkühltruhe. „Überraschungen gibt es immer wieder“, sagt er, „und die schätze ich sehr.“