Wolfgang Schorlau über Krimi und Corona Dengler ermittelt im Häuserkampf

In den eigenen vier Wänden: der Stuttgarter Bestsellerautor Wolfgang Schorlau Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Bestsellerautor Wolfgang Schorlau feiert ein kleines Jubiläum: Im Herbst erscheint der zehnte Thriller mit seinem Stuttgarter Privatdetektiv. In „Kreuzberg Blues“ untersucht Georg Dengler den Mord an einem Immobilienunternehmer. Auch Corona spielt eine Rolle.

Stuttgart - Irgendeinen Roman hat Wolfgang Schorlau, der nächstes Jahr siebzig wird, immer auf den Bestsellerlisten. Derzeit ist es „Der Freie Hund“ mit Commissario Morello, den er gemeinsam mit dem Co-Autoren Claudio Caiolo in die Welt gesetzt hat. Im November aber kehrt sein Privatdetektiv Dengler zurück auf die Bühne des Politthrillers: Im „Kreuzberg Blues“ geht es um das Recht auf Wohnen vorm Hintergrund der heraufziehenden Pandemie. Über Corona und die Folgen macht sich Wolfgang Schorlau aber auch privat Gedanken.

 

Herr Schorlau, lassen Sie uns zunächst die Standortfrage klären. Schon mit dem Titel Ihres neuen Romans, mit „Kreuzberg Blues“, bringen Sie Berlin ins Spiel. Zieht der Privatdetektiv Georg Dengler endgültig in die Hauptstadt?

Nein, keine Sorge. Dengler bleibt im Stuttgarter Bohnenviertel. Aber es stimmt, dass Dengler bereits zweimal in Berlin ermittelt hat, in „Die letzte Flucht“ zu Machenschaften der Pharmakonzerne und in „Fremde Wasser“ zur Privatisierung der Wasserindustrie. Ich will aber nicht verschweigen, dass durch das Fernsehen ein Druck entsteht, Dengler tatsächlich nach Berlin ziehen zu lassen.

Das müssen Sie erklären.

Fast alle, die an den Dengler-Verfilmungen beteiligt sind, wohnen in Berlin, angefangen bei den Regisseuren und Kameramännern über Ausstatter und Beleuchter bis hin zu den Schauspielern. Die Crew nach Stuttgart zu bringen, würde Geld kosten, das nicht in Filmbilder, sondern in Transport, Unterbringung und Catering fließen würde. Insofern läge es schon nahe, den Film-Dengler in Berlin anzusiedeln. Aber das wird nicht passieren. Im Gegenteil: Ich kämpfe sehr dafür, dass eine Verfilmung auch mal an den Originalschauplätzen spielt, zum Beispiel im „Basta“ in der Brennerstraße.

Zum Jubiläum aber zieht es auch den Roman-Dengler offensichtlich wieder nach Berlin. Warum?

Eine Freundin von Olga bittet ihn, Licht in einen Immobilienskandal zu bringen. Im weiteren Sinn geht’s damit um das Recht auf Wohnen in unseren Städten: Steht dieses Recht jedem zu? Oder steht es bei explodierenden Boden- und Mietpreisen nur Menschen mit dem nötigen Geld zu?

„Die öffentliche Hand hat Wohneigentum zum Spottpreis verscherbelt“

Eine rhetorische Frage, oder?

Ja, sollte man meinen, denn Nicht-Wohnen geht nicht. Punkt. Trotzdem wird diese Selbstverständlichkeit durch grundlegende Veränderungen der letzten zwanzig Jahre infrage gestellt. Früher war es so, dass sich die Miethöhe nach den lokalen und regionalen Einkommensverhältnissen gerichtet hat: Wohnen auf der Schwäbischen Alb war billiger als in Stuttgart, ein Mechanismus, der eng mit der Dezentralität des Wohneigentums zusammenhing. Mittlerweile aber sind nur noch selten Einzelpersonen die großen Vermieter, sondern Konzerne, hinter denen große Finanzinstitute stehen. Zu nennen ist insbesondere Blackrock aus den USA, der weltweit größte Vermögensverwalter . . .

. . . bei dem bis vor kurzem auch der CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz gearbeitet hat, als Aufsichtsratschef des deutschen Ablegers . . .

. . . und Blackrock ist der größte Einzelaktionär bei großen Wohnungskonzernen. Das heißt: die Miethöhe und damit die Vermietung von Wohnraum hat sich von den Einkommen der Mieter gelöst und ist zu einer Funktion der Finanzwirtschaft geworden.

Und woher kommen die bösen Wohnungskonzerne?

Ihre Entstehung erinnert mich an Verfallsprozesse der untergehenden Sowjetunion, wo sich Oligarchen das vormalige Staatseigentum unter den Nagel gerissen haben. In Deutschland hat die öffentliche Hand Wohneigentum im großen Stil an Konzerne verkauft. In Baden-Württemberg geschah das unter Grün-Rot, wo die Wohnungen zum Spottpreis an die Patricia gingen, die sie sofort mit enormem Gewinn weiterverkauft hat. In Berlin wurden in der „arm, aber sexy“-Phase unter einem Rot-Roten Senat mit Finanzsenator Thilo Sarrazin ganze Wohnbaugesellschaften an Heuschrecken-Hegdefonds verscherbelt, die irgendwann bei der Deutschen Bank landeten. Heute heißt der Konzern Deutsche Wohnen AG und ist der größte Mieteigentümer von Berlin. Die Geschäftspolitik solcher Konzerne untersucht Dengler in seinem zehnten Fall.

„Die Kreuzberger Vielfalt ist für einen Krimiplot ein Segen“

Und was findet er strukturell heraus?

Dengler stößt bei den Konzernen auf vier Geschäftsmodelle, alle zu Lasten der Mieter. Erstens: in Stadtvierteln, in denen ärmere Menschen wohnen, wird nichts mehr investiert. Wenn die Heizung ausfällt, bleibt’s kalt, wenn der Aufzug ausfällt, geht man zehn Stockwerke zu Fuß. Da die Miete zum Großteil vom Sozialamt kommt, ist das für die Wohnungskonzerne eine sichere Sache. Zweitens: Alte Mieter mit Bestandsmieten werden aus ihrer Wohnung rausgekickt, um über eine Neuvermietung höhere Gewinne zu erzielen. Die Mietsteigerungen in Berlin bei bestehenden Mietverträgen beliefen sich zwischen 2008 und 2018 auf 32 Prozent, bei Neuvermietungen jedoch auf 104 Prozent. Deshalb ist es ein hochprofitables Geschäft, bestehende Mieter raus zu kicken und die Wohnung neu zu vermieten. Drittens: die Umwandlung von Mietwohnungen in hochsanierte Eigentumswohnungen und – viertens – Abriss und Neubau. Bei allen Methoden ist der Mieter letztlich ein aus der Wohnung zu entfernendes Element – selbst dann, wenn er gerade erst eingezogen ist, denn die Konzerne denken in ihrer Profitlogik schon gleich wieder ans Rauskicken, um die Spirale weiterzudrehen.

Und was führt konkret zum Kreuzberg-Blues des Georg Dengler?

Er muss klären, unter welchen Umständen ein Spekulant zu Tode kam. Steckt die Konkurrenz dahinter? Oder doch die militante Häuserkampfszene? In der Ecke von Kreuzberg, die ich mir als Schauplatz ausgesucht habe, zeigt sich nicht nur das Wohnen als neue soziale Frage in aller Schärfe, dort knallen auch unterschiedlichste Milieus auf engstem Raum zusammen. Trister DDR-Plattenbau und türkische Community, schicke Yuppie-Szene und arabische Gangs plus schwarzer Block, alles in einem Radius von 300 Metern. Diese Dichte und Vielfalt ist großartig und weltweit einmalig – und für einen Krimiplot ein Segen, weshalb es auch nicht der Druck des Fernsehens war, der mich Dengler wieder nach Berlin schicken ließ, sondern allein mein schriftstellerischer Ehrgeiz.

Wird denn auch der „Kreuzberg Blues“ verfilmt?

Ja. Als ich mitten im Schreiben war, haben der Regisseur Lars Kraume, die zuständige ZDF-Redaktion und ich als Autor beschlossen, dass als nächste Verfilmung der „Kreuzberg Blues“ dran ist. Dann kam Corona. Derzeit kann niemand sagen, wann der Dreh zum sechsten Dengler-Thriller starten wird. Aber das Fundament ist gelegt: Auf der Basis eines gemeinsam mit mir erstellten weitreichenden Treatments hat Lars Kraume das Drehbuch bereits geschrieben.

Schlägt sich die lähmende Pandemie auch in Ihrem Roman nieder?

Als Schriftsteller, der sich der sozialen Wirklichkeit verschrieben hat, komme ich an der Corona-Krise nicht vorbei. Dieses Megathema schlägt alles andere. Deshalb habe ich im März weite Passagen des Buchs umgeschrieben und die Handlung in die Zeit der heraufziehenden Pandemie gelegt, als das Virus von China nach Europa kam und in Bergamo die Leichen lastwagenweise abtransportiert wurden. Gegen Ende des Romans trägt auch Dengler eine Schutzmaske und nutzt sie, um unerkannt zu bleiben . . . Aber ich will nicht zu viel verraten.

„Wer auf dem Ich-hasse-Bill-Gates-Trip ist, ist für Argumente verloren2

Ist der „Kreuzberg Blues“ unter der Hand auch ein Buch über Corona geworden?

Nein, das nicht. Ich bleibe beim Thema Wohnen, weil ich den Roman nicht überfrachten wollte. Denglers Ermittlungen stehen im Fokus, während sich die Pandemie im Weichbild des Romans entwickelt, aber die Tragödie schon erahnen lässt.

Ihre Krimis zeichnen sich dadurch aus, dass sie offiziellen Wahrheiten stets misstrauen. Das tun Corona-Kritiker derzeit auch. Haben Sie Verständnis für deren Proteste?

Man kann die erheblichen Einschränkungen, die wir derzeit alle erfahren haben, ablehnen. Doch wenn behauptet wird, Corona sei keine Pandemie, sondern eine mehr oder weniger normale Grippewelle – dann wird es schwierig. Unter den Protestierenden gibt es Menschen mit berechtigten Existenzängsten, es gibt Grundrechte-Verteidiger, deren Engagement ich akzeptieren kann, und es gibt Impfgegner, deren Haltung mir verantwortungslos erscheint. Und es gibt es dort eine Menge Leute, die einfach die Welt nicht mehr verstehen und nach Erklärungen suchen – ein Bedürfnis, das ich nachvollziehen kann, weil der Mensch ein „storytelling animal“ ist, ein Wesen, das sich über Geschichten die Welt begreifbar macht. Schlimm ist nur, wenn falsche Geschichten in Fanatismus umschlagen.

Wie würden Sie als Politiker mit der komplexen Gemengelage des Protests umgehen?

Schwer zu sagen. Wer auf dem Ich-hasse-Bill-Gates-Trip ist und fanatisch wird, ist für einige Jahre hinaus für Argumente verloren. Es erinnert mich an meine eigene fanatische Zeit, als ich mit 18, 19 Jahren im KBW war, im Kommunistischen Bund Westdeutschland. Lange her und eine interessante Erfahrung, sofern man anschließend vernünftige Schlüsse draus gezogen hat. Die Zeit der Verirrung ist heute auch ein wesentliches Motiv für mein Schreiben: falschen Geschichten zur Welterklärung humane Geschichten entgegensetzen. Der „Kreuzberg Blues“ mit seinem Menschenrecht auf Wohnen erfüllt hoffentlich diesen Anspruch.

Infos
Dass er Schriftsteller werden sollte, war ihm keineswegs in die Wiege gelegt. 1951 in Idar-Oberstein geboren, wuchs Wolfgang Schorlau nach dem Tod des Vaters mit seiner Mutter auf. Mit elf kam er in ein Waisenheim in Freiburg, begann eine Lehre als Großhandelskaufmann, holte in Westberlin auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach und machte sich mit einer kleinen Software-Firma selbstständig. Erst mit Ende vierzig begann er seine Schriftstellerkarriere.

Heute gilt der im Stuttgarter Heusteigviertel wohnende Wolfgang Schorlau als Meister des deutschen Politthrillers. Wie gründlich er für seine Romane recherchiert, zeigte sich zuletzt in der Debatte um die Fleischindustrie, einem Hotspot der Corona-Infektionen. Wie unhaltbar dort die Zustände für Mensch und Tier sind, beschrieb Schorlau Punkt für Punkt in seinem Dengler-Krimi „Am zwölften Tag“. Die aktuelle Auseinandersetzung überrascht ihn deshalb nicht im Geringsten: „Mich wundert nur, dass sie so spät kommt. Sie war auch vor Corona längst überfällig.“

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