Wolfgang Schorlau Ein Krimi-Autor beunruhigt die Kripo

Banner auf einer Demonstration gegen die geheimdienstlichen Verstrickungen im Zusammenhang mit der rechten Terrorzelle NSU Foto: imago/Zuma Wire/Sachelle Babbar

Im Landeskriminalamt Baden-Württemberg hat der Stuttgarter Schriftsteller Wolfgang Schorlau Gemeinsamkeiten zwischen kriminalistischer und belletristischer Aufklärungsarbeit ausgelotet und den Blick in manche Abgründe freigegeben.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Vermutlich hat man sich die Begegnung mit der Kultur im Landeskriminalamt Baden-Württemberg etwas anders vorgestellt. Zur Finissage einer dort gezeigten Wanderausstellung über „Weltreligionen, Weltfrieden, Weltethos“ wurde der Stuttgarter Schriftsteller Wolfgang Schorlau eingeladen, um im Rahmenprogramm zusammen mit dem Bluesgitarristen Werner Dannemann in einer „erzählerischen Lesung“ die Stimmung etwas aufzulockern. Doch bekanntlich legt der Schöpfer des Stuttgarter Privatdetektivs Dengler seinen Kulturauftrag in einer Weise aus, die über gefällige Unterhaltung entschieden hinausreicht. Und so nutzt er die Gelegenheit, in sommerfestlichem Ambiente zumindest den Rahmen zu sprengen, der Fiktion und Wirklichkeit sonst sauber voneinander trennt.

 

Stuttgarter Krimi-Kiez

Wo die herrschende True-Crime-Mode aus dem Tatsächlichen voyeuristische Lust herauskitzelt, nähern sich ihm Schorlaus Romane mit investigativem Ernst. Und so lässt er es sich nicht nehmen, vor den Berufskollegen des ehemaligen BKA-Ermittlers Dengler auf einige Gemeinsamkeiten hinzuweisen zwischen realer Polizeiarbeit und den Recherchen, die sein eigenes kriminalistisches Schaffen auszeichnen.

Dengler wäre selbst gerne gekommen, beginnt sein Erfinder, sei aber leider im Moment in einen aktuellen Fall verwickelt. Plaudernd skizziert er die Bewohner seines Stuttgarter Krimi-Kiezes, die ehemalige Taschendiebin Olga scheint bei den LKA-Profis keine Unbekannte zu sein. Als Schorlau ihre einzigartigen Hackerqualitäten lobt, huscht ein amüsiertes Lächeln über das Gesicht eines Herrn mit Krawatte, offensichtlich zuständig für die Abteilung Cybersicherheit.

Mit seinem Personal nähert sich der Autor ungeklärten politischen Kriminalfällen. Was er dabei herausfindet, setzt seine Zuhörer in Erstaunen, die eher zu erwarten schienen, bunte Krimi-Parallelwelt-Schmankerl mit ihrer nüchternen alltäglichen Erfahrung abgleichen zu können.

Das größte terroristische Gewaltverbrechen der BRD war der Anschlag auf das Münchner Oktoberfest 1980 mit dreizehn Toten. Schorlau erzählt, wie eines Abends zwei Männer vor seiner Tür standen, die dem völlig Ahnungslosen und Überraschten eine Nacht lang Einsicht in Ermittlungsakten gaben, in denen sich Hinweise fanden, die gegen die bis dahin offiziell verfolgte Einzeltäter-These sprachen.

Ein Fall für Georg Dengler, der Roman „Das München-Komplott“ ist das Ergebnis – und mit ein Grund dafür, dass die Untersuchungen später wiederaufgenommen worden sind. Beim Schreiben wurde ihm klar, auf welche haarsträubende Weise man den rechtsradikalen Hintergrund des Attentats gezielt wegermittelt hat. Die Recherchen eines befreundeten Berliner Journalisten in Stasiakten brachten zudem an den Tag, dass während des Bombenanschlags eine geheime Operation der Landesämter für Verfassungsschutz gelaufen sei. Darunter auch jenes in direkter Nachbarschaft zum LKA. „Die ganze Sache ist noch lange nicht aufgeklärt.“

Wo gebombt wird, ist der Geheimdienst nahe

Eine gewisse Unruhe macht sich breit wegen des unerwarteten Verlaufs der „erzählerischen Lesung“. „Sobald eine Bombe explodiert, ist ein Geheimdienst in der Nähe“, sagt Schorlau. Er erinnert an den Anfang des Nachkriegsterrorismus in Deutschland, die Molotow-Attacken auf die Springer-Zentrale 1968, die von einem Agent Provocateur in Diensten des Berliner Verfassungsschutzes lanciert wurden.

Dann der NSU-Terror, der in „Die schützende Hand“ zu einer neuen dokumentarischen Krimi-Form gefunden hat: Auch hier seien ihm Informationen zugespielt worden, aus denen hervorging, wie Thüringens Verfassungsschutz den Rechtsterroristen geholfen hätte, unterzutauchen. Dessen damaliger Chef, Helmut Roewer, veröffentlichte im letzten Jahr in einem Verlag der Neuen Rechten das Buch: „Corona-Diktatur. Der Staatsstreich von Merkel, Christunion & Co 2020/21“. „Das ist das Klima, in dem der NSU gedeihen konnte“, schließt Schorlau den Bericht, über seine Versuche, mit literarischen Mitteln „ein kleines Goldklümpchen reiner Wahrheit“ aus dem Trüben zu schürfen, in dem viele der großen politischen Kriminalfälle immer noch der Aufklärung harren.

Wenn manches von dem, was Schorlau erzählt, mittlerweile nicht mehr ganz neu ist, dann auch dank des Einsatzes seiner Romane. Während der Autor an der Mundharmonika mit Werner Dannemann seinen Auftritt mit einem trotzigen Blues ausklingen lässt, zerpflückt der Wind sein Manuskript und bläst die leise Skepsis hinweg, die sich über die Szene gelegt hat.

Der Präsident des LKA, Andreas Stenger, stammt aus Mannheim, krimitechnisch ist er eher an Ingrid Noll geschult. Beim anschließenden Stehempfang räumt er ein, dass es durchaus Überschneidungen mit der investigativen Arbeit eines Romanautors geben kann. „Wir sind aber strikt an Objektivität orientiert und haben weniger Interpretationsspielräume, auf der Seite künstlerischer Freiheit kann man alles sagen.“ In manchen Fällen sei die künstlerische Freiheit leider eher auf der anderen Seite zu finden, wirft Schorlau ein.

Teamarbeit statt einsamen Wölfen

Den Unterschied zwischen echten und Krimi-Kommissaren erklärt der LKA-Chef so: „Wir schließen unsere Fälle nicht in 83 Minuten ab, wir kommen nicht aus zerrütteten sozialen Verhältnissen, und bei uns löst nicht jemand, der nachts durch die Kneipen streift, einen Fall alleine, sondern ein Team, dem Experten unterschiedlichster Fachrichtungen angehören.“ Darunter seien Naturwissenschaftler, Mathematiker, Physiker, IT-Spezialisten, Islamwissenschaftler, Soziologen, Psychologen. Schriftsteller kommen in seiner Aufzählung nicht vor. Bis jetzt.

Dabei hat man die Ausstellung ganz aus den Augen verloren. Auf einer Tafel zur Welt-Ethos-Thematik ist der Satz zu lesen „Wenn Menschen friedlich zusammenleben wollen, sind sie auf gemeinsame ethische Werte angewiesen.“ Nach Schorlaus Ausführungen kann man daran gar nicht genug erinnern.

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