Wolfgang Laib im Kunstmuseum Stuttgart Heilsame Kunst

Wolfgang Laib siebt stets selbst sein Pollenfeld vor Beginn einer Ausstellung aus. Diese Aufnahme entstand vor 30 Jahren im Centre Pompidou Foto: /Wolfgang Laib

Wolfgang Laib, wohnhaft bei Biberach, zählt zu den größten Künstlern der Gegenwart. Dass der medienscheue Schwabe in den USA bekannter ist als in seiner Heimat, könnte sich nun ändern. Das Kunstmuseum Stuttgart widmet ihm eine Ausstellung.

Reportage: Akiko Lachenmann (alm)

Immer im Frühling, wenn rund um Biberach die Pollen zu fliegen beginnen, schreitet ein schmaler Mann von Baum zu Baum, von Blüte zu Blüte, stundenlang, monatelang. Die Bewegungen sind immer die gleichen. Mit der rechten Hand biegt er Zweige und Blüten zu sich, mit der linken streift er ihre Pollen ab, hinein in ein Gefäß. Wie ein Zen-Mönch bei der Gartenarbeit. Wie Beppo, der Straßenkehrer, aus dem Buch „Momo“.

 

Was Wolfgang Laib da seit mehr als 40 Jahren in seiner Heimat erntet, findet sich wieder auf den Böden der renommiertesten Museen dieser Welt. Der Künstler selbst siebt den Pollen aus, der fein ist wie Puder, und hinterlässt nach vielen Stunden in gebückter Haltung tiefgelbe makellose Felder, in denen das Auge nichts zu fassen kriegt. Das bisher Größte maß sieben mal acht Meter. Das war 2013 im Museum of Modern Art (MoMA) in New York. In diesem Frühjahr bleibt die Ernte in der Region. Das Kunstmuseum Stuttgart widmet dem 73-Jährigen von Juni bis November eine Einzelausstellung. Eigentlich ein schöner Anlass, den Künstler in seiner Heimat in Oberschwaben zu besuchen.

Das Werk ist bekannt – wer aber ist der Künstler?

Es wird nicht dazu kommen. Anfragen über das Museum versanden, auch die übermittelten Fragen bleiben unbeantwortet. Das Kunstmuseum muss in diesen Tagen viele Absagen an Medienvertreter formulieren. „Es gab Künstler wie Ragnar Kjartansson oder Tobias Rehberger, die man von einem Pressetermin zum nächsten geschickt hat“, sagt Ulrike Groos, Leiterin des Kunstmuseums. Das sei mit Laib nicht möglich. „Er ist scheuer, zurückhaltender.“ Und wie viele Künstler sorge er sich um die Hoheit über sein Werk.

Dieses ist in der Kunstszene hinlänglich bekannt, es wurde bereits in Hunderten von Ausstellungen gezeigt: die eiförmigen Steinskulpturen, seine ersten Arbeiten. Die Pollenfelder. Die Arbeiten mit Reis. Die Milchsteine, mit denen er berühmt wurde – weiße Marmorquader mit winziger Ausbuchtung, die der Künstler mit Milch auffüllt. Oder die Räume aus duftendem Bienenwachs. Wer aber ist der Mensch Wolfgang Laib, der in Metzingen geboren ist, in Tübingen studiert hat, Ateliers in New York und Südindien unterhält, aber die meiste Zeit bei Biberach lebt und arbeitet?

Ein paar Mal musste er sich doch der Öffentlichkeit stellen. Etwa als er vor acht Jahren den vom japanischen Kaiserhaus verliehenen Praemium Imperiale erhielt, den „Nobelpreis der Künste“, wie es heißt. Oder im Vorfeld der MoMA-Ausstellung in New York, für die ein achtminütiger Film über ihn gedreht wurde. Ein Kamerateam durfte ihn damals bei der Pollenernte in Oberschwaben begleiten. Laib trägt einen hellgelben Pulli und erinnert an Mahatma Gandhi – die hagere Gestalt, geschorenes Haar, die Nickelbrille, die Gesten. In seinem Atelier sitzt er auf dem Fußboden mit angewinkeltem Knie und öffnet ein spärlich gefülltes Schraubglas. „Das ist Löwenzahnpollen“, sagt er mit sanfter Stimme. „Es ist nicht viel drin. Das Ergebnis von drei Wochen.“ Die Erntemonate in seiner Heimat seien ihm heilig. Diese einfachen, der Natur angepassten Handlungen sind Teil seiner Kunst. Sie fordern unsere Vorstellungen von Zeit, von gewohnten Denkmustern und Werten heraus.

Der Biberacher Maler Jakob Bräckle prägt den jungen Wolfgang Laib

Wolfgang Laib lebte nicht immer im Rhythmus der Jahreszeiten. Die Ausstellungskataloge liefern ein paar Fakten. Er wächst in Metzingen auf in einem pietistischen Milieu. Der Vater ist Arzt und arbeitet in Biberach. Was zählt, sind Fleiß, Hingabe, Pflichtbewusstsein. Ende der 1950er Jahre freundet sich der Vater mit dem Biberacher Maler Jakob Bräckle an, der die Familie nicht nur für Kunst begeistert, sondern auch für asiatische Philosophie. Bräckle sei ein einfacher, bescheidener, sehr ruhiger Mensch gewesen, erzählt Laib in einem der seltenen Interviews. „Ein Künstler, wie ich ihm später nie mehr begegnet bin.“

Schon als Bub zitiert Wolfgang Laib Laotse und besichtigt tantrische Zeichnungen in Indien. Nach dem Abitur beginnt er, wie der Vater, ein Medizinstudium – und wird enttäuscht. „Die westliche Medizin kümmert sich um den physischen Körper“, stellt er fest. Er aber sehnt sich nach etwas, das den ganzen Menschen anspricht. Noch im Studium – er sei damals „im engen Austausch“ gewesen mit Rumi, einem Sufi-Mystiker, der vor genau 700 Jahren gestorben war – bearbeitet er seinen ersten eiförmigen Stein, einen Findling. Er nennt ihn Brahmanda, das ist Sanskrit und bedeutet Ei des Universums.

In diesen drei Monaten sei sein Entschluss gereift, kein Arzt zu werden, sondern Künstler. Ein Befreiungsschlag? Laib blickt anders zurück. Das quälende Medizinstudium und die Begegnung mit Leid und Vergänglichkeit seien notwendig gewesen für seine heutige Arbeit, sagt er. Deshalb siebe er Pollen, aus dem Leben entsteht. „Ich mache mit meiner Kunst genau das, was ich eigentlich als Arzt machen wollte.“

Den Prometheus von Rubens empfindet Laib als Provokation

Nach seinem ersten Brahmanda bearbeitet Laib weitere Steine. Die Eltern unterstützen ihn moralisch und finanziell. Er verbringt viel Zeit in Indien. Um die Künstlerszene in Europa macht er einen Bogen. Bis heute fremdelt er mit europäischer Kunst, besonders aus der Renaissance, in der sich der Mensch als Herr der Künste begriff. „Es geht nicht um mich“, ist so ein Satz, den er immer wieder in Interviews sagt, wenn er nach seinen Ideen gefragt wird. Worum es aber geht, vermag Laib, der ein Freund einfacher Sätze ist, nicht recht zu artikulieren. Sprache endet, wenn es ums große Ganze geht, wenn Kunst magisch wirkt.

Bei einem Gespräch in der Münchner Pinakothek im Jahr 2017 werden Laib bekannte Kunstwerke gezeigt. Ein Versuch, sich an seine Vorstellungen von Schönheit heranzutasten. Zum Mönch am Meer des Frühromantikers Caspar David Friedrich sagt er: „Das ist gut.“ Den gefesselten Prometheus von Rubens, ein dramatisch inszeniertes Gemälde aus dem Barock, empfindet er dagegen als Provokation. Eine andere Welt, sagt er, die ihm aber zeige, worauf es ihm ankomme.

Seine Distanzierung vom Kunstbetrieb und sein wohl fernöstliches Verständnis von Zeit verschaffen ihm Freiheiten. Nach 40 Jahren widmet er sich wieder seinen Steinskulpturen, mit denen er sein künstlerisches Werk einst begann. „Andere Künstler wollen sich immer weiterentwickeln, Neues kreieren. Kunsthistoriker unterscheiden dann zwischen Frühwerk und Spätwerk“, sagt er. Diesem Druck wolle er sich entziehen. „Was wichtig ist, das kann man auch 1000 Jahre später noch machen.“

Details zur Ausstellung Wolfgang Laib im Kunstmuseum Stuttgart

Dauer
 Die Ausstellung beginnt am 17. Juni und endet am 5. November. Anders als üblich beginnt der Gang durch die Ausstellung im dritten Stock, wo Laib im Vorfeld ein großes Pollenfeld aus Kiefernblütenstaub sieben wird, den er in diesem Frühjahr gesammelt hat. Die Besucher können das Pollenfeld von der Empore aus betrachten.

Film
 Zwei Wochen nach der Vernissage wird für den Rest der Ausstellungsdauer ein 60-minütiger Film über Wolfgang Laib im Museum gezeigt – das erste ausführliche Filmporträt über den Künstler. Die Regisseurin Maria Anna Tappeiner hat ihn in seinen Ateliers bei Biberach und in Südindien während der Arbeit begleiten dürfen.

Buch
 Zur Ausstellung wird ein Lesebuch erscheinen mit vom Künstler ausgewählten Texten, die für sein Denken und seine Kunst von Bedeutung sind. Dazu hat Wolfgang Laib Fotografien von seinen Reisen gestellt. Zu den Texten gehören Passagen aus dem alten „Gilgamesch“-Epos, Gedichte des buddhistischen Mönchs Bodhidharma sowie Zitate von Friedrich Nietzsche. 

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