Und Autos natürlich. In der früheren Scheune des Anwesens stehen 40 Fahrzeuge, berichtet er. „Manchmal nehme ich mir eins und fahre morgens um halb Sieben die Großglockner-Hochalpenstraße hinauf“, sagt Wolfgang Porsche. Zum Jagen geht er sogar noch früher los. Die meisten der Autos sind Porsche, aber es ist auch ein Mercedes-Coupé 220 SE darunter, das er seinem Zahnarzt abgekauft hat. Er könnte zu jedem eine Geschichte erzählen, auch zu den beiden Jeep-artigen Porsche-Jagdwagen: „Von denen wurden nur 71 Stück im Auftrag der Bundeswehr gebaut.“ Die Seriennummern seiner Exemplare kennt er auswendig: 4 und 19.
Er hat ein volles Programm, das soll auch so bleiben
Wolfgang Porsche, 79 Jahre, hellblaue Augen unterm noch vollen, gar nicht mal so kurzen Haar, könnte auf dem Polster seines Milliardenvermögens ein ruhiges Altersdasein führen, Hobbys hat er genug. Möchte er aber nicht. Am 10. Mai, an seinem 80. Geburtstag, reist er nach Berlin zur Hauptversammlung von VW und wird sich dort noch ein letztes Mal für fünf weitere Jahre in den Aufsichtsrat wählen lassen. „Ich habe seit jeher ein volles Programm“, sagt Porsche. Und er sieht keinen Anlass, das zu ändern.
Die Versuchung ist groß, sich durch all die Anekdoten, all die Vergangenheit, die ihn umgibt, von der Gegenwart ablenken zu lassen. Selbst sein Interimsbüro bei Porsche in Zuffenhausen (die Chefetage wird gerade renoviert) steckt voller historischer Dinge. Der Teppich, der Schreibtisch, auch die auf Hochglanz polierten Schraubenschlüssel im alten Büffetschrank – alles stammt noch von seinem Großvater Ferdinand Porsche, dem Gründervater.
Viel Macht in einer Hand konzentriert
Im Vorraum hängt ein Schwarz-Weiß-Foto aus Le Mans: Der 13-jährige liegt lässig mit Schiebermütze und Stoppuhr auf einer Balustrade an der Rennstrecke. Neben ihm Ferry Porsche, sein Vater, der nach dem Krieg die Sportwagenfirma aufgebaut hat. Ein Jahr vorher, mit 12, hat der Junge das 10 000. Exemplar des Porsche 356 feierlich vom Band fahren dürfen. Die Nacht davor konnte er nicht schlafen, erinnert sich Wolfgang Porsche.
Die Gegenwart dagegen wird oft vom Graubrot der Gremiensitzungen bestimmt. „Online-Meetings sind oft praktisch, aber sie können auf Dauer auch ermüdend sein“, sagt er. „Es gibt Tage, da leite ich fünf Stunden am Stück Teams-Konferenzen.“ Kein Wunder – bei so viel Macht in einer Hand. Porsche ist eine zentrale Figur der deutschen Autoindustrie. Er sitzt dem Aufsichtsrat der Porsche AG vor und dem der Holding Porsche SE, die im VW-Konzern die Stimmenmehrheit hält. Gegen ihn geht in Wolfsburg wenig bis nichts.
So hat sein Wort mit den Ausschlag gegeben, als der manchmal ruppige VW-Chef Herbert Diess im Sommer 2022 durch den konzilianteren Porsche-Chef Oliver Blume ersetzt wurde. Der Grandseigneur fühlt sich heute bestätigt: „Herbert Diess ist ein ausgezeichneter Stratege und verfügt wie Oliver Blume über ein tiefes technisches Wissen. Aber irgendwann hat es an der Umsetzung der großen Pläne und der Unterstützung im Management gehapert.“ Blume hingegen sei „teamfähig und ein sehr zielstrebiger Umsetzer“.
Wolfgang Porsche ist überzeugt, dass er den Unternehmen, denen er von klein auf verbunden ist, noch helfen kann. „Wir leben in schwierigen Zeiten: Die Folgen von Dieselaffäre, Corona-Pandemie und Ukrainekrieg, vor allem aber die Transformation der Autoindustrie. Da gibt es viele Dinge, die geordnet werden müssen“, sagt Porsche. Und in der Familie gehe das nur, „wenn wir zusammenhalten“.
Vom VW-Betriebsrat kommt ein positives Echo
Die Tage, in denen sein streitlustiger Cousin Ferdinand Piëch als Vorstandschef in Wolfsburg das Zepter schwang, sind vorbei. Mit dessen Tod 2019 wurde auch manche Familienfehde begraben. Die Piëchs sind der Zweig, der auf Louise zurückgeht, die Tochter des Firmengründers Ferdinand Porsche. Gemeinsam mit Hans Michel Piëch, einem weiteren Cousin, hält Wolfgang Porsche heute die Interessen des Clans im Einklang, wobei die Porsches in der Holding das deutliche größere Gewicht haben.
Wolfgang Porsche schätzt keine lauten Töne. „Ich habe nichts dagegen, wenn in einem Vorgespräch jeder seine Meinung beisteuert“, sagt er. „Aber bitte nicht in der Öffentlichkeit.“ Auch im oft als unregierbar bezeichneten VW-Konzern, wo der Betriebsrat und das Land Niedersachsen selbstbewusst ihre Interessen verfolgen, komme es auf Dialogfähigkeit an. Porsches Credo: „Das Wichtigste ist, dass man miteinander redet. Es herrscht ein gutes Gesprächsklima – mit Oliver Blume, mit Niedersachsens Ministerpräsident Weil, der mich schon in Salzburg besucht hat. Und auch mit Frau Cavallo.“
Daniela Cavallo ist die Chefin des VW-Betriebsrates, und aus deren Umfeld werden die Komplimente zurückgespielt. Man habe ein gutes Verhältnis zu „WoPo“, wie er oft genannt wird. Man schätze den gesprächsorientierten Ansatz auf Seite der Kapitaleigner: „Er weiß unsere Perspektive einzunehmen.“
Ein bilderbuch-buntes Leben
Es ist ein bilderbuch-buntes, aber auch rastloses Leben, das Porsche bis heute zwischen den Wohnsitzen in Salzburg und Zell am See sowie den Autostädten Stuttgart, Wolfsburg und Ingolstadt (Audi) führt, zwischen Festspielen, Aufsichtsräten, Malen und Jagen. Auch im privaten Bereich: Vor einigen Wochen hat er die Scheidung von seiner dritten Ehefrau eingereicht, der früheren Staatsrätin Claudia Hübner, die schwer erkrankt ist. An seiner Seite ist nun oft Gabriele Prinzessin zu Leiningen zu sehen, die ehemalige Begum Aga Khan.
Er sei „ein österreichischer Schwabe, vielleicht ein bisschen mehr Österreicher“, sagt Wolfgang Porsche. Und ein Stück weit auch Vagabund, könnte man anfügen. Geboren ist er 1943 in Stuttgart. Die letzten Kriegsjahre zieht sich die Großfamilie auf das Schüttgut in Zell am See zurück. Rückkehr 1947, dann Waldorfschule am Kräherwald samt Häkel- und Töpferkursen und Abitur samt Schlosserlehre an der Odenwaldschule in Hessen. Es folgt die Studienzeit in Wien mit Promotion in Handelswissenschaften. Porsche importiert Yamaha-Motorräder aus Japan, arbeitet für Daimler-Benz – und zieht 1978 in den Aufsichtsrat von Porsche ein.
Er sieht es als sein Verdienst an, Anfang der 1990er, als Porsche in schwerem Fahrwasser war, den Sanierer Wendelin Wiedeking geholt zu haben. Und er betrachtet es als Verpflichtung, sein Versprechen von 2009 einzulösen. Der Sportwagenhersteller hatte sich mit der Übernahme von VW-Anteilen verhoben und verlor damals seine Eigenständigkeit. „Der Mythos Porsche wird nicht untergehen“, versprach „WoPo“ damals unter Tränen der Belegschaft. Jetzt, nach dem Teilbörsengang 2022, steht das Unternehmen besser da denn je, denkt er.
Noch will er das Geschäft nicht loslassen. Auch wenn es möglich wäre, wie er meint. Sein Neffe Ferdinand Oliver Porsche, Jahrgang 1961, gehört schon seit 2009 dem VW-Aufsichtsrat an. Auch seinen beiden jüngeren Söhnen Ferdinand und Felix traut er langfristig wichtige Rollen zu. „Falls mir einmal ein Ziegel auf den Kopf fällt, ist für die Nachfolge gesorgt“, sagt er. „Die nächste Generation der Familie steht schon bereit.“