Wolfgang Hohlbein in Ludwigsburg Der Karl May unserer Zeit

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Wolfgang Hohlbein ist mit 44 Millionen verkauften Büchern einer der erfolgreichsten deutschen Schriftsteller. Der Star der Fantasy-Szene tritt bescheiden auf.

Wolfgang Hohlbein hat 44 Millionen Bücher verkauft –  in der Filmakademie erzählt er, warum er diese nur nachts schreibt. Foto: factum/Granville
Wolfgang Hohlbein hat
44 Millionen Bücher verkauft – in der Filmakademie erzählt er, warum er diese nur nachts schreibt. Foto: factum/Granville

Ludwigsburg - Da steht er. Ganz bescheiden, fast schüchtern lehnt sich Wolfgang Hohlbein an eine Pinnwand im Albrecht-Ade-Studio der Filmakademie an, während deren Leiter Thomas Schadt das Publikum auf den stillen Star der Fantasy-Szene einstimmt. Lange Haare, Bart, die Brille ein Kassengestell, schwarze Lederjacke und Turnschuhe: Würde man es nicht besser wissen, könnte man Hohlbein für den Hausmeister halten, der noch schnell die Mikrofonanlage einstellt und dann den Saal verlässt.

Dabei ist der 62-Jährige einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftsteller. 44 Millionen Exemplare seiner 200 Bücher hat er verkauft, seit er 1982 mit „Märchenmond“ den großen Durchbruch geschafft hat. Mit dem „Hexer von Salem“, der Nibelungen-Adaption „Hagen von Tronje“ und seinen Jugendbüchern hat er Standardwerke geschaffen. Ja, es lässt sich ohne Übertreibung sagen, dass Wolfgang Hohlbein das Genre der Fantastik in Deutschland etabliert hat. Das sieht er übrigens auch selbst so: „Ich war auch deswegen so erfolgreich, weil ich zehn Jahre lang alleine auf dem Markt war.“

Der neuste Roman: Das Mörderhotel

Generationen sind mit seinen Fantasiewelten groß geworden, inzwischen hat sich Hohlbein an ganz andere Formate gewagt, von Science Fiction über Bücher zu den Filmen wie „Fluch der Karibik“ und „Indiana Jones“ bis zu historischen Romane. Nun läuft er auf die Bühne in Ludwigsburg , und ist überrascht über den Applaus, der ihm entgegen brandet. Über Geld spricht er nicht. Schon die Mathematik lässt aber ahnen, dass er nicht am Hungertuch nagt. Doch Hohlbein macht kein Aufhebens um seine Person, tritt bescheiden auf.

„Einen schönen guten Abend“, sagt er. Dann liest der Romancier aus dem neusten Werk „Mörderhotel“, das eine reale Geschichte aufgreift: Im Jahr 1893 hat der erste Serienkiller der US-Geschichte, Herman Webster Mudgett, in Chicago ein Hotel gebaut, um die Gäste zu ermorden, 230 waren es insgesamt.

So wagt sich der Autor schon wieder in ein neues Genre. Die Leseprobe lässt ahnen, dass er auch hier reüssieren wird. Eindrücklich wird erzählt, wie der Protagonist schon in früher Jugend die Bekanntschaft mit dem „Bösen in seiner reinen Form“ macht. Nämlich als ein Mitschüler ihn verprügelt: „Die Bosheit in seinen Augen machte mir keine Angst, sie faszinierte mich. Die dünne, aber klare Stimme des Autors zieht die Zuschauer in ihren Bann, als Herman Webster Mudgett einem seiner Opfer die Finger abhacken lässt, und dabei kaltblütig bemerkt: „Seien Sie vernünftig.“

Und damit ist auch schon fast alles erzählt über das Erfolgsrezept des sechsfachen Familienvaters. Eine schnörkellose Geschichte, die den Leser in eine eigene Welt zieht und ihn dort versinken lässt. Wolfgang Hohlbein drückt es anders aus: „Ich habe das Glück, dass ich die Sprache spreche, die viele verstehen.“

Geschrieben wird nur nachts mit dem digitalen Stift

Ein ganzer Strauß an Fragen bewegen Thomas Schadt als Akademieleiter und die vielen Fans im Publikum: Woher kommen diese vielen schrägen Ideen? Wann werden diese Unmengen an Texten geschrieben? Die Antworten sind so banal wie aufschlussreich: „Ich schreibe immer nachts, meistens bis 6 Uhr morgens.“ Und zwar von Hand, aber mit einem digitalen Schreibstift, der jeden Buchstaben in den PC überträgt: „Nur so kann ich kreativ sein.“ Der Output ist irrsinnig, vier bis fünf Bücher pro Jahr. Hohlbein ist ein Schwerarbeiter in seiner Branche.

Aber nur so gelingt es dem Schriftsteller, in die Fantasiewelt ganz eintauchen und sich von der Entwicklung treiben lassen. „Manchmal bin ich selbst überrascht, wie sich die Figuren verhalten“, schmunzelt er. Diese Fähigkeit, den Geist in andere Dimensionen zu versetzen, hat Hohlbein schon in frühster Jugend entwickelt. Als er etwa alle 72 Karl-May-Bände verschlungen hat. Ein bisschen ist er wohl der Karl May unserer Zeit. So wie der Western-Schriftsteller in der Kritik stand, so war es auch Hohlbein immer wieder. Darauf weist ihn freundlich Andreas Friedrich hin, der die Pressearbeit der Filmakademie macht und ein großer Fan ist.

Kritik ärgert ihn – ein bisschen

Tatsächlich wird Wolfgang Hohlbein von manchen Feuilletonisten immer noch geschnitten, seine Werke werden als triviale Massenware deklariert, und Fantasy galt zumindest in den Anfängen als „Fluchtliteratur“, um den realen Weltproblemen zu entgehen. Der Autor verzichtet auf die übliche Floskel, dass ihn die Kritik nicht berühre. „Natürlich ärgert mich das“, bekennt er. Aber abhalten lässt er sich davon nicht. Im Gegenteil – er hat noch Ideen für 200 weitere Bücher. Am liebsten würde er mit 128 Jahren morgens tot am Schreibtisch gefunden werden. So bleibt kein Wunsch offen. Oder vielleicht doch einer: Dass eines seiner Werke verfilmt wird. Aber dafür ist Hohlbein in der Akademie am richtigen Ort.




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