Krimikolumne

Wolfgang Kaes: „Spur 24“ Kleines Städtchen, große Hölle

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Oje, noch ein Eifelkrimi! Noch einer, in dem eine gescheiterte Starjournalistin dem Verbrechen auf die Spur kommt! Doch wer bei Wolfgang Kaes’ Roman dem ersten Widerwillen folgt, tut es auf eigene Gefahr – und verpasst ein spannendes Buch zu einem hochrelevanten Thema.

Wolfgang Kaes hat einen eigenen Fall aus seiner Praxis als Reporter literarisch verarbeitet. Foto: Thorsten Wulff
Wolfgang Kaes hat einen eigenen Fall aus seiner Praxis als Reporter literarisch verarbeitet. Foto: Thorsten Wulff

Stuttgart - Nicht schon wieder! Noch ein Krimi über eine ehemalige Starjournalistin, die nach einer Krise beim Lokalblatt ihres Heimatstädtchens anheuern muss und unversehens zur Detektivin wird. Doch dieser Abwehrreflex ist bei „Spur 24“ von Wolfgang Kaes ebenso voreilig wie – falsch.

Kaes greift einen wahren Fall auf

Denn in diesem Eifelkrimi (für viele auch das ein No-go) geht die Rechnung auf, die der Autor laut Nachwort auch im Sinn hatte: er verpackt ein gesellschaftspolitisch relevantes Thema in eine spannende Krimihandlung. Und er greift einen wahren Fall aus seiner eigenen Praxis als Reporter auf: eine kleine, bürokratische Notiz, nach der eine vermisste Person sich dann und dann dort und dort auf dem Gericht einzufinden habe, andernfalls sie für tot erklärt werde.

Im Buch ist es die Gattin eines Schönheitsarztes, die einst Knall und Fall verschwand, angeblich, weil sie mit einem belgischen Antiquitätenhändler durchgebrannt und auch sonst ein ziemliches Luder war. Die Reporterin Ellen Rausch, die es nach einer schweren Krise in die Heimat zurückverschlagen hat – eine Parallele zu Conny Winters „Mädchen im Feuer“ –, kommt aus purem Zufall auf ihre Spur. Eine unglaubliche, fulminant erzählte Geschichte wie aus dem richtigen Leben beginnt . . .

Abgründe im Eifelkaff

Schnell tun sich Abgründe auf in dem beschaulichen Eifelkaff: der joviale Bürgermeister (in Wirklichkeit, wie es an einer Stelle heißt, „ein Alligator“); der triebgesteuerte Sparkassenchef; der korrupte Redaktionsleiter; die ignorante Bürgerschaft; der sinistre Auftragskiller; nicht zuletzt der frühere Mann der Verschwundenen, ein unselbstständiges Muttersöhnchen. „Pueblo chico, infierno grande“ lautet ein spanisches Sprichwort, „kleines Dorf, große Hölle“.

Hat Conny Winter in ihrem Krimi eher den privaten Grusel der alten Heimat geschildert, so erweitert Kaes die Sache um die politische, die gesellschaftliche Ebene. Die Arroganz der Macht ist es, deren Schilderung einen Gutteil der Qualität seines Buches ausmacht. Und wie im richtigen Leben ist auch das Happy End nur für einen Teil der Protagonisten glücklich – weiterhin lasten unaufgeklärte Verbrechen auf dem Provinzort.

Bloß, dass sich erneut keiner drum schert. Für die braven Bürger reicht es, wenn eine dahergelaufene Journalistin einmal den Deckel dieser Hölle gelupft hat.

Wolfgang Kaes: „Spur 24“. Rororo, Reinbek 2014. 384 Seiten, 14,99 Euro. Auch als E-Book, 12,99 Euro.